Schlägerei am Alex

Was den sechs Tatverdächtigen im Fall Jonny K. droht

Den Tatverdächtigen im Fall Jonny K. wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Kritiker fordern jedoch eine härtere Anklage. Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zum Prozess.

Foto: Repro/Steffen Pletl / BM

Nachdem sich mit Onur U. auch der letzte der sechs Tatverdächtigen im Fall Jonny K. der Berliner Justiz gestellt hat, will die Staatsanwaltschaft jetzt zügig Anklage gegen den 19-Jährigen und die fünf Mittäter erheben.

Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zum Fall Jonny K. und zum Prozess.

Was wird den Verdächtigen vorgeworfen?

Nach der tödlichen Prügelattacke auf dem Alexanderplatz am 14. Oktober 2012 hat die Polizei schnell sechs mutmaßliche Schläger ermittelt: Onur U., 19, Bilal K., 24, Hüseyin I., 21, Melih Y., 21, Osman A., 19, und Mehmet E., 19. Ihnen allen wird gefährliche Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei vorgeworfen. Onur U., Bilal K., Osman A. und Melih Y. müssen sich zudem wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Sie sind laut Staatsanwaltschaft hinreichend verdächtig, Jonny K. gemeinschaftlich mit Schlägen und Tritten getötet zu haben. Den beiden anderen Verdächtigen Hüseyin I. und Mehmet E. konnte eine Beteiligung an den Attacken gegen JonnyK. nicht nachgewiesen werden, sie sollen aber einen Begleiter des Getöteten angegriffen und schwer verletzt haben. Fünf der sechs Verdächtigen sitzen in Untersuchungshaft, lediglich Mehmet E. erhielt Haftverschonung.

Wo wird der Prozess geführt und was droht den Angeklagten?

Da drei der sechs Angeklagten unter 21 Jahre alt sind und somit als Heranwachsende gelten, findet die Verhandlung vor einer Jugendstrafkammer des Landgerichts statt. Ob die Heranwachsenden im Falle einer Verurteilung auch nach Jugendrecht behandelt werden, entscheidet die Kammer nach Ende der Beweisaufnahme. Bei Körperverletzung mit Todesfolge liegt die Mindeststrafe bei drei Jahren, die Höchststrafe bei zehn Jahren. Beteiligung an einer Schlägerei wird mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren geahndet.

Was geschieht im Verfahren als Nächstes?

Noch in dieser Woche will die Staatsanwaltschaft laut Justizverwaltung die Anklage erheben, die auch vom Gericht zugelassen werden muss. „Wenn alles super läuft, haben wir am 13. Mai Prozessauftakt für alle sechs Tatverdächtigen“, sagte Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) am Dienstag. Sicher sei dies jedoch nicht, da das Verfahren gegen Onur U. wegen seiner Flucht in die Türkei von dem Verfahren gegen die weiteren Tatverdächtigen abgetrennt wurde. Nun, da Onur U. wieder in Berlin ist, müsse auch ihm und seiner Verteidigung die nötige Zeit für rechtliches Gehör eingeräumt werden. „Der Verteidiger könnte dabei auf Zeit spielen, dann müsste das Gericht wie bisher geplant mit dem Prozess ohne Onur U. beginnen“, so der Senator. Er rechne aber nach Einschätzung der bisherigen Aussagen der Prozessbeteiligten nicht damit.

Welche möglichen Schwierigkeiten birgt der Prozess?

Ein Prozessauftakt für alle sechs Tatverdächtigen zugleich habe den Vorteil, dass alle Aussagen über den Tathergang in einem Verfahren erledigt werden könnten, erklärte Justizsenator Heilmann. Aussagen gerade zu unüberschaubaren Taten wie Schlägereien würden sich erfahrungsgemäß oft widersprechen, entsprechend anspruchsvoll sei es, den Tathergang zu rekonstruieren. Konkret könne man aber nichts dazu vorhersagen. „Was mich jedoch mehr umtreibt, ist, dass Gerichte auch Vorverurteilungen vor dem Prozess berücksichtigen“, sagte Heilmann weiter. Er vermeide es daher stets, von einem der Verdächtigen als dem Haupttäter zu sprechen. „Ich will nicht dazu beitragen, dass das Strafmaß eventuell wegen einer Vorverurteilung in der Öffentlichkeit verringert wird.“ Onur U. werde verdächtigt, die Schlägerei angefangen zu haben.

Wie konnte Onur U. aus der Türkei ausreisen, obwohl dort gegen ihn ermittelt wurde?

Dass Onur U. ungehindert nach Berlin fliegen konnte, obwohl in der Türkei gegen ihn Ermittlungen liefen und er mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde, habe einen „komplexen Hintergrund“, sagte Heilmann nach der Sitzung des Senats am Dienstagvormittag, bei der die Verhaftung von Onur U. eines der Themen war. Der internationale Haftbefehl hätte natürlich in der Türkei vollzogen werden können, doch er habe in den Äußerungen der türkischen Behörden „zwischen den Zeilen gelesen“, dass man das Verfahren gegen Onur U. gern in Deutschland haben wolle, sagte Heilmann. Onur U.s Verteidiger habe zudem offenbar dessen Ausreise vorbereitet und auch mit den türkischen Behörden zuvor geklärt, dass sich der 19-Jährige in Berlin der Polizei stellen wolle. Nun spiele die Türkei, deren Staatsbürgerschaft Onur U. neben der deutschen besitzt, keine Rolle mehr in dem Verfahren. „Hätten sie eine Rolle spielen wollen, hätten sie ihn dort behalten“, sagte Heilmann. Es sei aber als sinnvoll erachtet worden, alle Tatverdächtigen möglichst in einem Prozess gemeinsam zu behandeln. „Ich gehe davon aus, dass die Ermittlungen gegen Onur U. in der Türkei nun bald eingestellt werden“, so der Senator.

Welche Bedeutung hat der bevorstehende Prozess?

Die Jugendkammer muss deutlich machen, dass die Angeklagten ein faires Verfahren erhalten. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber ein Verteidiger hat bereits angedeutet, die Flucht mehrerer Verdächtiger in die Türkei sei aus der Befürchtung erfolgt, als Ausländer in Deutschland nicht fair behandelt zu werden. Andererseits gibt es Kritiker, die meinen, eine Anklage „nur“ wegen Körperverletzung mit Todesfolge sei viel zu milde. Die Brisanz des Falles ist unverkennbar, Transparenz und Aufklärung sind daher besonders wichtig.