Badesaison

Die tapferen Eisschwimmer vom Berliner Wannsee

Die Badesaison am Wannsee ist eröffnet. Trotz anhaltendem Winterwetter trauten sich zum Auftakt vier Berliner in das zwei Grad Celsius kalte Wasser. Nicht nur aus Traditionsbewusstsein.

Vier Männer stehen am Ufer des Wannsees. Eine frische Schneedecke von gut zehn Zentimetern bedeckt den sonst so gelben Sandstrand. Zwei der vier Männer haben es besonders eilig. Hastig ziehen sie ihre Stoffhosen aus, dann die Jacken, die Pullover, der eine zieht sein T-Shirt aus. Sie stehen bis auf ihre Badehosen nackt da, fast. Es fehlen noch die Schuhe. Es ist kurz vor elf Uhr am Karfreitag, der weite Wannsee liegt vor ihnen. Wassertemperatur zwei Grad Celsius. Man kann nicht bis zum nächsten Ufer blicken. Sie aber wollen rein.

In dicke Mäntel gekleidet und mit Glühwein in den Händen beobachten die Schaulustigen, was sich diese Männer hier antun. Punkt elf Uhr ist es soweit. Die ersten zwei Männer streifen schnell ihre Schuhe ab, der eine schwarze Lederhalbschuhe, der andere Badelatschen. Manfred Scharnowski und Matthias Kassner gehen mutigen Schrittes auf das Wasser zu. Sie zögern nicht.

Ein Schneemann mit Hasenohren

„An den Füßen wird es immer schnell kalt“, sagt Manfred Scharnowski. Uwe Friedrich und René Quasser rennen ein Stück weiter links auf den See zu. Der erste Fuß ist im Wasser, es ist der von Manfred Scharnowski. Die gut 50 Zuschauer applaudieren. Doch bis zur Vollendung ihres mutigen Anbadens müssen die vier noch gut 30 Schritte durch das Wasser waten. Erst danach können sie untertauchen. Sie tun es. Wieder jubeln ihnen die Zuschauer zu. Somit ist die Badesaison am Strandbad Wannsee eröffnet.

Schnee häuft sich auf den Dächern der Strandkörbe. Tatsächlich wacht ein Schneemann mit Hasenohren über das Strandbad. Der Wannsee eröffnet seine Saison mit kostenlosem Eintritt. Familie Ziehe ist mit ihrem kleinen Sohn da: „Es ist skurril, dass Leute heute wirklich baden gehen wollen. Ich habe gerade meine Hand ins Wasser gehalten – das hat mir völlig ausgereicht“, sagt der Vater.

Vier Zentimeter Neuschnee sind am Freitag gefallen. Damit liegt über Berlin eine 17 Zentimeter dicke Schneedecke zu Beginn des Osterwochenendes. Mit einem Temperaturmittel von minus 0,9 Grad Celsius verzeichnen die Meteorologen den kältesten März seit 130 Jahren. „Für gewöhnlich haben wir ein Monatsmittel von elf Grad“, sagt Meteorologe Friedemann Schenk von der Berliner Wetterkarte. „Die nächsten Tage geht es winterlich weiter. Ein Ende ist nicht in Aussicht.“

Mit Glück können die Berliner am Ostermontag etwa eine Stunde Sonne und vier Grad Höchsttemperatur erwarten, so der Meteorologe. „Dieser März ist sogar kälter als ein normaler Januar.“

11.03 Uhr, drei Minuten nach Badebeginn, kommt Manfred Scharnowski wieder aus dem See gelaufen, immer noch in ruhigem Tempo. Seine Haut ist rot vor Kälte. „Die ersten Sekunden waren hart. Aber jetzt geht es mir gut“, sagt er. Auf die Frage, ob er dafür trainiert habe, winkt er ab: „Ab und zu dusche ich kalt. Das hier ist im Grunde nur Überwindung. Und mit einem kräftigen Schluck Tee kann ich mich auch schnell wieder aufwärmen.“

Angenehm im Wasser

Dann erst kommt Matthias Kassner aus dem Wannsee gelaufen. Er ist zuvor noch eine Runde geschwommen. „Es ist wirklich angenehm hier im Wasser“, sagt er. „Ich bin Eisbader und gehe ein Mal die Woche schwimmen.“ Seine Frau wartet mit einem großen Handtuch am Ufer auf ihn. Richtig auftauen können die vier Anbader jetzt in der Sauna. Die Bäder-Betriebe spendieren allen eine Freikarte.

„Für mich ist das selbstverständlich, dass ich Karfreitag das erste Mal im Jahr ins Wasser gehe. Obwohl ich mir heute im Stillen denke: Was tust du dir nur an?“, sagt Manfred Scharnowski. Er hätte sich über mehr Mitstreiter heute gefreut. „Ich komme seit fünf Jahren hierher zum Anbaden“, erzählt der Mann aus Schöneberg. „Aber so kalt war es noch nie. Gewohnt bin ich sieben bis 14 Grad Lufttemperatur.“ In einem der Strandkörbe liegen seine Sachen: Handtuch, Thermoskanne und Badelatschen. Er braucht sie jetzt.

Während der Schnee am Wannsee idyllisch wirkt, ist er für viele Berliner in der Stadt aber eine Verkehrsbehinderung. So haben sich die Berliner Stadtreinigungsbetriebe seit dem ersten Schneefall am 1. Dezember – vor gut vier Monaten – mit der Räumung der Straßen beschäftigt. Die nationale Streusalzreserve des Bundes ist bislang jedoch nicht angerührt worden, berichtet das Bundesverkehrsministerium. Insgesamt lagern 40.000 Tonnen Streusalz in Bülstringen in Sachsen-Anhalt und 60.000 Tonnen in Saerbeck in Nordrhein-Westfalen im Wert von insgesamt neun Millionen Euro. Der Bund hatte die Reserve nach dem strengen Winter 2010/11 angelegt, als deutschlandweit das Streusalz knapp geworden war.

Zu hoffen ist, dass die Streusalzreserve nun auch Reserve bleibt. Das Strandbad Wannsee ist jedenfalls mit Strandkorbvermietung und Gastronomie eröffnet. Am Sonntag können Eltern mit ihren Kindern Ostereier im Schnee suchen. Manfred Scharnowski reicht es erst einmal. Wann er wieder im Wannsee schwimmen gehen wird, konnte er noch nicht sagen.