Forsa-Umfrage

Familienpolitik geht an den Wünschen der Deutschen vorbei

Laut einer neuen Studie mangelt es Eltern bundesweit noch immer an Kita-Plätzen und flexibleren Arbeitszeitmodellen. Das trifft auch Berliner Familien.

Wenn man so will, trägt Volker Caumanns seinen eigenen Teil zur Familienförderung in Deutschland bei. Im Berliner Stadtteil Steglitz betreibt der 41 Jahre alte Historiker seit gut einem Jahr gemeinsam mit einer Partnerin das Familiencafé „Brambilla“. Dass der Laden läuft, sieht man bereits am Schuhregal im Eingangsbereich. Alle Fächer sind belegt, größtenteils mit den Stiefeln der anwesenden Mütter, die es sich auf bunten Sitzsäcken bequem gemacht haben und Kaffee trinken, während ihre Kinder auf dem Teppichboden krabbeln.

Caumanns dreijährige Zwillinge Hannah und Nathan brachten ihn auf die Idee, ein Café für Familien zu eröffnen. Einen Ort zu schaffen, wo sich niemand belästigt fühlt, wenn es mal lauter wird. „Wir wollten umsetzen, was sich Eltern wünschen“, sagt er. Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich auch eine neue Studie des Forsa-Instituts, die im Auftrag des Magazins „Eltern“ durchgeführt wurde. 1000 Mütter und Väter mit minderjährigen Kindern wurden von den Meinungsforschern im Hinblick auf das Wahljahr 2013 zu ihren Vorstellungen über Familienpolitik und deren Umsetzung befragt. Dabei spielten besonders die Aspekte Geld, Zeit, Betreuung und Bildung eine Rolle.

Die Studie zeigt, dass sich Eltern in Deutschland bessere Rahmenbedingungen für ihre Familie wünschen – innerhalb der Gesellschaft, aber auch im Beruf und besonders von der Politik, die diese mitgestalten muss. Grundsätzlich, so schreiben die Studienautoren, fordern Eltern vom Staat mehr Chancengleichheit und Wahlfreiheit für ihre persönlichen Verhältnisse. Vor allem dann, wenn es darum geht, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Benennen können die Befragten diese Ziele und Wünsche genau. So finden 89 Prozent, der Staat sollte mehr Wert darauf legen, benachteiligte Familien zu unterstützen. 88 Prozent meinen, das vordringliche Ziel sollte es sein, die Geburtenrate zu erhöhen. Zudem sind 74 Prozent der Ansicht, der Staat sollte dafür sorgen, dass Familien das Betreuungsmodell für ihre Kinder wählen können, das am besten zu ihren Bedürfnissen passt.

Ehegatten-Splitting soll bleiben

Denn während die Parteien über die Abschaffung des Ehegatten-Splittings und einen schnellen Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf diskutieren, spricht sich die Mehrheit der Eltern in Deutschland für das Ehegatten-Splitting (81 Prozent) aus, und immerhin 42 Prozent sind für eine Jobpause von drei Jahren oder mehr nach der Geburt. Beim Splitting wird aus dem Gesamteinkommen der Eheleute die Einkommensteuer errechnet. Je höher der Einkommensunterschied, desto größer ist der Steuervorteil.

Auch für Volker Caumanns und seine Frau Heike Marcinek war die Entscheidung, ein Jahr nach der Geburt ihrer Zwillinge wieder arbeiten zu gehen, eine finanzielle. „Dank des Elterngeldes konnten wir beide ein Jahr lang zu Hause bleiben. Diese Zeit würde ich nicht missen wollen. Doch irgendwann mussten wir auch wieder an die Zukunft denken.“ Das Café stand damals noch ganz am Anfang und bedeutete für die vierköpfige Familie zunächst eine große finanzielle Belastung. „Vom Ehegatten-Splitting haben wir natürlich profitiert, vor allem in der Zeit, als sich das Café noch nicht rentierte und ich kein geregeltes Einkommen hatte.“

Doch auch zeitlich bedeutet die Selbstständigkeit eine Herausforderung für das Familienleben: Regelmäßig finden im „Brambilla“ am Wochenende Veranstaltungen statt. Gutes Zeitmanagement ist da wichtig, denn auch Caumanns Frau arbeitet mit 36 Stunden in der Woche fast Vollzeit. Zwar wünschten sich beide ab und an mehr Zeit für ihre Familie, doch an und für sich, so findet Caumanns, bekämen sie die Balance zwischen Job und Familienleben ganz gut hin.

46 Prozent der Forsa-Befragten sehen das ähnlich: Sie gaben an, so gut wie keine Probleme mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu haben. Doch insgesamt 38 Prozent empfinden die Beziehung zwischen Job und Kindern als problematisch, 16 Prozent haben sogar große Probleme. Viele Eltern können ihr gewünschtes Arbeitsmodell nicht umsetzen. Als Grund nennen sie am häufigsten finanzielle Einbußen (45 Prozent), und auch das fehlende Einverständnis des Arbeitgebers (29 Prozent) sowie fehlende Kinderbetreuung (24 Prozent) stehen kürzeren Arbeitszeiten im Weg.

Gute Betreuungssituation in Schöneberg

Gerade der letzte Punkt spielte bei Volker Caumanns eine wichtige Rolle für den Weg in die Selbstständigkeit: „Hätten wir nicht die Kita gehabt, wäre das Café gar nicht möglich gewesen.“ Die Betreuungssituation in Berlin empfindet er als „geradezu paradiesisch“ im Gegensatz zu anderen Bundesländern. In Schöneberg, wo er mit seiner Familie lebt, sei es vor zwei Jahren kein Problem gewesen, einen Kitaplatz zu finden.

Das sieht am anderen Ende der Stadt ganz anders aus. Dana Mosemann kann noch immer kaum glauben, was sie erlebte, als sie im April 2010 in Friedrichshain einen Kitaplatz für ihre damals sechs Monate alte Tochter Vilma suchte. „Die haben mich ausgelacht, als ich in den Kitas anrief und meinte, ich bräuchte in einem halben Jahr einen Platz“, erzählt die 35-Jährige, die mittlerweile noch einen zwei Monate alten Sohn hat. Bis zu zwei Jahre im Voraus sind die Kindertagesstätten in dem Bezirk ausgebucht. Und findet doch mal ein Tag der offenen Tür statt, kämpfen gleich hundert Mütter und Väter um zwei, drei freie Plätze. Diese Erfahrungen machen offenbar viele Eltern im Rest Deutschlands. Lediglich ein Viertel der in der Forsa-Studie befragten Eltern meinen, dass genügend Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren vorhanden sind. Jeder Zweite (48 Prozent) würde sogar den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz, der im August dieses Jahres für Kinder unter drei Jahren in Kraft tritt, einklagen.

Auch Dana Mosemann brauchte den Betreuungsplatz, um wieder arbeiten zu können. Die Kulturwissenschaftlerin betreut redaktionelle Aufgaben für verschiedene Auftraggeber. „Ich dachte damals, mit meinen flexiblen Arbeitszeiten könnte ich Vilma zu Hause ganz gut betreuen.“ Doch konzentriertes Arbeiten war mit einem aufgeweckten Kleinkind kaum möglich. Zehn Monate nachdem Dana Mosemann mit der Kitasuche begonnen hatte, bekam ihre Tochter schließlich den Platz. Für Vilmas Bruder Erwin kann sie allerdings aufatmen: Als Geschwisterkind ist ihm ein Platz in Vilmas Kita sicher.

Undurchsichtige Förderbedingungen

Bei Anja L. aus Treptow war die Situation komplizierter. Die alleinerziehende Mutter einer zweijährigen Tochter wurde im letzten Drittel des Studiums schwanger. Dank ihres damaligen Studentenstatus bekam die 31-Jährige sofort einen Kitaplatz. Mit sechs Monaten gab sie Marie in die Kita, auch um ihren Studienabschluss machen zu können. Kurz davor aber bekam sie die Diagnose, dass ihre kleine Tochter an einer seltenen Form der Epilepsie leidet, die nur bei Mädchen auftritt. Damit begann ein Jahr des Bangens: Die ständigen Arztbesuche schlauchten nicht nur Marie, auch Anja war mit ihren Kräften am Ende, als sie ein halbes Jahr später endlich ihren Bachelor-Abschluss als Verwaltungsinformatikerin in der Tasche hat.

Zusätzlich zu der Epilepsie hat Marie ein schwaches Immunsystem: Bekommt ein anderes Kind eine Infektion, kann Anja darauf warten, dass Marie sie wenige Tage später auch hat. Sie fürchtet, den Bürojob wieder aufgeben müssen, den sie erst vor Kurzem angenommen hat. „Ich will meine Sache gut machen, aber die ständige Angst, wenn das Telefon klingelt, es könnte die Erzieherin sein, die sagt, ich soll mein Kind abholen – das geht nicht.“ Dazu die Sorge, ob sie Marie auch die Betreuung organisieren kann, die sie braucht. Aber: „Es ist erstaunlich, welche Möglichkeiten es in unserem Staat gibt, wenn man erst mal weiß, wohin man sich wenden muss.“

Doch die undurchsichtigen Förderbedingungen seien ein echtes Problem, sagt die Mutter. „Als ich mit Marie aus dem Krankenhaus kam, habe ich mich alleingelassen gefühlt. An manchen Tagen hat mir nur die Kleine Kraft gegeben.“ Beim Amt erkläre einem niemand, dass es so was wie Einzelfallhilfe gibt. Denn durch die Anfälle war Maries Bewegungsfähigkeit anfangs eingeschränkt. Die Erkrankung gilt als Behinderung, die Anja wiederum zu Einzelfallhilfe berechtigt. Seit vergangener Woche bekommt Anja nun vom Jugendamt eine Studentin zur Seite gestellt, die Marie vom Kindergarten abholt und sich um sie kümmert, wenn Anja noch bei der Arbeit ist. „Das ist eine ungemeine Entlastung.“

Pessimistisches Fazit

Für Familie Hermes aus Rudow ist der Ausbau von Kitaplätzen das wichtigste Ziel in Sachen Familienförderung. „Doch dazu müsste auch flexibler geregelt werden, wann Kinder in die Kita kommen“, sagt der dreifache Vater Tobias Hermes. Derzeit ist er der Alleinverdiener für seine Frau Christine und die drei Kinder Annika, 5, Niklas, 2, und Felix, sechs Monate. „Die meisten Einrichtungen vergeben nur im Sommer neue Plätze“, kritisiert der 33-jährige Diplom-Informatiker. Für viele Eltern entstünde so eine Lücke zwischen dem Ende der Elternzeit und dem Beginn der Betreuung. Die beiden Ältesten gehen bereits in die Kita, seine Frau Christine nimmt gerade die Elternzeit für den kleinen Felix.

Die Unterstützung in Form des Elterngeldes halten beide im Prinzip für eine gute Sache. Anreize, eine Familie zu gründen, schaffe diese Art der Familienförderung jedoch nicht, findet Tobias Hermes. „Die Gehaltseinbußen sind bei einer großen Familie kaum tragbar. Als Annika geboren wurde, wären wir gern beide zu Hause geblieben, aber das war finanziell einfach nicht drin“, sagt auch Christine Hermes. Nach der Elternzeit möchte sie gern weiter Teilzeit in ihrem Job als Bürokauffrau arbeiten, doch der Verdienst würde sich steuerlich kaum rentieren. Ihr Fazit in Bezug auf die Familienpolitik ist daher eher pessimistisch: „In Deutschland wird nur folgende Kombination gefördert: heiraten und kinderlos bleiben.“