Kalter Krieg

Wie die Kinder-Luftbrücke organisiert wurde

Die Luftbrücke kennt jeder – die Kinder-Luftbrücke droht hingegen in Vergessenheit zu geraten. Von 1953 bis 1957 sorgten US-Piloten dafür, dass Flüchtlingskinder unvergessliche Wochen in Westdeutschland verbringen durften.

Foto: Archiv J. Provan/US Air Force

„Es gab Marshmallows, Eis, Pommes Frites und natürlich Kaugummi – es war wie im Schlaraffenland“, erinnert sich Dorit Ziegler. „Überwältigt war ich von einem Päckchen, das ich nach den Ferien als Geburtstagsgeschenk geschickt bekam. Es war ein Sheriff-Pistolengürtel aus Leder mit zwei Pistolen – damit war ich der Star bei unseren Cowboy- und-Indianer-Spielen“, berichtet Harry Heyer. „Ich war derjenige, der am zweitmeisten im Camp zugenommen hat. Es waren fast acht Kilo am Ende der Ferien“, erzählt Ernst Felix Rutsch stolz.

Rund sechs Jahrzehnte liegen die Ereignisse nun zurück, von denen diese Zeitzeugen noch immer mit Wärme und Dankbarkeit berichten. Die Erinnerung daran hat sich unauslöschlich ins Gedächtnis derer gegraben, die damals noch Kinder waren. Es sind Erinnerungen an eine Zeit, die von Not, Entbehrung und Mangel an alldem, was heute als lebensnotwendig und unverzichtbar erscheint, geprägt war. Dass die drei Kinder von damals noch heute mit Freude an dieses Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte zurückdenken, liegt an der Einzigartigkeit der Aktion – der Kinderluftbrücke von 1953 bis 1957.

Amerikaner helfen gern, schnell und kostenlos

Doch im Gegensatz zur Berliner Luftbrücke, die als Antwort auf den Versuch der Sowjetunion, West-Berlin durch eine Blockade für immer vom Rest der westlichen Zonen zu trennen, fest im kollektiven Gedächtnis verankert ist, ist die Kinderluftbrücke fast in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht: Denn in beiden Fällen erhielt Berlin Hilfe, als diese am nötigsten gebraucht wurde.

Der Ausgangspunkt für dieses erstaunliche Unternehmen liegt in den Jahren 1952/53. Eine Zeit, die gemeinhin mit dem „Wirtschaftswunder“ assoziiert wird, einer Ära des schier unbegrenzt scheinenden wirtschaftlichen Aufschwungs. Für West-Berlin aber sah die Realität völlig anders aus: Ein nicht enden wollender Strom von Flüchtlingen aus der DDR, für die West-Berlin das Tor zu einem neuen und freien Leben in der Bundesrepublik Deutschland darstellte, floss unablässig in die Stadt.

Die Probleme der Flüchtlinge im Westteil Berlins

Allein im Jahr 1953 suchten rund 300.000 Menschen Unterschlupf in West-Berlin. Das war eine unvorstellbare Belastungsprobe sowohl für die Stadt und den Senat als auch für die Bürger und Flüchtlinge. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle registrierten die West-Berliner Behörden insgesamt 57.239 Personen, die einen Antrag auf Anerkennung als Flüchtling stellten – in einem Monat wohlgemerkt.

Als Unterkünfte für diese Menschen, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Westsektoren strömten und nicht das Glück hatten, von Verwandten oder Freunden aufgenommen zu werden, dienten Notaufnahmelager. Die Flüchtlinge waren auf engstem Raum, ohne einen Hauch von Privatsphäre untergebracht. „Wie viele waren es gestern?“ war oft die bange Frage der Mitarbeiter in den Notaufnahmelagern.

Leben und hausen in Marienfelde

Etwa 90 solcher Unterkünfte, die bis zu 1000 Personen fassten, gab es in den 50er-Jahren in West-Berlin, in erster Linie betrieben vom Deutschen Roten Kreuz und vom Land Berlin. Die größte Einrichtung, das Notaufnahmelager Marienfelde, bot bis zu 3200 Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf. Zwar wurde versucht, minimale hygienische Anforderungen einzuhalten – so sollten sich etwa maximal 40 Personen eine Toilette teilen müssen und höchstens 20 ein Waschbecken – doch auch das gelang nicht immer. In Zeiten hohen Flüchtlingsaufkommens konnten selbst diese geringen Standards nicht mehr erfüllt werden.

Doch in dieser trostlosen Situation für die Flüchtlinge und der extrem schwierigen Situation für West-Berlin gibt es Hoffnung und Hilfe. Denn die Kinderluftbrücke war mehr als nur der Transport von Kindern in die Sommerferien. Sie steht auch für die nationale und internationale Hilfe, die Berlin in dieser schweren Zeit erhielt: Durch die Vereinigten Staaten von Amerika, den Nordwestdeutschen Rundfunk, das Hilfswerk Berlin, das Deutsche Rote Kreuz und eine Reihe weiterer Organisationen. Die Einrichtung einer Kinderluftbrücke zeigt aber auch die Sonderstellung West-Berlins als Frontstadt des Kalten Krieges.

Der Routinier: Die Rolle General Tunners

Doch zunächst musste die Öffentlichkeit auf die Not der jungen Menschen – rund 20 Prozent der Flüchtlinge, die zwischen 1952 und 1955 in Berlin registriert wurden, waren jünger als 14 Jahre – aufmerksam gemacht werden. Der Grundstein dafür wurde im Büro von Adolf Grimme gelegt, damals Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks und heute vor allem als Namensgeber des renommierten Fernsehpreises bekannt. Aus der vagen Idee heraus, mit einer spektakulären Aktion Aufsehen zu erregen und einer flapsigen Bemerkung von Peter Boenisch, dem persönlichen Assistent von Grimme, wurde schließlich das Projekt „Kinderluftbrücke“ geboren.

Boenisch hatte im Frühjahr 1953 die Aufgabe, das amerikanische Oberkommando der US-Luftwaffe in Europa von der Notwendigkeit einer Kinderluftbrücke zu überzeugen. Erste Gespräche scheiterten, doch als General Tunner im Frühsommer das Oberkommando erhielt, änderte sich alles zum Guten. William H. Tunner war bereits 1948/49 der Befehlshaber des Luftbrückeneinsatzes während der Blockade gewesen.

Flugzeuge kostenlos: Überwältigende Hilfsbereitschaft

Dass er nun einige Jahre später noch einmal eine Luftbrücke für Kinder einrichten konnte, war ihm ein persönliches Anliegen. Die Amerikaner waren also mit von der Partie. Sie stellten kostenlos die Flugzeuge und die Piloten zur Verfügung, was im Jahr 1953 keine Selbstverständlichkeit war. Neben dem humanitären Aspekt war es natürlich auch ein „Statement“ der USA gegenüber der östlichen Seite und eine Facette des Kalten Krieges.

Doch bevor sich am 17. August 1953 das erste Flugzeug, besetzt mit aufgeregten jungen Passagieren und erfahrenen Rot-Kreuz-Schwestern in die Lüfte erhob, mussten noch etliche Hürden genommen werden: politische, organisatorische und vor allem finanzielle. Als überraschend einfach erwies es sich, Familien zu finden, die bereit waren, Berliner Flüchtlingskinder aufzunehmen. Die Hilfsbereitschaft war überwältigend: Schon in den ersten Tagen nach dem Start der Pressekampagne meldeten sich genügend Gasteltern – unter ihnen auch viele Familien von amerikanischen Soldaten, die in der Bundesrepublik stationiert waren.

Fröhliche Ferienwochen – glückliches Wiedersehen

So wurde dafür gesorgt, dass die aus Berlin ausgeflogenen Kinder fröhliche Ferienwochen verbringen konnten. Die Gastfamilien päppelten die oft unterernährten und kränklichen Kinder auf und statteten sie mit neuer Garderobe oder heiß ersehntem Spielzeug aus. Viele dieser Kontakte hatten noch Jahre über das Ende der Kinderluftbrücken-Aktion hinaus Bestand.

Die Wiedersehensfreude auf dem Flughafen Tempelhof war nach Wochen der Trennung natürlich groß – wie schwer es den Eltern gefallen sein mag, ihre teils noch sehr kleinen Sprösslinge in die Obhut wildfremder Menschen zu geben, kann man nur erahnen. Besonderes Augenmerk verdient ein amerikanisches Jugendheim, das im hessischen Eschborn eingerichtet wurde: Ausschließlich Jungen wurden dort aufgenommen, knapp 200 waren es, die 1953 fünf Wochen lang in „Klein-Berlin“ in stabilen Wellblechhütten wohnten und das Camp-Leben in vollen Zügen genossen.

Aktive Erholung: ein prall gefülltes Programm

Die Gastgeber von der US-Army hatten ein prall gefülltes Programm auf die Beine gestellt. Viel Sport, Spiele und einer Reihe von Ausflügen wurden organisiert – sehr zur Begeisterung der Jungs. Durch die Jugendarbeit im Camp, das wie eine richtige kleine Stadt organisiert war, sollten auch demokratische Werte wie Mit- und Selbstbestimmung gefördert werden. Woran es den Jungen im Camp Eschborn auf keinen Fall mangelte, war Selbstbewusstsein. Der 14-jährige „Camp-Bürgermeister“ schrieb kurz nachdem ihn die Jungen gewählt hatten, an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter. Er eröffnet seinen Brief, in dem er um eine offizielle Fahne von Berlin für das Jugendcamp bittet, mit den Worten: „Lieber Kollege...“

Doch auch die Kinder, die in Familien oder in Erholungsheimen untergebracht wurden, kamen in den Genuss von abwechslungsreichen Ferien. Alle 1200 Mädchen und Jungen, die 1953 zu den Pionieren der Aktion gehörten, kamen sichtlich erholt und wohlgenährt zu ihren Eltern zurück – mit dieser positiven Bilanz wurde der Grundstein für weitere Kinderluftbrücken in den folgenden Jahren gelegt. Die fünf Kinderluftbrücken in den Jahren 1953 bis 1957 wurden zum festen Bestandteil der Flüchtlingshilfe für West-Berlin. Aber auch in ganz Deutschland war der Slogan der Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ bald jedermann bekannt, denn der Gewinn wurde ursprünglich für die Bereitstellung von Ferienplätzen für Berliner Kinder verwendet.

Glück, Angst, Stolz: ein unvergessliches Abenteuer

Die Vielzahl von Fotos, die während der Kinderluftbrücke entstanden sind, stellen außergewöhnlichen Momentaufnahmen dar – es sind Zeitzeugnisse, die auf besondere Weise berühren. In den Gesichtern der abgebildeten Kinder spiegelt sich die ganze Bandbreite der Emotionen, die mit diesem Episode der deutschen Geschichte verbunden sind, wider: Glück, Angst, Stolz, Neugier, Unsicherheit, Erschöpfung, Wiedersehensfreude und auch Spannung. Denn für rund 10.000 Mädchen und Jungen, die das Glück hatten, in einem der Flugzeuge zu sitzen, das sie aus einer übervölkerten Stadt mit ungewisser Zukunft in ein paar Wochen des Überflusses und der Sorglosigkeit brachte, war die Kinderluftbrücke vor allem eines: ein unvergessliches Abenteuer.

In der historischen Erinnerung stand diese facettenreiche Episode allerdings in den letzten Jahrzehnten nie wirklich im Vordergrund, bis das AlliiertenMuseum in Berlin-Zehlendorf 2005 eine Ausstellung zu dem Thema zeigte. Außerdem wird Ende Mai 2013 auf dem Tempelhofer Feld eine Infotafel zur Kinderluftbrücke aufgestellt werden. Mit der Publikation „Ferien vom Kalten Krieg. Die Kinderluftbrücke 1953-1957“ wird erstmals eine umfassende und stark bebilderte Darstellung dieser Geschichte vorgelegt.

Das Buch „Ferien vom Kalten Krieg: Die Kinderluftbrücke 1953-1957“ von Bernd von Kostka ist Mitte April im Berlin Story Verlag erschienen. Es hat 64 Seiten und kostet € 7,80. Die offizielle Buchvorstellung findet am Mittwoch, 15. Mai, in der Gedenkstätte Notaufnahmelager Marienfelde statt. Der Eintritt dazu ist frei.

Bernd von Kostka ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berliner AlliiertenMuseums. Der Historiker hat sich als Co-Autor mit „Hauptstadt der Spione“ bereits einem spannenden Abschnitt der Berliner Zeitgeschichte gewidmete. Er ist Spezialist in Sachen Luftbrücke und Berliner Spionagetunnel und war unter anderem als Berater für Fernsehproduktionen und Dokumentationen tätig.