Sozialtransfers

Jedes dritte Kind in Berlin lebt von Hartz IV

Mehr als 145.000 Berliner Mädchen und Jungen leben in Familien, die mit Sozialleistungen auskommen müssen. Sozialsenator Mario Czaja nennt die Lage „besorgniserregend“.

In Berlin lebt jedes dritte Kind von Hartz IV. 145.416 unter 15-Jährige wohnten Ende 2012 bei Eltern, die ihren Lebensunterhalt aus Sozialtransfers bestreiten. Das sind 33,6 Prozent dieser Altersgruppe. In ganz Deutschland ist der Anteil der Hartz-IV-Kinder mit 14,8 Prozent nicht einmal halb so hoch.

Unter den Bundesländern ist Berlin mit deutlichem Abstand vor Bremen (30,6 Prozent) und Sachsen-Anhalt (26,1) negativer Spitzenreiter. Aber auch in der Gruppe der Großstädte mit mehr als 400.000 Einwohnern leben nirgendwo so viele Kinder in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften.

Nur in den kleineren Städten Bremerhaven (35,1 Prozent), Gelsenkirchen (35) und Halle (33,8), sind noch mehr Kinder von den Leistungen der Jobcenter oder Grundsicherungsämter abhängig. Das hat das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe in einem Zahlenvergleich errechnet.

Am wenigsten von Transfers abhängig sind die Kinder in den wirtschaftlich starken Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg, wo nur 6,7 beziehungsweise 7,9 Prozent mit der Erfahrung dauerhaft arbeitsloser Eltern aufwachsen. Unter den Metropolen schneidet München (11,7) am besten ab. Fast nicht vorhanden ist das Phänomen im bayerischen Landkreis Eichstätt, wo nicht einmal jedes 50. Kind (1,8 Prozent) in einem Hartz-IV-Bezieher-Haushalt heranwächst.

Insgesamt gesehen ist die Konzentration armer Kinder von Transferbeziehern überwiegend ein Thema in den Großstädten und in Ostdeutschland. Dort lebt im Durchschnitt fast jedes vierte Kind von Hartz IV.

Im Bundesvergleich war der Rückgang größer

Tatsächlich sind in Berlin sowohl Anzahl als auch Anteil der Hartz-IV-Kinder zurückgegangen. 2007 waren noch 150.000 unter 15-jährige von den Sozialtransfers abhängig, im Dezember 2012 waren es viereinhalbtausend Jungen und Mädchen weniger. Der Anteil sank von 37,1 auf 33,6 Prozent. Im Bundesvergleich war der Rückgang aber größer.

Der Bremer Forscher Paul Schröder führt dass auf mehr erwerbstätige Eltern zurück, aber auch auf weniger Kinder insgesamt sowie gesetzliche Änderungen wie den Kinderzuschlag und die Anrechnung von Elterngeld. Gleichzeitig habe aber die Zahl der Familien zugenommen, die zwar kein Geld von den Jobcentern bekommen, deren finanzielle Verhältnisse aber in etwa dem Hartz-IV-Niveau entsprechen.

Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) warnte vor einer Verfestigung der Probleme: „Kinder aus Familien mit Hartz-IV-Bezug haben seltener die Chance auf den Zugang zu guter Schulbildung und eigene gute Lebenschancen“, sagte Czaja . Die Zahlen seien „besorgniserregend“. Das wichtigste Ziel im Kampf gegen die Armut von Kindern sei es, „nicht die Reparatursysteme zu stärken, sondern die Möglichkeiten zu verbessern, sondern die Menschen zu eigenen Leistungen zu befähigen.“

Nicht läuft es da, wo Eltern aktiv werden müssen

Diesem Ziel sollte das Bildungs- und Teilhabepaket dienen, mit dem Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Kindern von Arbeitslosen Sportkurse, Musikunterricht oder Nachhilfe über die Jobcenter finanzieren lässt. Berlin hat jedoch nur etwas mehr als ein Drittel dies ihm zustehenden Geldes ausgegeben und liegt damit nach einer weiteren Analyse des Bremer Instituts ganz hinten unter den Ländern.

Senator Czaja sagte, bei den von den Schulen direkt angebotenen Leistungen wie Hausaufgabenhilfe, Klassenfahrten oder Schulessen seien die Berliner Teilnehmerzahlen im Bundesvergleich gut. Nicht laufe es da, wo Eltern selbst aktiv werden müssen, um Sportvereine oder Musikkurse bezahlt zu bekommen. Czaja kündigte an, mit der Bundesregierung zu reden, um die Verfahren weniger bürokratisch zu machen. Bisher lägen die Verwaltungskosten bei rund 25 Prozent. Dieser Anteil werde steigen, wenn der Bund eine Abrechnung jeder Einzelzahlung verlangt.