Vermisste Achtjährige

Sharlyn führt Polizei zur Wohnung - Verdächtiger verletzt

Im Fall der vermissten Sharlyn ergaben die Ermittlungen, dass das Mädchen am Vortag von einem Mann mit in dessen Wohnung genommen wurde. Der Verdächtige unternahm derweil offenbar einen Suizidversuch.

Foto: BM

Das vermisste Mädchen Sharlyn führte die Polizei zur Wohnung des Verdächtigen. Zu Übergriffen, insbesondere sexueller Art, soll es dort nach Kenntnisstand der Ermittler allerdings nicht gekommen sein, sagte ein Polizeisprecher. Nach der Achtjährigen wurde am Montag mit einem großen Polizeiaufgebot gesucht. Der Verdächtige wurde in seiner Wohnung schwer verletzt angetroffen. Der 25-Jährige hatte zuvor offenbar einen Suizidversuch unternommen. Ein Notarzt lieferte ihn am Dienstagnachmittag in ein Krankenhaus ein.

Sharlyn war zusammen mit ihrer siebenjährigen Schwester auf einem Spielplatz an der Ernst-Bloch-Straße gewesen. Gegen elf Uhr kehrte die Jüngere in die nahe gelegene Wohnung ihrer Großmutter, bei er beide Mädchen derzeit leben, zurück. Als Sharlyn eine Stunde später noch nicht zurückgekehrt war, suchte die Großmutter zunächst selbst nach dem Mädchen und rief gegen 12.30 Uhr schließlich die Polizei.

Daraufhin wurde eine groß angelegte Suchaktion nach dem vermissten Kind gestartet, bei der unter anderem eine komplette Hundertschaft der Polizei, Suchhunde sowie ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera zum Einsatz kamen. Die Suche blieb ebenfalls vergeblich, doch gegen 22 Uhr abends konnte Entwarnung gegeben werden. Unvermittelt war die Vermisste äußerlich unversehrt wieder in der Nähe der Wohnung ihrer Großmutter aufgetaucht. Diese erlitt vor lauter Freude und Erleichterung über die Rückkehr ihrer Enkelin einen Zusammenbruch und musste medizinisch betreut werden.

25-Jähriger drohte dem Kind

Mit der glücklichen Rückkehr des Mädchens war der Fall aber nicht erledigt. Im Verlauf des Dienstags entwickelte sich der ursprüngliche Vermisstenfall zu einem Drama. Am Vormittag wurde das Mädchen durch speziell geschulte Beamte des Landeskriminalamtes befragt. Für die Ermittler ging es darum, die stundenlange Abwesenheit des Kindes lückenlos zu rekonstruieren, da auch ein Sexualdelikt nicht ausgeschlossen werden konnte.

Diese Befürchtungen schienen sich zu bestätigen, als Sharlyn von einem Mann berichtete, der sie auf dem Spielplatz angesprochen und mit in seine Wohnung genommen hatte. In ihrer Befragung berichtete die Achtjährige den Beamten, wie der Mann sie angesprochen und mit in seine Wohnung genommen habe.

Aussage: Mann fasste Sharlyn nicht an

Auch die Stunden, die beide gemeinsam in der Wohnung verbrachten, schilderte das Mädchen offenbar sehr detailliert. Dabei gelangten die Ermittler zumindest vorläufig zu der Erkenntnis, dass es keine Übergriffe des Mannes auf das Kind gab. „Das Mädchen sagt sehr glaubwürdig aus, dass ihm nicht wehgetan wurde und der Mann es auch nicht angefasst habe“, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf am Dienstagnachmittag.

Die Zeit in der Wohnung hätten beide damit verbracht, gemeinsam fernzusehen, gab Sharlyn an. Allerdings habe der Mann sie eingeschüchtert und drohend von ihr verlangt, niemandem etwas von dem Zusammensein zu erzählen, andernfalls könne „etwas Schlimmes“ passieren. Am Abend sei sie dann von dem ihr völlig fremden Mann nach Hause geschickt worden.

Auch wenn die Achtjährige den Mann nicht kannte, zu dessen Wohnung konnte sie die Beamten allerdings doch führen. Überprüfungen durch die Polizei ergaben, dass es sich bei dem Mieter um den 25-jährigen Roy B. handelt. Den trafen die Beamten schwer verletzt in seiner Wohnung an, offenbar hatte er, wie eine Polizeisprecherin mitteilte, zuvor einen Suizidversuch unternommen. Ein Notarzt versorgte den 25-Jährigen vor Ort, bevor er am Nachmittag in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Vernommen werden konnte er zu dem Vorfall bislang nicht.

Verdacht auf Kindesentziehung

Roy B. lebt nach Angaben von Nachbarn allein und ist seit Längerem ohne Beschäftigung. Er gilt als verschlossener Einzelgänger und ist nach Informationen dieser Zeitung offenbar schon einmal aufgefallen. Anfang Mai soll er in der Hellersdorfer Siedlung mit einer Kamera unterwegs gewesen sein und dabei vor allem Kinder fotografiert haben. Anwohner, die dies bemerkten, sollen daraufhin die Polizei alarmiert haben. Die wollte sich mit Hinweis auf die noch ausstehenden Vernehmungen des 25-Jährigen zu dem Thema zunächst nicht äußern.

Ermittelt wird gegen Roy B. momentan wegen des Verdachts der Kindesentziehung. Einiges deutet darauf hin, dass er die Achtjährige gegen deren Willen in seiner Wohnung festgehalten hat. Und das, während Angehörige in großer Sorge um das Kind waren.

Für Kindesentziehung sieht das Gesetz Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren vor. In schweren Fällen, etwa wenn einem Kind durch die Tat psychische und physische Schäden entstehen, liegt die Höchststrafe bei zehn Jahren.

1000 Kinder jährlich in Berlin als vermisst gemeldet

In Berlin werden Jahr für Jahr mehr als 1000 Kinder als vermisst gemeldet. 2012 waren es 1154, ein Jahr davor 1214. Bei diesen Zahlen müsse allerdings berücksichtigt werden, dass viele Kinder regelmäßig „ausreißen“ würden, jeder einzelne Fall werde registriert, sagte eine Polizeisprecherin.

Die hohe Zahl resultiere auch aus der Tatsache, dass viele Eltern aus Sorge schon zu einem frühen Zeitpunkt die Polizei einschalten, häufig seien die Kinder schon wieder da, wenn die Polizei mit der Suche beginnen wolle, hieß es weiter.

Die Gründe, weshalb Kinder kurzzeitig verschwinden, sind unterschiedlich. Ärger mit Eltern oder Geschwistern sein ein Hauptgrund, häufig würden die Kinder beim Spielen auch einfach die Zeit vergessen, sagte eine Polizeisprecherin. Sexualdelikte, so die Sprecherin, steckten äußerst selten hinter dem Verschwinden eines Kindes, seit 2005 habe es keinen einzigen Fall in Zusammenhang mit einer Vermisstensache gegeben.

In nahezu allen Fällen nahmen Vermisstenfälle mit Kindern ein glückliches Ende. Lediglich drei offene Fälle aus den vergangenen 15 Jahren gibt es derzeit bei der Berliner Polizei. Im September 2006 verschwand die damals 14-jährige Georgine Krüger aus Moabit. Sie ist seither spurlos verschwunden. Obwohl es keine Hinweise darauf gab, geht die Polizei aufgrund der langen Zeitspanne davon aus, dass die Vermisste einer Straftat zum Opfer fiel. Bereits seit November 2000 vermisst wird die damals zwölfjährige Sandra Wißmann aus Kreuzberg. Auch von ihr fehlt jede Spur.