„Fünf Morgen“

Dahlemer Mauer des Anstoßes - Investor Stofanel wehrt sich

Fünf Meter hohe Lärmschutzwände um eine Skaterbahn und eine Kita an der Dahlemer Marshallstraße sorgen für Proteste. Sie sollen das exklusive Stadtquartier „Fünf Morgen“ abschirmem.

Foto: euroluftbild.de/Robert Grahn

Nun wehrt sich der Investor. Am Tag nach Bekanntwerden der Proteste gegen fünf Meter hohe Lärmschutzwände um eine Skaterbahn und eine Kita an der Dahlemer Marshallstraße meldete sich das Unternehmen Stofanel. Die Wände seien vonseiten des Bezirks zu einer Bedingung für die Erteilung einer Baugenehmigung gemacht worden. Sie beugten möglichen Klagen betroffener Nachbarn vor. Der Immobilien-Investor Stofanel baut auf der anderen Seite der Marshallstraße die Wohnhäuser des exklusiven Stadtquartiers „Fünf Morgen“ – und befürchtet, der Lärm der Jugendlichen und ihrer Skateboards und Inline-Skates könnte die künftigen Bewohner stören. In mehreren Workshops, so heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Unternehmens Stofanel weiter, sei die Gestaltung mit der Jugendfreizeiteinrichtung, mit Vertretern des Bezirks und dem Schallschutzgutachter festgelegt worden. Dabei seien auch verschiedene Ideen der befragten Jugendlichen mit eingeflossen, die zum Beispiel eine integrierte Kletterwand und Begrünung vorsahen. Die endgültige Gestaltung sei in der Baugenehmigung verbindlich festgelegt.

Kosten trägt der Bauherr

Die Bauarbeiten für die drei Wände sind bereits im Gange, die hohen Stahlträger stehen schon. Stück für Stück werden nun die Lücken dazwischen mit großen Platten geschlossen. Sie sollen künftig den Skaterpark und den Bolzplatz der Jugendfreizeiteinrichtung G. Marshall weitestgehend umgeben. Die Jugendlichen haben die Sportflächen zum Teil in Eigenregie gebaut. Täglich von 15 bis 20 Uhr dürfen sie hier fahren und spielen. Die Wände des Anstoßes stehen auf der Seite der Jugendfreizeiteinrichtung, nicht auf der Seite der „Fünf Morgen“-Häuser, die Kosten tragen die Bauherren von Stofanel. Auf dem 50.000 Quadratmeter großen Neubau-Areal entstehen für 200 Millionen Euro unter anderem Wohnungen und Büros an einem künstlichen See. Angrenzend zur Clayallee haben bereits im vergangenen Jahr Supermärkte, Cafés und ein Fitness-Studio von Pop-Sängerin Madonna eröffnet.

Ebenso betroffen ist das Kinderhaus Tom Sawyer des Unionhilfswerks, in dem täglich 110 Kinder betreut werden. Es steht hinter dem ebenfalls abgeschirmten Basketballplatz. Viele der Kinder spielen während ihres Kita-Aufenthaltes auch draußen auf den Plätzen. „Eine der Mauern steht sogar direkt vor unseren Fenstern“, sagt Kita-Leiterin Anne Pallada. „Sie sind so hoch und in höchstem Maße unästhetisch, fast wie Gefängnismauern. Man fühlt sich auf dem Platz wie abgeschottet von der Außenwelt.“ Sie regt sich vor allem darüber auf, dass wenig informiert wurde, wann und wie der Schallschutz gebaut wird. „Zwar war in der Planungsphase mal ein Vertreter von Stofanel bei einer Infoveranstaltung. Damals wurden die Jugendlichen gefragt, wie sie sich an der Gestaltung der Wände beteiligen möchten“, sagt Anne Pallada. „Eigentlich waren wir froh, dass eine solche Lösung mit Stofanel gefunden wird. Schließlich fürchtete die Einrichtung in Bezug auf Lärmschutzklagen um ihre Existenz angesichts solch eines neuen Wohnbaugebietes.“ Doch die Weiterentwicklung der Ideen sei im Sande verlaufen. Stattdessen beginne man nun mit dem Bau der Mauer, ohne dass irgendwo dazu eine Infotafel stünde.

Norbert Schmidt (CDU), Baustadtrat von Steglitz-Zehlendorf, sieht planungsrechtlich keine Fehler. „Das Gebiet der ehemaligen Truman Plaza, das nun bebaut wird, war immer schon als allgemeines Wohngebiet ausgewiesen“, erklärt er. „Normalerweise dürfen solche lärmintensiven Anlagen wie eine Skaterbahn gar nicht an einem Wohngebiet sein. Doch weil die Skaterbahn dort schon länger existiert und befürchtet wurde, dass sich nun durch die neuen Bewohner Lärmklagen einstellen, wurde veranlasst, dass die Wände entstehen.“

Der Bezirk habe die Lärmbelastung durch Fachleute „mit technischer Ausrüstung“ messen lassen. Das Ergebnis: „Die Skaterbahn beeinträchtigt mit Lärm unverhältnismäßig die Umgebung.“ Den Einwand von Anne Pallada, es habe sich von den Anwohnern, die auf der anderen Seite an das Kinder- und Jugendfreizeitgelände angrenzen, niemals jemand über Lärm beschwert, lässt er nicht gelten. „Die dürfen gar nicht wegen Lärmbelästigung klagen, weil das Areal dort noch nach altem Recht bebaut wurde. Dort galt keine Bebauungsverordnung, sondern eine Baunutzungsverordnung. Das ist eine andere rechtliche Voraussetzung.“

Fehlende Transparenz

Ina Czyborra (SPD), die für Steglitz-Zehlendorf im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, kann die Sorge vor Lärmschutzklagen nachvollziehen, meint aber, dass es vielleicht Alternativen gegeben hätte. „Die Wände zu veranlassen, war vonseiten des Bezirks vorauseilender Gehorsam. Man wollte ja 2011, als es um die Planung der Bebauung ging, den Weg für den Investor möglichst schnell ebnen.“ Häufig fehle zudem die Transparenz. „Man lässt am Anfang bei solchen Neubau-Projekten immer ein bisschen Bürgerbeteilung zu, und wenn dann die Bagger kommen, kriegen alle einen Schreck wegen des Ausmaßes“, sagte Czyborra.

Schmidt erklärt, warum die Wände auf der Seite der Jugendfreizeiteinrichtung stehen und nicht vor den Neubauten. „Es muss immer der Lärmverursacher dafür sorgen, dass er nicht zur Last fällt.“ Natürlich sähen die Wände sehr massiv aus. „Aber in der Tat steigt in der heutigen Zeit das Bedürfnis der Menschen nach Ruhe. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen und einen Ausgleich schaffen.“