Energie

In Berlin verschärft sich der Kampf um das Stromnetz

Durch die Nutzung von Öko-Strom wird der Betrieb des Berliner Stromnetzes zunehmend komplizierter. Ein Volksbegehren fordert nun die Übernahme in staatliche Hand. Vattenfall möchte das verhindern.

Foto: dpa Picture-Alliance / Sven Hoppe / picture alliance / dpa

Wenn der Wind über die Felder der Mark Brandenburg bläst und die Windräder rotieren, als würden sie die Energiewende ganz allein bewältigen wollen, dann sind die Manager der Stromnetze nicht immer froh. Zu viel Öko-Strom drängt in die Leitungen. Nicht selten müssen sie komplette Windparks abklemmen, um die Stabilität des Netzes nicht zu gefährden. Die Räder drehen sich dann ohne Energie-Ertrag.

Ein riesiger Tauchsieder soll einen Teil dieser bislang ungenutzten Energie verwerten. Die frühere Teergrube auf dem Euref-Gelände am alten Gasometer in Schöneberg wird Energiespeicher. Überzähliger Windstrom soll darin in einer Stunde soviel Warmwasser erzeugen, wie ein Haushalt im Jahr benötigt. "Das ist zwar keine Raketentechnologie", sagt Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann. Entscheidend sei aber, die unterschiedlichen Komponenten eines solchen Systems richtig zu steuern, das Wasser also dann zu heizen, wen Strom da sei und Wasser abzuleiten, wenn die Wohnungen kalt seien.

Es sind solche Fragestellungen, die den Betrieb eines Stromnetzes zunehmend kompliziert machen. Die Energiewende in Deutschland wirkt sich aus bis in die Stromkabel, die in die Häuser hineinführen. Strom wird immer dezentraler erzeugt, er muss besser gespeichert werden, wenn er denn günstig erzeugt wird. Elektroautos und anderen E-Vehikel brauchen ihn als Treibstoff. Und in Berlin sind neue Stadtteile zu versorgen, wo sich zusätzliche Einwohner niederlassen und neue Betriebe entstehen.

In der Senatsverwaltung für Finanzen müssen die Beamten in den nächsten Monaten entscheiden, wem sie diese anspruchsvolle Aufgabe zutrauen. Die Konzession für den Betrieb des Stromnetzes läuft Ende 2014 aus. Bis dahin ist die neuerdings Stromnetz Berlin GmbH genannte Vattenfall-Tochter beauftragt.

Sechs weitere Bewerber wollen den Job übernehmen, darunter auch eine eigene Gesellschaft des Landes Berlin, die bisher nicht viel mehr ist als der Name Berlin Energie. Dagegen steht der bisherige Betreiber Vattenfall, einer der großen vier Energiekonzerne in Deutschland. Die stehen überall in der Republik unter Druck, weil viele Konzessionen auslaufen. In etwa 100 Fällen haben nach einer Studie des Wuppertal Instituts für Klima Umwelt Energie bereits Kommunen ihr Netz in die eigenen Hände genommen.

Rekommunalisierung ist möglich

Auch in Berlin ist die Zukunft des Stromnetzes politisch hoch brisant. Das Volksbegehren "Berliner Energietisch" hat bereits 61.000 Unterschriften gesammelt, die die Rekommunalisierung des Mitte der 90er-Jahre mit dem Verkauf der Bewag privatisierten Stromnetzes fordern. "Die öffentliche Hand muss in Fragen der Energieversorgung wieder handlungsfähig werden", sagt Volksbegehren-Sprecher Stefan Taschner.

Auf dem Euref-Campus sorgt das Forschungs- und Anwendungszentrum InnoZ für Anschauungsmaterial, wie die Energiewende in der Stadt aussehen könnte und was sie für das Netz bedeutet. In dem Ensemble aus Backstein-Altbauten und ersten Bürokomplexen, das nach den Plänen der Entwickler langfristig seine eigene Energie komplett aus erneuerbaren Quellen gewinnen soll, betreiben sie ihr eigenes kleines schlaues Stromnetz, im englischen Fachjargon Micro Smart Grid genannt.

Auf den Dächern wirbeln vier Mini-Windräder, Photovoltaik-Anlagen sammeln Sonnenenergie ein, Blockheizkraftwerke machen aus Biogas Strom und Wärme. Auf Parkplätzen können 28 Elektro-Autos von Car-Sharing-Flotten gleichzeitig geladen werden. Später wollen sie hier auch noch Wasserstoff verstromen, ab 2014 oder 2015 soll eine Bohrung bis 1500 Meter Tiefe Erdwärme anzapfen. Und oben auf dem Gasometer wollen sie mit Mikro-Windanlagen Energie ernten. "An der Hälfte der Tage produzieren wir mehr Strom als wir verbrauchen", sagt Frank Christian Hinrichs, Leiter der e-Mobility-Plattform des InnoZ.

Vattenfall will Konzession behalten

Aber weil eben nicht immer die Sonne scheint oder der Wind bläst, muss das Mikro-Netz auf dem Euref-Gelände mit dem großen Stromnetz, das derzeit noch Vattenfall managt, im Austausch stehen. Wenn bei Günther Jauch am Sonntagabend im Gasometer die Lichter für seine Talk-Show angeknipst werden, muss sofort Strom aus dem allgemeinen Netz gezogen werden. Diesen Austausch sauber hinzubekommen, ist nicht so einfach. Vattenfalls wichtigstes Argument im Rennen um die Netz-Konzession lautet, man habe lange bewiesen, dass man das beherrscht.

Die Zahl der dezentralen Stromerzeuger wie Photovoltaik-Anlagen oder Blockheizkraftwerke wird sich nach einer Studie des Konzerns mit der TU bis 2030 auf 30.000 versechsfachen. Das heute sehr verschachtelte Netz muss dafür zu acht kleineren Netzteilen geordnet werden. Allein dafür veranschlagt Vattenfall 120 Millionen Euro in den kommenden zehn Jahren. Insgesamt rechnet der Chef der Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin GmbH, Hilmar Rendez, mit Investitionen von 1,4Milliarden Euro bis 2024.

Investitionen für die Zukunft

Denn Berlin wächst, neue Wohn- und Gewerbegebiete müssen angeschlossen werden. Allein ein neues Umspannwerk an der Seilerstraße wird mit einer Investition von mehr als 70 Millionen Euro veranschlagt. Die hohen Kosten für den Netzausbau müssen kein Hinderungsgrund sein für andere Unternehmen, die sich um das Stromnetz bewerben. Das sind neben Berlin Energie der chinesische Konzern State Grid, die Alliander AG aus den Niederlanden und auch die Genossenschaft Bürgerenergie Berlin. Sie alle würden das Netz komplett in Eigenregie übernehmen wollen. Hinzu kommen der Stadtwerke-Verbund Thüga sowie die Stadtwerke Schwäbisch Hall, die nur dann bereit stünden, wenn es eine Partnerschaft mit Berlin Energie gäbe. Sie alle könnten die Investitionskosten für den Netzausbau über die Netzentgelte wieder hereinholen, wenn auch mit einigen Jahren Verzögerung.

Ob der Netzbetrieb ein gutes Geschäft ist, hängt von den eigenen Managementfähigkeiten ab und vom Preis, den Vattenfall im Fall einer Niederlage für seine Infrastruktur aufrufen würde. Der darf sich aber nicht am Zeitwert der Leitungen und Umspannwerke orientieren, den Vattenfall mit bis zu drei Milliarden Euro angibt, sondern am Ertragswert. Was die Bundesnetzagentur an Renditen zulässt, muss reichen, um eventuelle Kredite zurückzuzahlen. "Wir rechnen mit 600 bis 800 Millionen Euro", sagt Volksbegehrens-Sprecher Taschner.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.