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„Call a Bike“ – Berliner lassen Leihräder stehen

Der Senat fördert das Fahrradleihsystem „Call a Bike“ jährlich mit einer Million Euro. Doch nur 21.000 Berliner haben die Rädern 2012 genutzt. Trotzdem sollen 50 neue Ausleihstationen gebaut werden.

Foto: Matthias Schrader / picture-alliance/ dpa

Es ist nicht zu übersehen: Kaum sind Eis und Schnee verschwunden, haben die Berliner ihre Räder aus dem Keller geholt, um möglichst schnell und nebenbei auch noch gesundheitsbewusst ihre Fahrziele zu erreichen. Das Fahrrad boomt in Berlin derzeit wie kein anderes Verkehrsmittel. Mehr als 500.000 Berliner und Touristen sollen inzwischen täglich mit dem Rad unterwegs sein, Tendenz stark steigend.

Doch das vom Berliner Senat mit einer Million Euro pro Jahr geförderte Leihfahrradsystem „Call a Bike“ kann von dem Trend bisher kaum profitieren. Gerade einmal 21.000 angemeldete Kunden haben nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung „Call a Bike“ im vorigen Jahr aktiv genutzt. Das waren gerade einmal 1000 Nutzer mehr als 2010, als das System noch ohne finanzielle Förderung des Senats auskommen musste. Bei gleichzeitig gestiegener Zahl von Leihrädern ging die Nutzungsquote sogar zurück, von 0,69 auf 0,6 Fahrten pro Rad und Tag.

Verkehrsexperten wie der Berliner Grünen-Abgeordneten Stefan Gelbhaar verweisen auf deutlich höhere Nutzerzahlen in anderen deutschen Großstädten. In Hamburg etwa sind nach Angaben der Bahn-Tochter DB Rent, die Call a Bike bundesweit betreibt, 1650 Leihfahrräder im Einsatz, mit denen 2012 mehr als zwei Millionen Fahrten unternommen wurden. Die 1250 Call-a-Bike-Räder in Berliner wurden im selben Jahr lediglich für 177.000 Fahrten genutzt.

Berliner Verkehrsstaatssekretär sieht „positiven Trend“

Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) spricht trotz dieser ernüchternden Bilanz von einem „kontinuierlich positiven Trend“. Aus seiner Sicht lassen sich die Nutzungsquoten nicht miteinander vergleichen, das 2010 die Call-a-bike-Räder nur von März bis November ausgeliehen werden konnten, während sie 2012 das ganze Jahr über – also auch in den witterungsbedingt nutzerschwachen Wintermonaten – bereit standen.

Von „niedrigen Ausleihzahlen“ könne daher nicht die Rede sein. Allerdings räumt auch Gaebler ein, dass „in Relation zur absoluten Einwohnerzahl Berlins noch erhebliches Wachstumspotenzial für das System öffentlicher Leihfahrräder besteht“.

„Call a Bike“ in neun Großstädten und mehreren ICE-Bahnhöfen

Fahrradverleih-Systeme gibt es in unterschiedlicher Form bereits seit vielen Jahren. „Call a bike“, das von der DB Rent GmbH bundesweit in neun Großstädten sowie an mehreren ICE-Bahnhöfen betrieben wird, ist nur eines davon. Im Rahmen des Pilotprojekts „Integration Öffentlicher Radverkehr“ erhält Call a bike seit 2011 eine finanzielle Förderung von Bund und Senat. Verbunden damit war allerdings ein System-Umstellung.

Die rot-silbernen Fahrräder konnten nicht mehr wie in den Jahren zuvor überall in der Innenstadt entliehen und wieder abgestellt werden, sie bekamen stattdessen feste Ausleih-Stationen, zu denen die Räder nach Gebrauch auch wieder zurückgebracht werden mussten.

Berufspendler sollen durch „Call a Bike“ aufs Auto verzichten

Begründet wurde der umstrittene Systemwechsel unter anderem mit einem der Hauptziele des Projektes: Vor allem Berufspendler aus dem Umland, die Tag für die Tag in die Innenstadt fahren und dabei die Straßen und Parkplätze verstopfen, sollen zum Umstieg vom privaten Pkw auf öffentliche Verkehrsmittel bewegt werden.

Der Verzicht aufs Auto sollte ihnen dadurch schmackhaft gemacht werden, dass sie nach der Anreise mit Bus oder Bahn in die Stadt die letzten Meter auf dem Weg zum Arbeits- oder Studienort mit einem kostengünstigen Leihfahrrad zurücklegen können. Und so wurde als logische Konsequenz daraus ein Großteil der neuen, festen Ausleih-Stationen in der Nähe von S-Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen in der Innenstadt errichtetet.

Zudem bietet Call a bike – öffentlich gefördert – Studenten oder Abonnenten von Monatskarten des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) Sonderkonditionen an. Sie können zum Beispiel nach Zahlung einer Jahresgebühr von 24 Euro die rot-silbernen Räder von Call a bike in der ersten halben stunden ohne weitere Kosten nutzen. Doch die Resonanz auf dieses Angebot ist bislang überaus mäßig: Gerade einmal 520 Abonnenten von VBB-Tickets haben laut Gaebler bisher von den Sonderkonditionen Gebrauch gemacht, das sind gerade einmal 0,1 Prozent aller Stammkunden von BVG und S-Bahn.

In Hamburg ist Fahrrad-Ausleihe an feste Stationen gebunden

Bereits bei der Umstellung von „Call a Bike“ auf feste Ausleihstationen hatte es viele warnende Stimmen gegeben. Aus ihrer Sicht ist es für Gelegenheitsnutzer attraktiver, das Leihrad einfach dort abzustellen, wo sie es nicht mehr brauchen. Zudem finden neue Nutzer die Leihräder dann nicht nur an erst zu findende Stationen, sondern überall in der Innenstadt.

Allerdings: Die Verteilung der Räder im Stadtgebiet ist dann eher zufällig, zudem sind die Vandalismusschäden und damit der Wartungsaufwand für den System-Betreiber größer. Gegen die Kritik sprechen auch die Erfahrungen anderer Städte: Auch in Paris und Hamburg, also Städte mit deutlich höheren Nutzerzahlen als Berlin, ist die Fahrrad-Ausleihe an feste Stationen gebunden.

50 neue “Call a bike“-Ausleihstationen geplant

Die Senatsverkehrsverwaltung sieht als eine Ursache für die vergleichsweise geringe schwache Akzeptanz die noch zu geringe Zahl von Ausleihstationen an. Laut Gaebler soll das System noch 2013 durch 50 neue Ausleihstationen erweitert werden. Aktuell gibt es 80 Ausleihorte vor allem in den Bezirken Mitte und Pankow.

Weitere Stationen sind innerhalb des S-Bahn-Rings auch in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg geplant. Trotz der Kritik an den klobigen grauen Betonquadern, in denen die Leihräder abgestellt werden, soll sich an der Gestaltung der Stationen erst einmal nichts ändern.

Bis Ende 2014 will der Senat „Call a Bike“ vorerst weiter fördern. Für die Zeit danach soll es eine öffentliche Ausschreibung für den Auftrag geben. „Die Nutzung des bestehenden Systems“ sei keine Bedingung, heißt es vom Senat. Eine offene Aufforderung an andere Anbieter zu zeigen, dass sie es besser können als die Bahn.