Interview

Sind Sie ein guter Vater, Herr Precht?

Richard David Precht hat einen zehnjährigen Sohn. Mit der Berliner Morgenpost sprach der Erfolgsautor und Philosoph über Autorität, Erziehung und darüber, wie wichtig Komplizenhaftigkeit sein kann.

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Eigentlich ist Richard David Precht in diesen Tagen ja mit einem ganz anderen Thema unterwegs: Schule. An seinem neuen Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“, seiner Kritik an schlechtem Unterricht und Forderung, Begabungen und Bedürfnisse der Schüler mehr zu fördern, reiben sich Bildungspolitiker und Lehrer. Aber wie sieht es mit der Erziehung aus? Precht ist Vater eines zehnjährigen Sohnes. Was will er ihm fürs Leben mitgeben? Und was hat er selbst von seinem Vater erfahren? Darüber sprachen wir an einem regnerischen Tag in einem Hamburger Hotel.

Berliner Morgenpost: Was hat Ihnen Ihr Vater fürs Leben mitgegeben?

Richard David Precht: Ich glaube, alles Wesentliche hat er mir nicht explizit mitgegeben. Mein Vater war kein Vater, der seinem Sohn ins Gewissen geredet hat. Er hat nicht gesagt, das will ich weitergeben, das sind meine Prinzipien, darauf musst du achten. So eine Rolle hat mein Vater nicht gespielt. Aber es gibt Grundüberzeugungen, die mein Vater hat. Er ist ein sehr ethischer Mensch. Ich glaube, die Haltung, Mehrheitsmeinungen zu misstrauen, sich im Zweifelsfall mit den Schwachen zu solidarisieren, das sind Dinge, die mein Vater gelebt hat.

War er für Sie Autorität?

Eher weniger. Meine Mutter hat die stärkere Rolle in der Erziehung gespielt. Was ja auch normal ist: Wir waren fünf Kinder. Mein Vater hat den ganzen Tag in der Firma gearbeitet.

Nun haben Sie selbst einen zehnjährigen Sohn: Oskar. Was geben Sie ihm fürs Leben mit?

Es gibt sicher eine Komplizenhaftigkeit, an die er sich später gern erinnern wird. Wir verbringen unglaublich viel Zeit damit, über Fußball zu reden. Das ist etwas, das er mit seiner Mutter nicht kann. Es ist wichtig, dass man als Sohn eine Welt hat, die man mit seinem Vater teilt und die eine andere ist als mit seiner Mutter.

Und bringt Sie Ihr Sohn am Ball aus der Puste?

Ich habe vor Kurzem mit einigen zehnjährigen Jungs gespielt, die alle in einem Verein waren. Es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich immerhin vier Stunden durchgehalten habe. Mein Vorteil war, dass ich größer bin und manchmal noch ein bisschen schneller. Aber technisch sind die viel besser als ich.

Haben Sie zu Ihrem Vater „Papa“ gesagt oder ihn beim Vornamen angeredet?

Papa. Meine Eltern waren ja für die 68er-Generation ein wenig zu alt. Diese Sitte damals, Väter mit Vornamen anzusprechen, haben meine Eltern nicht mitgemacht.

Und was sagt Ihr Sohn zu Ihnen?

Auch Papa.

Ist das wichtig für die Bindung?

Das mit dem Vornamen würde mir merkwürdig vorkommen. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass er Richard zu mir sagen soll.

Waren Sie bei der Geburt dabei?

Ja.

Was war das für ein Gefühl, einen Sohn zu haben?

Stolz ist es vielleicht nicht, was ich damals empfunden habe. Aber ich habe mich ganz ganz tief berührt gefühlt in dem Moment. Ein ganz inniges Gefühl von Wesentlichkeit. Wobei das bei einer Tochter das gleiche gewesen wäre.

Sie gehören ja zu einer Generation, die mit Vätern groß geworden ist, die zu Hause keine Windeln gewechselt hat, die den Kinderwagen nicht öfter geschoben hat als notwendig?

Mein Vater hat das alles gemacht. Einer von ganz ganz Wenigen. In dieser Hinsicht war er ein sehr moderner Vater. Aber was die Komplizenhaftigkeit oder die Zeit, die man miteinander verbringt, angeht, da war es wenig. Vielleicht lag es einfach daran, dass wir fünf Kinder waren. Das Privileg, soviel von seinem Vater zu haben, wie es heute in vielen Familien ist, hängt auch damit zusammen, dass es heute viel weniger Kinder gibt.

Trotzdem wird heute doch viel mehr in Kinder investiert.

Ja, man macht sich mehr Gedanken ...

… und mehr Sorgen. Vielleicht ein bisschen zu viel manchmal. Auf der anderen Seite gehen die Scheidungszahlen nach oben.

Das halte ich nicht für einen Widerspruch. Im Zweifelsfall ist es für die Kinder besser, wenn sich die Eltern trennen und sie ein gutes Verhältnis danach zueinander haben, als wenn sie zusammen bleiben und sich streiten. Wie viele Kinder habe ich in der damaligen Zeit gekannt, wo es ein Segen gewesen wäre, wenn sich die Eltern getrennt hätten. Meine Eltern haben sich auch getrennt, da war ich aber nicht mehr klein, sondern zwanzig Jahre alt. Meine Geschwister und ich fanden das richtig.

Gibt es heute nicht ein Zuviel für Kinder und ein Zuwenig für die Beziehung? War das früher anders?

Klar, die Eltern sind früher häufiger lange zusammen geblieben. Überwiegend deswegen, weil sie geringere Ansprüche an das Leben hatten. Mit dem zunehmenden Wohlstand sind aber die Ansprüche an den Partner gestiegen. Und je höher die Ansprüche sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Das ist ein Prozess, den man nicht aufhalten kann. Heute sind die Bindungen zu den Kindern, vor allem in der Mittelschicht, viel inniger geworden. Wir können nun darüber streiten, ob sie nicht ein Zuviel an Liebe mitkriegen. Ich denke, dass diese viele Liebe richtig ist. Aber ich glaube leider auch, je mehr Liebe ein Kind mitbekommt, umso höher werden später seine Ansprüche an eine Beziehung sein. Umso größer ist dann die Gefahr des Scheiterns.

Was bedeutet das für die Zukunft unserer Kinder?

Wenn die Rahmenbedingungen bleiben wie sie sind, wird die Anzahl der Paare, die ein Leben lang zusammenbleiben, wohl noch weiter zurückgehen. Diese klassische lebenslange Beziehung war früher ökonomisch bedingt. Es ging nicht anders. Frauen mussten versorgt sein. Die Statistiken sagen ja auch, dass sich im Schnitt mehr Frauen von Männern trennen als umgekehrt.

Und was wird aus den verlassenen Familienvätern? Fallen die in ein seelisches Loch?

Normalerweise haben sie auf dem Markt gute Chancen. Wenn Sie sich im Kölner Nachtleben zum Beispiel mal die Läden ansehen, wo man mit Ende Dreißig oder Mitte vierzig hingeht, dann finden sie viel mehr Frauen, die auf der Suche nach einem Mann sind, als Männer, die auf der Suche nach einer Frau für eine Beziehung sind.

Leben Sie Ihrem Sohn in Ihrer Partnerschaft etwas vor, was er in sein künftiges Leben hineintragen wird?

Seine Mutter und ich haben einen sehr freundlichen, sehr respektvollen Umgang miteinander. Er hat uns nie streitend erlebt. Er musste sich nie entscheiden, ob er auf der einen oder anderen Seite steht.

Müssen Sie sich da manchmal zusammennehmen?

Nein, das geht organisch. Das Verhältnis ist gut.

Können Sie sich noch an Ihre Pubertät erinnern? Haben Sie von Ihrem Vater etwas eingefordert?

Nein, meine Eltern boten nicht die geeigneten Angriffspunkte. Ich konnte ihnen nicht mal vorwerfen, dass sie Spießer waren. Ich war eigentlich auch kaum klassisch pubertär. Von Mädchen einmal abgesehen. Aber ich bin kein Moped gefahren, ich wollte abends nicht lange ausgehen, und die Freunde, die ich hatte, waren auch so wie ich. An der rebellischen Jugendkultur habe ich nicht teilgenommen. Ich habe das eher im frühen Erwachsenenalter nachgeholt.

Wie wird das sein, wenn Ihr Sohn in die Pubertät kommt?

Sicher anders. Ich glaube, dass die Rolle, die mein Vater gespielt hat und die ich spiele, sehr unterschiedlich ist.

Werden Sie Angriffsflächen bieten?

Ich bin absolut sicher, dass es einige wesentlichen Punkte geben wird, gegen die mein Sohn rebellieren wird. Weil er seinen Vater eher als starken Vater erlebt.

Wie wird er Sie noch erleben?

Auch als jemanden, mit dem es schwierig ist, sich zu streiten. Das kann er mit seiner Mutter viel besser. Ich bin ziemlich trainiert, Konflikten dieser Art aus dem Weg zu gehen. In der Pubertät werden sich die Vorzeichen bestimmt verkehren. Pubertät ist das Alter, in dem Eltern peinlich und anstrengend sein werden, das wird auch diesmal so sein. Wer sich gegen seine Eltern gar nicht auflehnt, der kriegt sicher später Probleme.

Was soll der Vater in die Erziehung einbringen?

Es ist ein großes Privileg für alle Kinder, wenn sie souveräne Eltern haben. Mit einem souveränen Vater kann man sich in der Pubertät besser auseinandersetzen. So eine natürliche Gelassenheit, eine natürliche Autorität ist wichtig. Und das Wichtigste neben der Liebe, was Eltern ihren Kindern mitgeben sollten und was immer unterschätzt wird, ist Humor. Humor ist die einfachste Art, mit den schwersten Dingen fertig zu werden.

Schildern Sie mal eine Szene?

Ich glaube, mein Sohn kennt mich in meinen Stärken und Schwächen schon ganz gut. Als wir vor Kurzem in einer sehr lauten Kneipe zusammen Fußball geguckt haben, wollte ich ihm etwas erklären über das Spiel. Ich hole dann immer weit aus, bis in die 70er-Jahre. Ich habe mich auch sehr ereifert. Bis mein Sohn sagte: „Papa, schrei mir nicht so ins Ohr!“

Ganz schön frech.

Das hat mir aber gefallen. Ich hätte mich das als Zehnjähriger nicht getraut zu sagen, obwohl mein Vater nicht autoritär war. Mein Sohn hat gemerkt, dass ich etwas irritiert war. Er hat mir dann zugezwinkert.

Achten Sie darauf, dass Ihr Sohn gut ist in der Schule?

Er ist ganz gut. Es gibt keine schulischen Probleme bisher. Natürlich wird er für gute Zensuren gelobt. Insgesamt gehen wir aber mit dem Thema ziemlich locker um, wir ironisieren die Schule sehr viel. Weil ich finde, dass die Schule nicht so ist, wie Schulen sein sollen. Auf der einen Seite muss man die Schule ja irgendwie ernst nehmen, auf der anderen Seite ist Humor da sehr entlastend.

Wo sind Sie streng in der Erziehung?

Zum Beispiel war es mir wichtig, dass mein Sohn keine Computerspiele macht, um seine eigene Fantasie nicht zu verlieren. Das ist ja heute ein ganz schwieriges, ungelöstes Problem in vielen Familien, weil man die Kinder von der Unterhaltungselektronik nicht komplett fernhalten kann. Ich denke, es ist seiner Mutter und mir aufgrund einer gewissen Autorität geglückt, ihn relativ lange davon fern zu halten. Jetzt ist er zehn und hat einen iPod bekommen. Den kann er kontrolliert ausleihen.

Sind Kinder heute viel anders als zu Ihrer Zeit?

Jungs und Mädchen spielen viel weniger miteinander als vor 30 Jahren. Auf dem Schulhof ist es peinlich, mit Mädchen zu spielen. Für beide gibt es ein komplett unterschiedliches Unterhaltungssegment. Gleichzeitig ist aber die Schere in der Pubertät und Erwachsenenwelt zusammengeklappt. Gerade durch Facebook sind Jungen wieder mädchenhafter geworden, indem sie pausenlos schreiben. Früher konnten Jungs nicht schreiben. Da gab es Zettel: Willst du mit mir gehen? Ja, nein, Zutreffendes bitte ankreuzen. Heute muss man, um beim anderen Geschlecht Chancen zu haben, ein Poet sein. Oder man kriegt seinen Zettel zurück, und die Rechtschreibfehler sind korrigiert.