Radfahren

Zeige mir dein Fahrrad und ich sage dir, wer du bist

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Eva Lindner

Der Radverkehr in der Hauptstadt nimmt zu. Manche Berliner pflegen ein liebesgleiches Verhältnis zu ihrem Rad. Ein nun erschienener Bildband porträtiert 90 Radler und ihre Fahrräder.

Ein Fahrrad, das es in dieser Stadt nur einmal gibt, fährt Per Poulsen-Hansen, Dänemarks Botschafter. Er besitzt als einziger internationaler Vertreter in Berlin ein offizielles Botschaftsrad. Rot wie eine Ketchup-Flasche leuchtet es auf dem grauen Berliner Beton. Dänemark, sagt er, habe die Niederlande als führende Fahrradnation in Europa abgelöst. Berlin könne sich daran ein Beispiel nehmen, denn die Verkehrslage in Kopenhagen, so der Botschafter in dem Buch, habe sich durch die vielen Räder sehr entspannt. Es gebe regelrechte Fahrradstaus.

Per Poulsen-Hansen gehört zu den Fahrradfahrern, denen der Berliner Autor und Fotograf Simon Akstinat nun ein Buch gewidmet hat. Manch ein Berliner führt ein liebesgleiches Verhältnis zu seinem Rad. Treu wie ein Dackel wartet das Gefährt an seinem Laternenpfahl vor dem Supermarkt, Restaurant oder Club auf seinen Besitzer. Wird es gepflegt und verhätschelt, kann die Liebe ewig halten.

Diese Pärchen hat der Berliner Autor und Fotograf Simon Akstinat in seinem neuen Bildband „Cycle Love“ abgebildet. 90 Radfahrer hat der 35-Jährige in Berlin auf ihren Zweirädern abgefangen, fotografiert und zu ihrer Leidenschaft fürs Radfahren und ihrem Verhältnis zu ihren treuen Gefährten befragt. Mit dabei sind Hollandräder, Rennräder, Mountainbikes, selbst gebaute Räder aus Holz oder Bambus, bemalt wie eine Tigerente, mit Blumen behängt, zusammenklappbar, oder mit Stierhörnern als Lenker.

Teil eines Lebensstils

„Die Tage, in denen Fahrräder eine Notlösung für Leute waren, die sich kein Auto leisten können, sind vorbei“, sagt Simon Akstinat. „Das Zweirad ist für alle in meinem Buch nicht ein bloßes Fortbewegungsmittel, sondern Teil eines bestimmten Lebensstils, sowohl bei den Futuristen als auch bei den Nostalgikern, den Ökologen und den Bastlern.“

Uli Feicks Liebe gilt einem ganz besonderen Schatz: Er besitzt ein „Deutschland-Fahrrad“ von August Stukenbrok aus dem Jahr 1907. Die Firma Stukenbrok aus dem niedersächsischen Einbeck war der erste Versandhändler für Räder in Deutschland. Der Spandauer Feick ist mit dem Rad, das sogar noch eine Gaslampe besitzt, schon bis nach Hamburg gefahren. Uli Feick besitzt übrigens keinen Autoführerschein. Seine Welt ist die Welt des Zweirads.

In Berlin lag der Anteil der Radfahrer im Straßenverkehr im vergangenen Jahr laut ADAC bei 14 Prozent, stetig nimmt er zu. Dergleichen Staus gibt es in der Hauptstadt zwar noch nicht, aber an manchen roten Ampeln warten Dutzende von Zweirädern, die Stimmung ist aufgeladen wie bei der Formel 1: Es geht darum, am schnellsten aus dem Startloch zu kommen, an all den Klapp- und Klapperrädern vorbeizuschnellen, um sich dann mit kräftigem Pedaldruck in die Pole Position zu setzen.

Ganz vorne mit dabei sind die Rennradfahrer. Auch davon kann man trotz des vielen Kopfsteinpflasters in der Stadt immer mehr sichten. Selten rollt allerdings ein Rennrad aus Eschenholz an einem vorbei. So eines fährt Tobias Rudolph, auch er ist in „Cycle Love“ abgebildet. Tobias Rudolph gründete die Firma Naturrad und den Verein Triebwerk Grün, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Naturstoffe in den Fahrradbau einzubeziehen. Klingt öko, ist aber rasend schnell.

Puristisch, ästhetisch - das Rennrad

Rennradfahren ist mehr als nur Fortbewegung. Es ist zu einer Lebenseinstellung des modernen Urbanisten geworden. Wer Rennrad fährt, gibt sich als Ästhet. Die Ausstattung ist puristisch, das Design ästhetisch. Kein anderes Rad überträgt die Kraft seines Fahrers so unmittelbar auf die Straße. Der Trend kommt aus New York. Kurierfahrer umfuhren als erste mit den leichten, schnellen Rädern kilometerlange Taxischlangen im Stau.

Beim Rennrad ist der Rahmen meist nicht aus Esche, sondern aus Aluminium oder Stahl. Aluminium ist leichter, Stahl robuster, der so genannte Bügellenker ist abgerundet, so dass der Fahrer sich bis zu 90 Grad vornüberbeugen muss. So bekämpft er seinen größten Feind: den Wind. Mit einem geraden und schmalen „flat bar“ dagegen lässt es sich kompakt und wendig durch die Stadt rollen.

Räder, die für die Rennbahn hergestellt werden, so genannte Bahnräder oder Fixies haben keinen Freilauf, sondern einen fixierten Gang. Mario Langhof, ebenfalls Fotoobjekt in Askanats Bildband, legt mit seinem pro Woche etwa 200 Kilometer zurück. „Ich bin schon Fahrrad gefahren, bevor ich überhaupt laufen konnte“, sagt er.

Keine schlechte Voraussetzung, denn Fixiefahren ist nicht ungefährlich. Tritt man es rückwärts, fährt es rückwärts. Solange das Rad in Bewegung ist, muss der Fahrer treten. Bremsen? Fehlanzeige. Fixies sind daher laut deutscher Straßenverkehrsordnung nicht erlaubt. Viele Rennradliebhaber halten auch Schaltungen für überbewertet. Manche von ihnen fahren deshalb Eingangräder, so genannte Single Speeds. In „Cycle Love“ hat Simon Akstinat die Vielfalt Berlins mit den verschiedensten Fahrradsorten und ihren Besitzern gesammelt. Einig scheinen sich alle Radliebhaber aber dabei zu sein: Der Spruch, „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“ ist von gestern. Heute gilt: „Wer sein Fahrrad ehrt, der fährt.“