Erziehung

Warum werden junge Väter immer noch zu Idioten gestempelt?

| Lesedauer: 8 Minuten
Felix Müller

Foto: Tatjana Kaufmann / Getty Images/Flickr RF

Der Buchmarkt ist voll mit Literatur für Männer mit Nachwuchs. Doch die meisten machen es sich schlicht zu einfach, transportieren uralte Rollenklischees und wollen lustig sein, ohne es zu können.

Die Versuchsanordnung ist ungefähr folgende: Ich, Vater von zwei Kindern (4 und 2), fahre in die nächste Buchhandlung und gehe dort zum Regal mit den Elternratgebern (riesig). Dann verbringe ich einen Nachmittag mit gut gemeinten Tipps, Anekdoten, Katastrophen und Glücksmomenten aus dem Leben anderer Väter und versuche das irgendwie mit meinem Leben abzugleichen. Wenn es gut läuft, dann entsteht am Ende vielleicht eine Idee davon, was heute von Vätern erwartet wird und warum sich manche Väter vielleicht schwerer damit tun als andere. Es gibt Milliarden Bücher zu dem Thema, ich schichte mir zehn Stück auf den Arm. Gut die Hälfte der Bücher handeln, wie wohl der Großteil der Ratgeberliteratur überhaupt, von Schwangerschaft, Geburt und (bestenfalls) den ersten 24 Monaten im neuen Familienleben. Sie heißen dementsprechend auch „Das Papa-Handbuch“, „Baby-Management für Männer“ oder „So geht das! Papa“.

Nun hör mal gut zu, Du Amöbe

24 Monate? Knapp verpasst. Unsere Tochter ist zwar gute zwei Jahre alt und trägt noch Windeln, verbittet sich aber immer entschiedener jedes väterliche Wickelmanagement. Aber habe ich nicht alles erlebt, wovon hier geschrieben und was hier in allerlei hübschen Piktogrammen ausführlich erläutert wird? Also die Schwangerschaftsnachricht, die Stimmungsschwankungen (beider Elternteile), die endlosen Namensdebatten, die Einrichtung des Kinderzimmers, die Schwiegermutterproblematik, die Zeit im Krankenhaus und das Wochenbett, die Ernährungsfrage, das Abkochen der Fläschchen, die Schreierei, merkwürdige Hautausschläge und plötzliches Erbrechen (aller Familienmitglieder). Ja, das kenne ich alles, und doch scheint es mir wie an weit entlegene zeitliche Gestade entrückt. Alle Welt spricht von der sogenannten Stilldemenz in der Zeit der mütterlichen Brustfürsorge, aber hat schon mal wer festgestellt, dass man auch danach alles vergisst? Man lebt ja immer nur in der Gegenwart, und es passiert so unendlich viel. Und dann plötzlich findet man in der Sockenschublade einen Schnuller und starrt ihn an wie eine archäologische Sensation. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es so viel Babyberatung für Väter gibt – wenn das zweite Kind kommt, fängt man quasi bei null an.

Gefragt ist die Strategie radikalster Vereinfachung

Für viele dieser Bücher scheint das die Ausgangsthese zu sein: Okay, wir haben es mit einem Mann zu tun, also schon mal null Plan im Hinblick auf diese Babysache. Wie erklären wir ihm das alles so, dass er es kapiert? Das ist es: Wir machen das wie eine Betriebsanleitung! Tatsächlich finden sich unter den wahllos herausgegriffenen Büchern gleich mehrere, die sich gestalterisch an den Beipackzetteln für Ikea-Regale orientieren. Diese schaffen es ja, weil für einen internationalen Markt entworfen, komplizierte Vorgänge komplett ohne Worte verständlich zu machen. Man sieht nur lustige Männchen und Bretter und Schrauben und Pfeile. Diese Strategie radikalster Vereinfachung scheint auch die der Ratgeberautoren zu sein. Und hinzu kommt diese „locker-unterhaltsame Grundstimmung“, die angeblich noch immer dann entsteht, wenn man den männlichen Leser erst einmal zum Neandertaler erklärt. Das liest ja dann auch die Frau ganz gern.

Und sie sieht ihrem ahnungslosen Partner vielleicht auch gern dabei zu, wie er sich informiert. Darüber zum Beispiel, was so passiert, wenn eine Frau schwanger wird – da vereinigen sich nämlich Ei und Samenzelle und dann wächst da ein Kind heran. Das steht da wirklich drin. Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich.

1985 ging gerade noch, was heute längst nicht mehr geht

Nämlich darüber, wie das eigentlich sein kann. Ein ganzes Genre der Beratungsliteratur gründet sich auf die humoristisch wenig ergiebige Strategie, Männer zu Idioten zu stempeln. Das mag mal lustig gewesen sein, nämlich so circa 1985, als Coline Serreau den Film „Drei Männer und Baby“ drehte, aber da war der Zeitgeist noch ein anderer. In der Männergeneration meines Vaters war die Sorge um den Nachwuchs gleichbedeutend mit enormer beruflicher Anstrengung – Kinder kosten Geld, und das muss erwirtschaftet werden. Das hieß aber auch: Die Väter waren meistens abwesend und hatten dementsprechend wenig Kompetenz, was die Nöte ihres Nachwuchses anbelangt. Lustig natürlich, wenn sich ein dergestalt Ahnungsloser plötzlich am Fläschchenwärmer wiederfindet. Aber gibt es ihn wirklich noch so oft?

Die zweite, gleich mehrere Regalmeter okkupierende Großgruppe im Verein der Väterratgeber ist hier schon etwas weiter: Es sind die persönlichen Erfahrungsberichte. Sie erkennen zumindest an, dass es Männer gibt, die sich um kleine Kinder kümmern. Und dass die Zahl derer, die ihr Zuhause als nächtliche Herberge zwischen zwei Geschäftsterminen begreifen, stetig sinkt. Doch schon die Covergestaltung lässt erahnen, wohin die Reise geht.

Ein Mann, ein Fläschchenwärmer und ganz viel Geschrei

Ein Film mit Jerry Lewis kommt mir in den Sinn, er heißt „Der Babysitter“ und ist von 1958. Er handelt von einem Fernsehtechniker, der sich unversehens um eine Horde Säuglinge kümmern muss. Es kommt zu den üblichen Katastrophenszenen: Die Babys schreien, Lewis schneidet seine Grimassen, Essen fliegt durch die Luft. Genau solche Bilder schmücken die Umschläge der Ratgeber: Nudeln mit Tomatensauce auf dem Kopf eines Kleinkindes, ein herzzerreißend weit zum Schrei aufgerissener Babymund, ein Kinderzimmer, in dem es aussieht, als würde Kim Jong-un dort nukleare Tests veranstalten.

Und innendrin in den Büchern: Etüden der Überforderung. Männer in der Schwangerschaft, am Kinderkrankenbett, in der Urlaubsanimation und in der Sexfalle. Männer, die sich plötzlich in einem anderen Leben wiederfinden und vor lauter Übermüdung und Überanstrengung nicht darüber nachdenken können, ob sie es eigentlich mögen, dieses Leben. Männer, die zwischendurch vom großen Glück sprechen, von dieser einen süßen Geste des kleinen Geschöpfes, dann aber wieder launig klagen über die Fußtritte im Bett und die Milchflecken auf dem Anzugrevers. Der Erlebnisbericht sitzt, ähnlich wie der Ikea-Erziehungsratgeber, in der Humorfalle fest: Er will, er muss lustig sein. Das Problem aber ist: Wenn ich Hilfe brauche, will ich vor allem: Ratschläge bekommen. Und keine Witze.

Max Mustermanns atemberaubende Bekenntnisse

Es ist bestimmt kein Zufall, dass sich der größte Bucherfolg der vergangenen Jahre in diesem Segment stark von seinen Wettbewerbern unterscheidet: Das Buch „Kinderkacke. Das ehrliche Elternbuch“ der Autoren Thomas Lindemann und Julia Heilmann will zwar auch unterhalten, versucht aber keine Pointen aus uralten Rollenklischees herauszukitzeln. Es ist eine kluge und umsichtige Beschreibung eines – sagen wir anspruchsvollen – Lebens, gesehen durch die Augen einer Mutter und eines Vaters. „Ehrlich“ ist das gar nicht so sehr insofern, als die schrecklich anstrengende Seite von Kindern übermäßig betont würde. Sondern insofern, als Vater und Mutter hier als sich selbst reflektierende Wesen auftreten, die sich dauernd selbst infrage stellen: Ist das gut? Will ich das? Was ist das hier? Tue ich das für mich oder für jemand anderen? Aber auch: Sind meine Nächsten glücklich mit mir? Und wie kann ich sie glücklicher machen?

Es ist das einzige erwachsene Buch, das mir bei dieser kurzen Inspektion in die Hände gefallen ist. Der Großteil der Verkaufsregale wird von flacher Witzelei regiert, die den Mann kurzerhand für pädagogisch zurückgeblieben erklärt. Er ist es längst nicht mehr.