Admiralspalast

1000 Menschen besuchen Benefizkonzert für Jonny K.

Vor sechs Monaten ist Jonny K. am Alexanderplatz so brutal zusammengeschlagen worden, dass er starb. Am Sonntag wäre er 21 Jahre alt geworden. Ein Benefizkonzert erinnerte an die unfassbare Tat.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Am Sonntag wäre Jonny K. 21 Jahre alt geworden. Er hätte wohl Geburtstag gefeiert. Doch Jonny K. ist bereits seit sechs Monaten tot. Totgeschlagen am Alexanderplatz. Nun erinnerte ein Benefizkonzert an den jungen Mann, der so brutal zusammengeprügelt wurde, dass er wenig später seinen schweren Verletzungen erlag.

Nach Veranstalterangaben besuchten mehr als 1000 Menschen am Sonntagabend das Benefizkonzert, das Jonnys Schwester Tina K. im Admiralspalast initiiert hatte. Neben Tanzgruppen sangen auch Bands wie Seeed Vocalists, Glasperlenspiel oder OK KID. Das Konzert stand unter dem Motto „Stimmen für unseren Bruder“.

Alle Musiker verzichteten auf ihre Gagen. Mit einer Tombola wurden Spenden gesammelt. Der Erlös soll dem von Tina K. gegründeten Verein „I Am Jonny“ zugutekommen, der sich mit Jugendprojekten gegen Gewalt in Berlin engagiert. Unter den Gästen waren auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) als Schirmherr des Abends sowie die Eltern des Getöteten.

Tina K. wirkt überwältigt von der Anteilnahme

Seit dem Tod von Jonny K. engagiert sich seine große Schwester Tina K. mit dem von ihr initiierten Verein „I am Jonny“ gegen Gewalt und mehr Toleranz. Sie möchte ein besseres Berlin. „Es ist Zeit aufzustehen“, sagt sie. Sie hatte auchg das Benefizkonzert initiiert.

Am Sonntagabend wirkte sie aufgewühlt und überwältigt von all der Anteilnahme. „Bis zum Schluss fragte ich mich: ‚Was ist, wenn keiner kommt?’“, sagte sie. Der Abend sei unbeschreiblich. „Meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen.“ In der ganzen Stadt verteilt hängen „I am Jonny“-Plakate für den Benefizabend. „An jedem Ort, den Jonny schön fand, sieht man dieses Poster – jedes Mal, wenn ich an einem vorbeiging, musste ich weinen“, sagte Tina. Zu Beginn der Show schickte Tina K. von der Bühne aus Luftküsse zu ihren Eltern in die oberen Reihen des Saals: „Mama, Papa, ich liebe Euch!“

Tina K. hatte die Veranstaltung als „eine Geburtstagsparty für Jonny, mit allem, was dazu gehört“ angekündigt. Trotz des ernsten Hintergrunds dürften „gute Laune, Luftballons, eine Torte und Kerzen“ nicht fehlen. Und so war die Stimmung zwar ausgelassen. Doch es war auch ein gewisser Ernst zu spüren, ein Bewusstsein für den Anlass des Konzerts. Auch Jocelyn B. Smith, die mit der Familie von Jonny K. befreundet ist, kam.

Für eine Video-Kampagne des Vereins hatte Tina K. zuvor bereits Prominente wie die Schauspieler Jürgen Vogel und Sibel Kekilli sowie die Fußball-Profis Jerôme Boateng und Holger Badstuber gewinnen können.

Mädchengruppe imitiert tänzerisch eine Schlägerei

Viele Künstler verarbeiteten in ihren Performances die schreckliche Tat vor knapp sechs Monaten. So tanzte eine Mädchengruppe vom Jugendclub „Centre Talma Dance“ zu einem Musik-Mix aus Lied- und Tonsequenzen von Nachrichten über den Fall Jonny K. In ihrer Choreografie imitierten sie tänzerisch eine Schlägerei. Auch Kaze, der langjährige Freund von Tina K., stand auf der Bühne. Mit einem selbstgeschriebenen Lied über Jonny. Er selbst war in der Tatnacht dabei. Tina K. freue sich auf jeden einzelnen, der da sei. „Aber besonders emotional wird für mich, wenn mein Freund für Jonny singt.“

Neben dem Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) kamen auch einige Berliner Prominente mit ausländischen Wurzeln. Darunter war auch der Fernsehmoderator Patrice Bouédibéla oder die Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi. Generell sah man viele asiatische Menschen, die sich mit Jonny K., dessen Mutter aus Thailand stammt, identifizieren können.

„Das Konzert ist für uns ein Symbol gegen Gewalt“

Aber auch andere können das: Die 32-jährigen Berlinerinnen Nele und Marlene Gnielka haben selbst Kinder. Sie beide können sich diesen Verlust vorstellen. Als große Schwester ist Marlene Gnielka sowieso sehr bewegt: „Das Konzert ist für uns ein Symbol gegen Gewalt.“ Auch die 20-jährigen Sheila Schatz und Lars Schwarzkopf wollen Tina K. und ihre Familie unterstützen. Sheila bewundert Jonnys große Schwester: „Ich habe echt Respekt vor dem, was Tina K. schon geschafft hat. Sie ist so bemüht, was zu ändern und macht das auf eine sehr erwachsene Art und Weise.“

Eine der Berliner Tanzgruppen, die für Jonny tanzten, ist „Surprassing Skillz“. „Für uns ist dieser Auftritt eine Geste der Verbundenheit, auch Jonny war Tänzer – wir hätten in der gleichen Situation sein können“, sagt der 20 Jahre alte Choreograf Chris Marc Phung. Viele von ihnen sind ebenfalls asiatischer Herkunft. „Mein Bruder hat mich direkt angerufen, als er von der Tat am Alex gehört hat, da unser Tanzstudio da in der Nähe ist und auch ich mit vielen Asiaten rumhänge“, sagt der Berliner Ricardo Schlieske.

Sherine Williams (45) ist Mutter von zwei Kindern. Sie kennen die Familie von Jonny K. ein bisschen. „Natürlich schafft diese Verbindung über drei Ecken noch mehr Nähe zu der Geschichte“, sagte Sherine Williams. Ihr Sohn sei im Alter von Jonny K.. „Ich und meine Kinder wollen Jonnys Familie auch unterstützen – es hat uns alle sehr betroffen gemacht.“

Das Mitgefühl wurde bei allen Gästen deutlich – ob Eltern, große Geschwister, asiatischer Herkunft oder Tänzer, wie Jonny einer war. Auch wenn sie nicht direkt mit jenem Fall zu tun haben, sehen sich viele dazu ermutigt, gegen Gewalt in der Stadt anzukämpfen – ein Zeichen zu setzen.

Jonny K. wollte sich für einen Freund einsetzen

Am 14. Oktober vergangenen Jahres war Jonny K. mit Freunden unterwegs, als die Clique von mehreren jungen Männern am Alexanderplatz angegriffen wurde. Jonny K. wollte sich mit Worten, so heißt es, für einen belästigten Freund einsetzen. Daraufhin wurde er brutal ins Koma geschlagen. Im Krankenhaus erlag er seinen Verletzungen. Die Tat löste eine Welle der Solidarität in ganz Deutschland aus und dominierte wochenlang die Schlagzeilen. Zur Trauerfeier im Oktober kamen knapp 600 Menschen.

Bisher haben sich erst fünf der sechs Verdächtigen gestellt. Der sechste, mutmaßlich der Haupttäter, Onur U., flüchtete vor sechs Monaten in die Türkei. Dort soll er sich noch immer verstecken. Der Prozess gegen die anderen soll am 13. Mai beginnen. Welche Rolle Onur U. in jener Nacht spielte, muss er jetzt zunächst den türkischen Behörden erklären. Der 19-jährige Onur U. besitzt neben der deutschen auch die türkische Staatsangehörigkeit. Eine Auslieferung komme daher nicht in Frage.

Jonny K. war in der Nacht zum 14. Oktober 2012 vor einem Lokal nahe dem Alexanderplatz von Schlägern so heftig attackiert worden, dass er einen Tag später an Gehirnblutungen starb. Er hatte sich nur für einen Freund einsetzen wollen. Der Gewaltexzess hatte bundesweit Entsetzen und eine neue Debatte über Jugendgewalt ausgelöst.

Gegen fünf Verdächtige soll voraussichtlich am 13. Mai in Berlin ein Strafprozess beginnen. Gegen den Hauptverdächtigen Onur U., der sich in die Türkei abgesetzt hatte, ermitteln die dortigen Behörden wegen Mordes. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich persönlich für die Strafverfolgung des in die Türkei Geflüchteten eingesetzt.

Hauptbeschuldigter könnte doch nach Deutschland kommen

Die Kanzlerin sprach bereits am 25. Februar bei ihrem Spitzentreffen mit dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan in Ankara darüber, bestätigte eine Regierungssprecherin am Sonntag. Merkel habe in dem Gespräch die Erwartung geäußert, dass die Türkei aktiv nach dem letzten noch flüchtigen Tatverdächtigen fahnde.

Nach Angaben von Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) hat der Beschuldigte mittlerweile geäußert, nicht in ein türkisches Gefängnis zu kommen. Heilmann sagte am Sonntagabend in der rbb-Abendschau, er rechne für die nächsten Tage mit einer Entscheidung, ob der Hauptverdächtige doch noch nach Deutschland kommt. In diesem Fall könnte er unter Umständen mit auf der Anklagebank sitzen, wenn der Strafprozess am 13. Mai beginnt.

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