Streitfall

Barbie am Pranger - nackte Haut statt Plastikkurven

Das Barbie-Haus am Berliner Alex hat eröffnet. Mit dabei: begeisterte Mädchen und empörte Frauen. Sie protestierten mit pinkfarbenen Perücken, Blondhaar und rosa Leggings gegen das Frauenbild.

Vor dem mittelrosa Pumps-Brunnen, der vor der hellrosa Fassade einer Malibu-Beach-House-Imitation plätschert, stehen am Donnerstagmorgen mehr Kamerateams und Reporter als Besucher.

Drei Familien haben sich hergetraut. Eine vierte schiebt gerade noch den Kinderwagen durch das Gitter auf das Areal mit Blick auf die S-Bahn-Schienen.

Der große Ansturm sieht anders aus. Die jungen Damen, die dann drinnen mit den Kindern spielen sollen, sind nicht alle blond. „Friend“ steht ganz groß auf ihren schwarzen T-Shirts – keine Betreuer, keine Aufpasser, sondern Freunde gibt es hier. Gefühlt kommen an diesem Tag zehn solcher Freunde auf einen Besucher.

Vor der Tür demonstrieren Aktivisten von Gruppen wie Occupy Barbie Dreamhouse und Pinkstinks. Bereits am Vormittag haben sich Demonstranten parallel zur Eröffnung eingefunden. Am Nachmittag sind es laut Polizei 120, laut Veranstaltern doppelt so viele. Auf ihren Transparenten steht „Barbie is not my Baby“ und „Ich hol dich aus dem Horror-Haus“. Sie störten sich an dem Rollenbild, das Barbie vermittele, indem sie Frauen auf Schönheit und Schlankheit reduziere, heißt es.

Zentral organisiert ist der bunte Protest nicht. „Wir sind einfach privat hier, weil uns dieses völlig unrealistische Rollenbild, das hier vermittelt wird, nervt“, sagt Lars, 28. Seine 19 Jahre alte Mitstreiterin pflichtet ihm bei: „Es geht nicht um den erhobenen Zeigefinger, Kindern die Barbie zu verbieten. Aber das darf nicht die einzige Geschichte sein, die man Mädchen erzählt.“

Schnell ist klar: Den Auftakt zur großen „Barbie – Dreamhouse Experience“ hatten sich die Veranstalter wohl anders vorgestellt. So verweist EMS Entertainment, die die Event-Schau zusammen mit dem Spielzeugkonzern Mattel auf die Beine stellten, die Aktivisten nach kurzer Zeit vom Gelände. 140.000 Besucher erwartet der Geschäftsführer des Barbie-Hauses, Christoph Rahofer, bis die 1400 Quadratmeter große Wanderausstellung Ende August wieder schließt.

Kuchen nur virtuell gebacken

Die Mädchen, die drinnen gerade an Touchscreens virtuell Küchlein backen, ist das ganze Vorabgeplänkel ihrer gut 20Jahre älteren Geschlechtsgenossinnen egal. Die freuen sich einfach. Durch Kinderaugen blickend, sieht man ein buntes Paradies aus pinken Küchen. Schaut man aus dem Fenster, kommt Ken gerade heim. Die kleinen Mädchen garnieren ihr digitales Gebäck am Bildschirm noch mit Erdbeeren. Vor der Tür fordert ein Plakat der Demonstranten: „Liebe Barbie, Cupcakes nicht nur backen, sondern auch essen!“

Die erwachsenen Besucher aber, und die sind bei der Eröffnung in der Überzahl, sehen an der Decke Kabel verlaufen, sie können die Schränke nicht öffnen, weil das nie und nimmer vorgesehen war, und sie merken, dass alles nur eine Fassade ist. Ein potemkinsches Pink übermalt die Realität. Eigentlich ist das Haus nur ein großes Zelt mit Pappwänden. Und der Aufzug, der ins Penthouse führen soll, ist nur ein Raum mit Türen und einem Bodenwackelgenerator, sodass es sich anfühlt, als würde man tatsächlich hinauf- oder hinabfahren. Die einzige tatsächliche Interaktion mit Barbie, mit der Welt hinter Barbie, erfolgt über leuchtende Touchscreens, die schon bald verschmiert sind.

Barbie – gefährliches Vorbild oder Spielzeug? Ein Pro und Contra.

Anders als es der Untertitel des Barbie-Hauses suggeriert, ist das alles keine „Dreamhouse Experience“. Eine Art Aha-Erlebnis, eine Erfahrung fehlt. Letztendlich sind die Räumlichkeiten nicht viel mehr als eine Art musealer Ort vor einem Verkaufsraum. Da hängt zum Beispiel an der Wand das Bild der allerersten Barbie. 1953 trugt die Puppe einen schwarz-weiß gestreiften Badeanzug aus Wolle und dazu eine Sonnenbrille. Aber das erkennt man als Besucher nur, wenn man eh schon darüber Bescheid weiß. Denn anders als in einem Museum fehlt eine Erklärung der Exponate im rosa Barbie-Haus.

Draußen wird es zum ersten Mal laut. Die Nackten sind da. Femen. Die feministische Gruppe aus der Ukraine, deren Mitglieder seit 2008 aus Protest blankziehen. Das Leben in Plastik ist nicht fantastisch, sagt die Schmierschrift auf dem Oberkörper der Femen-Frau. Ihre Achseln sind blitzblank rasiert. Grüner Lidschatten.

Für eine, die gegen falsche Schönheitsideale sein will, gibt sie sich aber ganz schön Mühe. Sie hält ein brennendes Kreuz nach oben, daran ist Barbie genagelt. Später lässt sie das brennende Ding fallen und entkommt unerkannt mit einem Mann, dabei rempeln sie laut Polizei noch eine Passantin mit Kinderwagen an. Die Frau lässt sich später wegen Schmerzen im Krankenhaus behandeln. Die Polizei nimmt eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und fahrlässiger Körperverletzung auf.

Die Demo von Occupy Barbie Dreamhouse verläuft aber friedlich. Sie startet an der Weltzeituhr und endet später vor dem Dreamhouse. 250 Menschen werden wohl da sein. Schon mehr Frauen als Männer. Sie halten Plakate für und gegen alles hoch. Gegen Niedriglöhne. Für Bildung. Gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Was das mit Barbie zu tun hat, kann keiner so genau sagen. Barbie suggeriere aber, dass Frauen nur auf ihr Äußeres reduziert werden, sagt eine junge Frau mit grünen Haaren auf dem Wagen der Demonstranten. Und sie bekommt Applaus. Eine andere vor dem Wagen weiß zu berichten, dass Barbie ja niemals einen Beruf habe, dass sie den Kindern die gute Hausfrau vorlebe, die sich zurechtmacht für ihren Mann.

Body-Mass-Index von 16

Inzwischen erreicht der Zug die Kreuzung Otto-Baun-Straße Ecke Alexanderstraße. Die grünhaarige Ansagerin hat Spaß an ihren Demonstrationssprüchen. „Deine Paranoia ist total bescheuert“ oder „Schönheitswahn, Schönheitswahn, Schönheitswahn“. Aber so langsam gehen ihr die Parolen aus. Von unten reicht ein Demonstrant der Dame einen Zettel mit neuen Ansagen, diesmal englisch. Jetzt rufen also alle „Say it clear, say it loud, beauty pressure – out, out, out!“ Dann noch einen Satz zum Body-Mass-Index von Barbie. Der sei ja bei sechzehn-irgendwas. Stark magersüchtig.

Im Verkaufsraum des Dreamshouse gibt es Modebarbies. Die heißen Fashionista, die günstigste kostet 16,95 Euro. Und dann gibt es noch die Berufsbarbies ab 24,95 Euro: Barbie als Ärztin, Barbie als Köchin. Die sind mehr wert als Modebarbies. Vielleicht wird den Kindern damit ja subtil beigebracht: Du bist was, wenn du eine Ausbildung hast. Die Protestierenden erfahren davon nichts. Von allen befragten Demonstrantinnen war jedenfalls keine im Haus.