Ringbahn

Noch kein neuer Betreiber – Berlin droht neues S-Bahn-Chaos

Das Vergabeverfahren des Ringbahn-Netzes in Berlin dauert länger als geplant, erst im 2015 könnte der Milliardenauftrag vergeben werden. Und 2017 soll ein Viertel der Flotte ausgemustert werden.

Foto: Amin Akhtar

Die Suche nach einem neuen Betreiber der Berliner S-Bahn gerät weiter in Verzug. Der von den Ländern mit der Ausschreibung des Teilnetzes Ringbahn beauftragte Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) hat jetzt die Angebotsfrist verlängert – auf Ende Februar 2015. Bislang lag für potenzielle Bewerber der Abgabetermin im Oktober dieses Jahres.

Da nach Angebotsabgabe noch komplizierte Nachverhandlungen erwartet werden, rechnen Insider damit, dass die Vergabe des Milliardenauftrags erst im Herbst 2015 erfolgen wird. Ursprünglich wollte Verkehrssenator Michael Müller (SPD) bereits im Herbst dieses Jahres bekanntgeben, wer ab Dezember 2017 die wichtige Ringbahn und drei Zubringerlinien die dann folgenden 15 Jahre betreibt.

Aus Senatskreisen heißt es, die Bewerber für den Großauftrag hätten selbst um eine Terminverlängerung gebeten, um alle Anforderungen für die Erstellung eines Angebots erfüllen zu können. Aus den Unternehmen ist indes zu hören, dass das Vergabeverfahren für die Berliner S-Bahn so komplex und kompliziert gestaltet werde wie bislang kein anderes in Deutschland. „Es wird versucht, sich gegen alle nur denkbaren Risiken abzusichern“, so ein Beteiligter.

Angesichts der neuerlichen Verzögerung befürchten die Berliner Grünen erhebliche Angebotseinschränkungen im öffentlichen Nahverkehr. Dieses Mal jedoch nicht verursacht durch Sparmaßnahmen und Wartungsschlampereien der Bahn, sondern durch das Vorgehen des Senats, der Tempo und Details der Ausschreibung maßgeblich bestimmt. „Wenn es so weitergeht, droht 2017 ein neues S-Bahn-Chaos in der Stadt“, warnt die Fraktionschefin der Grünen, Ramona Pop. Denn zu diesem Zeitpunkt müsste rund ein Viertel der aktuellen S-Bahn-Flotte ausgemustert werden, ohne dass die dann dringend benötigten neuen Züge da sind. Es handelt sich dabei um die 300 Wagen der dann mehr als 30 Jahre alten Baureihen 480 und 485.

400 neue Fahrzeuge für den Betrieb der Ringbahn

Auch wegen des wachsenden Verkehrsbedarfs soll der neue Betreiber rund 400 neue Fahrzeuge für den Betrieb der Ringbahn-Linien mitbringen, die je nach Ausstattung zwischen 600 Millionen und einer Milliarde Euro kosten werden. Ein solches Investment wird selbst ein Großkonzern wie die Deutsche Bahn jedoch erst machen, wenn er rechtssicher den Zuschlag für den Auftrag bekommen hat. Denn nur so sind die Einnahmen zur Refinanzierung der neuen Fahrzeuge über zunächst 15 Jahre gesichert. Selbst äußerst leistungsfähige Schienenfahrzeughersteller wie Bombardier und Siemens gehen davon aus, dass Entwicklung und Bau eines Triebwagens für das technisch sehr spezielle S-Bahn-Netz mindestens 44 Monate dauern. Ein Prototyp der neuen S-Bahn-Generation würde demnach frühestens 2019 zur Erprobung kommen..

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die für das Land Berlin die Ausschreibung managt, geht intern inzwischen sogar davon aus, dass erst ab November 2020 die ersten zehn Vorserienfahrzeuge über die Schienen rollen werden. Weil nicht alle bestellten Züge gleichzeitig montiert werden können, könnte sich die Auslieferung über mehrere Jahre hinziehen. Erst Mitte August 2023, so sieht es der aktuelle fünftstufige Inbetriebnahmeplan der Senatsverwaltung vor, werden alle ausgeschriebenen Linien (S8, S41, S42, S8, S46 und S47 mit neuen S-Bahn-Triebwagen befahren. Das läuft der neue Verkehrsvertrag bereits fast sechs Jahre.

„Die Berliner S-Bahn ist ein Unikat“

Ein kurzfristiger Ersatz durch Fahrzeuge aus anderen Teilen Deutschlands ist wegen der Besonderheiten der Berliner S-Bahn nicht möglich. Selbst von der technisch ähnlichen S-Bahn Hamburg können keine Züge ausgeliehen werden. „Die Berliner S-Bahn ist ein Unikat“, so ein Fahrzeug-Experte.

Es gibt keine Alternative: Um das größte Chaos im S-Bahn-Verkehr zu verhindern, müssen die betagten Altbauzüge viele Jahre länger fahren als geplant. Eine Expertenkommission hatte bereits im Herbst 2013 festgestellt, dass dies möglich ist. Allerdings sind erhebliche Aufwendungen zur technischen Ertüchtigung der Fahrzeuge erforderlich. Kostenaufwand: insgesamt 100 bis 160 Millionen Euro.

Der Eigentümer der alten Züge, die zum Bahnkonzern gehörende S-Bahn Berlin GmbH, ist für einen Umbau bereit und hat dafür auch die entsprechenden Werkstattkapazitäten. Allerdings steht eine Vereinbarung mit dem Senat darüber bislang aus. „Obwohl die große Dringlichkeit bekannt ist, gibt es noch immer keine Übergangslösung“, beklagt Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop.

„Vereinbarung ist überfällig“

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verwies in einer Stellungnahme an den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses darauf, dass ein solcher Übergangsvertrag erst abgeschlossen werden kann, wenn im Ergebnis der Verhandlungen zum Teilnetz Ring feststehe, „für welchen Zeitraum die zu ertüchtigenden Fahrzeuge benötigt werden und welcher Aufwand dafür sachgerecht erforderlich ist“. Zudem sei noch nicht abschließend geklärt, „nach welchen Verfahren und zu welchen Zeitpunkt ein Interimsvertrag für die Zeit nach 2017 abgeschlossen werden darf und kann“. Im Klartext: Möglicherweise könnte erst nach einer Vergabeentscheidung im nächsten Jahr auch der dringend benötigte Übergangsvertrag mit dem heutigen Anbieter, der S-Bahn Berlin GmbH, abgeschlossen werden. Für die Grünen-Fraktionschefin Pop ist das viel zu spät: „Die Vereinbarung ist überfällig, sonst reicht die Zeit für einen rechtzeitigen Umbau der Züge nicht.“

Die Befürchtung scheint berechtigt. Denn die S-Bahn kann die 70 Viertelzüge der alten Westberliner Baureihe 480 (Spitzname „Toaster“) und die 80 Doppelwagen der noch zu DDR-Zeiten montierten Baureihe 485 (auch „Coladosen“ genannt) nicht auf einen Schlag in die Werkstätten holen. Vor allem, weil sie täglich im laufenden Betrieb benötigt werden und die S-Bahn so gut wie keine Reservezüge hat. Schon jetzt kann sie den vertraglich geforderten täglichen Einsatz von 562 Viertelzügen nicht garantieren. Aktuell sind in der Hauptverkehrszeit nur 530 Zwei-Wagen-Einheiten unterwegs.

Ein zweiter Grund sind die begrenzten Kapazitäten der Hauptwerkstatt in Schöneweide, wo die Arbeiten erledigt werden sollen. Eine Vergabe des Modernisierungsauftrags nach außerhalb wird von der Berliner S-Bahn nicht mehr in Betracht gezogen. Zu schlecht waren die Erfahrungen bei der 2012 und 2013 erfolgten Reaktivierung der 485er-Züge. Doch in der Werkstatt Schöneweide erfolgen auch die alle acht Jahre fälligen Revisionen der Fahrzeuge, bei denen die Wagen komplett auseinander und zusammen gebaut werden. Für die Baureihe 481, die mit 500 Doppelwagen den Großteil der S-Bahn-Flotte stellt, stehen diese Hauptuntersuchungen ab 2018 an. „Da kommt ein großer Berg an Arbeit auf uns zu“, so ein S-Bahn-Insider. Damit ist klar: Werden die Altfahrzeuge nicht vorher modernisiert, wird es 2018 zu drastischen Angebotseinschränkungen bei der S-Bahn kommen.

Auch ein vollständiger Ausgleich durch Mehrleistungen der landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist nicht möglich. Der BVG mangelt es vor allem an U-Bahn-Wagen. „Wir haben zwar Reserven, aber bei Nachfragespitzen reichen die schon jetzt nicht aus“, räumte BVG-Chefin Sigrid Nikutta erst kürzlich bei einer Anhörung im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses ein. Kurzfristig könnten lediglich Busse zusätzlich geordert werden. Doch ein solcher Ersatzverkehr, daran werden sich viele Berliner erinnern, kann ausfallende S-Bahn-Züge nicht annähernd ersetzen.