Bilanz

Der Winter war für Berlins Obdachlose verheerend

Etwa 2000 Berliner leben auf der Straße. Der harte Winter hat gezeigt, wie wichtig Notunterkünfte sind. Es gibt zu wenige Plätze. Doch die Einrichtungen rüsten auf - sie wollen näher zu den Menschen.

Foto: Marc Tirl / dpa

Montagmorgen, 9 Uhr, Lehrter Straße: In der Notunterkunft der Berliner Stadtmission haben sich rund 20 Menschen versammelt. Unter ihnen der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn. „Wir möchten helfen“, sagt Rüdiger Grube. Der Grund für dieses Treffen ist die Übergabe einer 100.000 Euro Spende der Bahn an die Berliner Stadtmission.

Mit dieser Spende wird es für die Berliner Stadtmission möglich sein, das Hilfenetz für Obdachlose zu erweitern. Das Ziel ist es, die kranken Wohnungslosen im Stadtgebiet mit einer mobilen Einzelfallhilfe vor Ort aufzusuchen, um sie persönlich und medizinisch zu begleiten und sie an das Netz der Hilfe heranzuführen. In einer ersten Phase werden ab Freitag eine Krankenschwester und Ärzte Obdachlose mit einem Bus auf der Straße aufsuchen.

In einer zweiten Phase ist geplant, erkrankte Obdachlose zu pflegen und zu versorgen. Der Idealfall ist, sie zu überreden mit zu einer Einrichtung mit Pflegebetten zu kommen, wo sie gepflegt werden und sich ausruhen können. Viele von ihnen haben Hemmungen, sich helfen zu lassen. Ein Ort für die Pflegeeinheit ist noch nicht bekannt. Das Projekt ist noch in Planung.

„Die Leidenschaft der Helfer hat mich beeindruckt“

Dem Leiden von wohnungslosen Menschen auf der Straße soll durch engagierte Vermittlungs- und Betreuungsarbeit begegnet werden. „Wir erleben das ja alles nur aus Erzählungen“, sagt Grube. Symbolisch überreicht er Ulrich Neugebauer, Leiter der Notübernachtung und Leiter des neuen Projektes, eine Glasbox, die unterschiedliche Verbandsmittel und Medikamente enthält und die die Spende von 100.000 Euro repräsentieren soll.

Rund 0,5 Prozent des Gesamtgewinns der Deutschen Bahn AG werden laut Grube jährlich gemeinnützigen Projekten gespendet. „Die Leidenschaft und Professionalität, mit der die Helfer – meistens ehrenamtlich – arbeiten, haben mich tief beeindruckt“, fügt der Bahnchef hinzu. Er hoffe, dass durch diese Projekte vielen kranken Obdachlosen geholfen werden könne.

Auch der Verein „Berliner helfen“ der Berliner Morgenpost engagiert sich mit Spendenaufrufen für die Kältehilfe. In diesem Winter wurden insgesamt 35.000 Euro gespendet von den Lesern der Morgenpost. Damit wurden die Notübernachtungen der Stadtmission, die Obdachlosenärztin Jenny de la Torre, die Ambulanz der Caritas, die Bahnhofsmission und der Verein Straßenkinder unterstützt.

Gesundheitszustand verschlechtert

Zum Ende der Berliner Kältehilfe dieses Winters haben die Verbände am Montag Bilanz gezogen. Angesichts einer Auslastung von 111,3 Prozent und insgesamt 70.918 Übernachtungen vom 1. November bis 31. März 2013 würden mehr Platzkapazitäten für die nächste Saison benötigt, hieß es. Das Netz der Notübernachtungen in Berlin besteht aus 30 Projekten, davon 17 Notübernachtungen und 13 Nachtcafés.

Aufgrund der besonders kalten Temperaturen und des extrem langanhaltenden Winters haben die verschiedenen Einrichtungen, die Bezirke und die Senatssozialverwaltung die Kältehilfe für zwei Wochen verlängert. Die diesjährige Kältehilfesaison wird daher voraussichtlich Mitte April enden.

Insgesamt haben rund 70 freie Träger, Kirchengemeinden, Vereine und Wohlfahrtsverbände die letzten fünf Monate Obdachlosen in Berlin Schutz vor der Kälte geboten und die Übernachtung im Warmen ermöglicht. Doch mindestens 100 Plätze pro Nacht würden noch benötigt, um die gesamte Nachfrage zu decken.

Die medizinische Behandlung der kranken Obdachlosen werde ungenügend gefördert. „Der allgemeine Gesundheitszustand der Menschen, die wir nachts auf der Straße trafen, hat sich zu den Vorjahren wesentlich verschlechtert“, sagte Joachim Fuchs vom Roten Kreuz, der mit dem Wärmebus unterwegs war. Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Zoo, kritisert, dass Berliner inzwischen zu oft wegschauen würden, um mit der harten Realität nicht konfrontiert zu werden. Er erinnerte an mehrere kranke Wohnungslose, die aufgrund mangelnder Hilfe verstorben seien.

Die Standards in manchen der Notunterkünfte seien auch wegen des Platzmangels minderwertig, was wiederum dazu führe, dass viele Obdachlose lieber auf der Straße schlafen, meint Puhl.