Klinik-Krise

In der Chefetage der Berliner Charité rumort es gewaltig

Geheimkonten und Amigo-Vorwürfe: Ein Streit gefährdet die Einheit zwischen Vorstand und Wissenschaftlern an der Charité. Viele Akteure rechnen mit dem Rücktritt von Dekanin Annette Grüters-Kieslich.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

An der Berliner Universitätsklinik Charité herrscht im Jahre 304 ihres Bestehens ein ernsthafter institutioneller Notstand. Wenn am Montag der Aufsichtsrat zu einer Sondersitzung zusammentritt, geht es nicht nur um die Geheimkonten für 34 Millionen Euro angesparter Drittmittel oder die fragwürdige Vergabe von Aufträgen in der Fakultät.

Zur Disposition steht vielmehr die Zukunft der Charité als integriertes Unternehmen, in dem wissenschaftliche Forschung, Lehre und Krankenversorgung sinnvoll zusammen gedacht und erbracht werden.

Die Wirtschaftsprüfer von Rödl & Partner attestieren nach ihrer Tiefenprüfung der Drittmittel-Konten und der Analyse des Verhaltens von Vorstandsmitgliedern der Charité eine „Stakeholder“-Krise. Das heißt, die einzelnen Teile des Unternehmens mit mehr als 13.000 Beschäftigten und einem Milliardenumsatz ziehen nicht an einem Strang, sondern arbeiten gegeneinander.

Zusammenarbeit mit Dekanin Annette Grüters-Kieslich „nicht möglich“

Vor allem kracht es zwischen der Fakultät mit der Dekanin Annette Grüters-Kieslich, der die Wissenschaft an der Charité untersteht, und dem Klinikum sowie der Mehrheit des Gesamtvorstandes unter Karl Max Einhäupl. Eine gedeihliche Zusammenarbeit beider Teile des Hauses sei mit der jetzigen Dekanin nicht möglich, heißt es in Kreisen ihrer Gegner.

Auslöser der aktuellen Krise war die Entdeckung von 34 Millionen Euro aus Pauschalen für Forschungsprojekte, von denen der Vorstand nichts gewusst haben will. Die Dekanin habe dieses Geld versteckt, heißt es.

Grüters-Kieslich selbst sieht eine Intrige des Rest-Vorstandes, um das Geld für die ständig mit Liquiditätsengpässen ringende Gesamt-Charité zu sichern. Die Forderung nach Transparenz im Umgang mit den Drittmitteln sei ein vorgeschobenes Argument, um die Kontrolle über die Fakultät und ihr Geld zu erringen. Wenn die Forscher sich gegenüber der Klinik und dem Gesamtvorstand verantworten müssten, würde die Forschung geschwächt, so das Argument. Grüters-Kieslichs kaufmännischen Direktor dürfe nicht gekündigt werden, weil sonst lange arbeitsrechtliche Prozesse drohten. Diese Lesart hat unter Wissenschaftlern der Charité viele Anhänger, auch wenn längst nicht alle Professoren hinter der Dekanin stehen.

Kritiker unter den Hochschullehrern beklagen, dass in der Fakultät inzwischen Angst herrsche, abweichende Meinungen zu vertreten. Das System der aus den Pauschalen für extern finanzierte Forschungsprojekte angesparten Millionen lasse der Dekanin viel Macht, Geld an Gefolgsleute zu verteilen.

Dekanin ignorierte Schreiben der Berliner Wirtschaftssenatorin

Die eigenwillige Kinderärztin, seit 2008 im Amt, hatte sich zuletzt mehrfach gegen ihre Vorstandskollegen und auch gegen den Aufsichtsrat gestellt. Nachdem die offiziellen Wirtschaftsprüfer der Charité die Drittmittel-Konten gefunden und eine Verbuchung in den normalen Charité-Haushalt gefordert hatten, ließ Grüters-Kieslich durch andere Wirtschaftsprüfer ein Gegengutachten für 45.000 Euro in Auftrag geben. Dabei ignorierte die Dekanin ein Schreiben der Wirtschaftssenatorin und Aufsichtsratsvorsitzenden Sandra Scheeres (SPD).

Die hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass derartige Aufträge durch den Aufsichtsrat „nicht gedeckt“ seien. Als der Vorstandsvorsitzende Einhäupl im vergangenen Herbst darauf drang, das Controlling des Finanzvorstandes auf das Drittmittel-System der Fakultät auszuweiten, hatte die Dekanin ebenfalls gegenteilige Stellungnahmen eingeholt, die Einhäupl dieses Recht absprachen.

Aber es ging nicht immer um Drittmittel: Für eine Strategieberatung der Fakultät gab die Dekanin 150.000 Euro aus, ohne Vorstand und Aufsichtsrat einzubinden. Mit solchen Aktionen habe Grüters-Kieslich das „Integrationsmodell der Charité gesprengt“, heißt es.

Hinzu kommen die ohne Ausschreibung vergebenen Aufträge. So erhielt eine mit der Dekanin bekannte Architektin über mehrere Jahre insgesamt 700.000 Euro für Beratungsleistungen, die nicht jedem einleuchten. Die Kontrolleure um die Aufsichtsratschefin Scheeres und Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) sind nun gefordert, einen Weg zu finden, um die Gräben zuzuschütten.

Viele rechnen mit Rücktritts-Forderungen am Montag

Im Aufsichtsrat und in der Chefetage der Charité wird jedoch kaum eine Möglichkeit gesehen, mit der Dekanin eine Integration von Fakultät und Klinikum hinzukriegen. Viele Akteure rechnen damit, dass die Dekanin am Montag zum Rücktritt aufgefordert wird. Direkt rauswerfen kann der Aufsichtsrat Grüters-Kieslich nicht, denn sie ist vom Fakultätsrat gewählt. Dieses Gremium der Selbstverwaltung müsste sie auch wieder abwählen. Sollte sich die Mehrheit der zur Dekanin haltenden Gruppe im Rat dagegen entscheiden, wäre die Blockade perfekt. Noch wird aber versucht, für die Ärztin eine gesichtswahrende Lösung zu finden.

Dass die Aufsichtsräte gleich Tabula rasa machen und den gesamten Vorstand freistellen, ist kaum zu erwarten. Dazu reichen nach Einschätzung aus Aufsichtsratskreisen die Vorwürfe nicht wirklich aus, zumal nach bisherigen Erkenntnissen kein Geld veruntreut worden ist. Einhäupl versichert stets, von dem System von Geheimkonten der Fakultät nichts gewusst zu haben. Aber noch ermittelt die Staatsanwaltschaft. Der Zorn der Kontrolleure sei „durchaus abgestuft“, richte sich deutlich stärker gegen die Dekanin als gegen Einhäupl, wird die Stimmungslage im Aufsichtsrat beschrieben. Aber bisher ist der Vorstand nicht entlastet worden, eine Drohkulisse steht noch.

Gemeinsame Kontrolle der Drittmittel

Aber nicht einmal Finanzsenator Nußbaum, der sich vor einigen Jahren einen öffentlichen Streit mit Einhäupl lieferte, hat ein Interesse daran, in stürmischen Zeiten die komplette Führungscrew der Charité auszuwechseln. Die umfangreiche Bautätigkeit in und um das Bettenhaus in Mitte, die anstehenden Sanierungen unter anderem des Klinikums in Steglitz, der geforderte Bettenabbau und die angespannte finanzielle Lage der Charité lassen einen Rauswurf Einhäupls nicht angeraten erscheinen.

Am Montag soll ein Modell diskutiert werden, wie künftig die Drittmittel gemeinsam kontrolliert werden können. Die Fakultät könnte ein Veto-Recht erhalten, wenn sie befürchtet, dass Geld aus der Wissenschaft in andere Teile der Charité umgelenkt werden soll.