Prozessstart

Gericht verhandelt Mordkomplott an Pferdewirtin aus Lübars

| Lesedauer: 10 Minuten
Hans H. Nibbrig und Leon Scherfig

Im Juni 2012 wurde Christin R. tot aufgefunden. Nun beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter - ihren Ex-Freund, dessen Mutter und drei weitere Personen. Es ging um 2,4 Millionen Euro.

Die Bank gibt es noch immer. Sie steht vor einem Stall, umgeben vom erdigen Boden des Reiterhofs in Lübars. Sie war einer der Lieblingsplätze von Christin R. „Dort hat sie immer gesessen, mit Miss Elli“, sagt Marion Köhler. Sie reitet fast jeden Tag auf dem Hof.

Miss Elli, das sei Christins Hund gewesen, mit dem das Mädchen schon als Schülerin hier oft mit Freunden spielte. Drinnen, in einem kleinen Raum des Stalls, in dem das Reitzeug lagert, habe Christin schon als 13-Jährige gesessen und mit Freunden Strohpuppen gebastelt.

Leiche von Christin R. am Freibad Lübars gefunden

Marion Köhler hält einen grünen Eimer in der Hand. Sie weist auf die Bank. „Schon vor der Ausbildung war Christin regelmäßig hier, bis zum Ende der Schulzeit“, sagt die Pferdewirtin. „Auf dem Hof hat all das natürlich Spuren hinterlassen.“ Christin ist gerade 21 Jahre alt, als ihre Leiche am Freibad Lübars gefunden wird, im Juni 2012. Die zierliche junge Frau wurde mit einem Seil erdrosselt.

Glockengeläut schallt über die Pflastersteine des Dorfplatzes von Lübars. Eine dicke Schneedecke liegt auf der barocken Kirche, dem Dorfkrug und dem historischen Schulgebäude. „Schulhaus“ steht auf dem Gebäude, mehr Worte braucht es in der dörflichen Beschaulichkeit nicht. Im Hintergarten des Gemeindehauses grunzen Schweine, vor der Straße steht noch eine gelbe Telefonzelle – Lübars ist ein Ort, der so aus der Zeit gefallen wirkt wie Mistgabel und Handpflug.

Wenn an diesem Donnerstag der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Christin R. beginnt, dann dürfte dieses Verfahren bei vielen Menschen in Lübars Erinnerungen wachrufen, die schmerzen und aufwühlen.

Das Wort „Mord“ wird in Lübars vermieden

In der kleinen Hütte im Eingangsbereich des Reithofs hängt ein Papier, das an Christin erinnert. In einem Wandschrank hängen Reitschleifen, auf der Glastür klebt ein Foto von Christin und eine Karte mit der Aufschrift: „Es ist schwer, einen geliebten Menschen zu verlieren. Es ist wohltuend, so viel Anteilnahme zu erfahren. Dafür danken wir.“ Darunter stehen die Namen der Eltern.

Ein Dank an die Gäste der Trauerfeier, sagt eine Mitarbeiterin des Hofs, die ihren Namen nicht öffentlich machen will. Man rede so viel. Oft werde sie von Bekannten darauf angesprochen: Reitest du nicht auf dem Hof, auf dem das Mädchen geritten ist, das Opfer dieser unfassbaren Geschichte wurde? Sie selbst, sagt die Pferdewirtin, habe an der Trauerfeier teilgenommen und sei mit den rund 200 Gästen im Anschluss zum Friedhof von Lübars gezogen, um Christin R. die letzte Ehre zu erweisen.

„Selbstverständlich ist das, was passiert ist, nicht rückgängig zu machen und auch nicht wiedergutzumachen. Ich hoffe aber, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt die Mitarbeiterin. Im Gespräch mit den Menschen in Lübars ist immer die Rede von „dem, was passiert ist“, „den schrecklichen Geschehnissen“ – aber niemals von Mord. Auch Pfarrer Axel Luther, der die Trauerfeier in der Dorfkirche leitete, klammerte das Wort in seiner Rede aus.

Eine glückliche Kindheit in Lübars

Christin R. hat offenbar eine glückliche Kindheit verlebt hier in Lübars. Ihr Leben als Erwachsene war hingegen weniger beschaulich – und vor allem kurz. Am Morgen des 21. Juni 2012 wird die Leiche der 21-Jährigen auf einem Parkplatz vor dem Freibad Lübars gefunden. Die junge Frau ist in der Nacht zuvor mit einem Seil erdrosselt worden.

Schon kurze Zeit später wird Christin R.s Exfreund Robin H., 24, unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Die Ermittler der Mordkommission glauben zunächst an eine Beziehungstat. Doch schon bald wird klar, dass Christin R. das Opfer des wohl perfidesten Mordkomplotts in der jüngeren Vergangenheit wurde. Eines Komplotts, das in einer Mischung aus grenzenloser Gier und menschenverachtender Skrupellosigkeit entstanden und umgesetzt worden sein soll. Und an dem nach Überzeugung der Ermittler gleich fünf Täter beteiligt waren.

Neben Robin H. sollen seine Mutter Cornelia H., 55, als treibende Kraft sowie zwei weitere Männer und eine Frau an der Planung und Durchführung des Verbrechens mitgewirkt haben. Alle fünf müssen sich ab Donnerstag vor einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts Moabit verantworten.

Fünf Lebensversicherungen zugunsten des Ex-Freundes Robin H.

In der 72-seitigen Anklageschrift der Berliner Staatsanwaltschaft fehlt der Begriff Mord hingegen nicht. In der werden vier Beschuldigte angeklagt, „gemeinschaftlich handelnd einen Menschen heimtückisch und aus Habgier getötet zu haben“. Dem fünften Angeklagten wird Anstiftung vorgeworfen.

Heimtücke und Habgier, das sind die wesentlichen Merkmale, die aus einem Tötungsdelikt einen Mord machen. Als Motiv für die Tat sieht die Staatsanwaltschaft insgesamt fünf auf Christin R. abgeschlossene Lebensversicherungen, in denen Robin H. als Begünstigter eingetragen wurde. Wäre der mörderische Plan aufgegangen, hätte der 24-Jährige 2,4 Millionen Euro kassiert.

Ein wichtiges Beweiselement der Staatsanwaltschaft ist die Aussage der Mitangeklagten Tanja L. Die 27-Jährige, eine Bekannte von Robin H., wurde laut Anklage in den irgendwann im Herbst 2011 entstandenen Mordplan eingeweiht. Sie zog ihrerseits ihren wegen Vergewaltigung vorbestraften 23-jährigen Bruder Sven hinzu, der wiederum soll den 22-jährigen StevenA. für die Ausführung der Tat gewonnen haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass A. das Opfer erwürgte, der 22-Jährige allerdings beschuldigte in früheren Vernehmungen durch die Mordkommission RobinH., die Tat selbst begangen zu haben.

Erst der dritte Mordversuch gelingt

Den Erkenntnissen der Ermittler zufolge gingen dem Mord an ChristinR. in der Nacht vom 20.auf den 21.Juni 2012 bereits zwei weitere Mordanschläge voraus. Im April 2012 sticht CorneliaH. hinterrücks mit einem Messer auf ChristinR. ein. Das Ganze spielt sich in der Küche eines Reiterhofs in Friesack (Havelland) ab, auf dem zu der Zeit die 55-Jährige mit ihrem Sohn und dem späteren Opfer lebt.

Den Ermittlern soll CorneliaH. später eine geistige Verwirrung vorgespielt haben. Im Mai 2012, ChristinR. hat den Reiterhof nach der Messerattacke verlassen und ist wieder zu ihren Eltern nach Lübars gezogen, sollen Mutter und Sohn TanjaL. für einen weiteren Mordanschlag gewonnen haben. Unter dem Vorwand, ein Pferd kaufen zu wollen, trifft sich die 27-Jährige mit ChristinR. auf einem Parkplatz. Dort soll sie Gift in ein Getränk der 21-Jährigen gemischt haben. Doch auch dieser Anschlag schlägt fehl, ChristinR. wird übel, aber sie überlebt. Erst im dritten Versuch vor dem Freibad Lübars gelingt der Mord.

Christin R. und Robin H. eint die Leidenschaft für Pferde

Die Beziehung zwischen RobinH. und ChristinR., die für die 21-Jährige ein so grausames Ende nehmen soll, beginnt mit einer Romanze. Beide eint die Leidenschaft für Pferde. Die hatH. bereits als Kind entdeckt. Mit 15 Jahren verlässt er seinen Heimatort in Schleswig-Holstein, um in Westfalen, einer Hochburg der Pferdezucht und des Turniersports, eine Ausbildung zum Bereiter zu beginnen. Bekannte aus dieser Zeit beschreiben H.als jungen Mann mit dem brennenden Wunsch, nach oben zu kommen. In der Manier eines Hochstaplers soll er sich gern und regelmäßig als wohlhabend und erfolgreich beschrieben haben – eine einzige Lügengeschichte.

In seiner Ausbildung kommt er ständig mit Menschen zusammen, die über die finanziellen Mittel verfügen, die für einen erfolgreichen Pferdezüchter und Turnierreiter unerlässlich sind. Ob hier der Wunsch nach Reichtum und Erfolg zur Besessenheit wurde, ist eine der Fragen, die der Prozess klären muss. In dem werden sich auch psychiatrische Sachverständige mit RobinH. befassen.

Monatlich 2000 Euro Pacht für Reiterhof

CorneliaH. ist nach dem Ausbildungsende ihres Sohns offenbar fest entschlossen, diesem die Erfüllung seiner Träume zu ermöglichen. In Oranienburg (Oberhavel) kaufen Mutter und Sohn einen Reiterhof. Erst nach Abschluss des Vertrags stellen sie fest, dass sie sich damit hoffnungslos übernommen haben. Der Kauf wird rückabgewickelt und RobinH., der bereits eingezogen war, muss den Hof wieder verlassen. Doch er gibt nicht auf.

Wenig später pachtet seine Mutter für ihn den Reiterhof in Friesack. Inzwischen ist er mit ChristinR. zusammen. Doch auch hier läuft es nicht gut, bald kann die monatliche Pacht von 2000 Euro nicht mehr aufgebracht werden. Irgendwann zu dieser Zeit ist nach Überzeugung der Ermittler der Plan entstanden, der ChristinR. schließlich das Leben kostete.

Anwohner in Lübars schockiert

„Sie war ein ausgesprochen zartes Wesen“, sagt Marion Köhler. Sie habe das Mädchen, als es noch im Dorf wohnte, öfter nach dem Reiten mit dem Auto nach Hause gefahren. Es sei unfassbar, dass ein solches Mädchen so schrecklichen Menschen einfach ausgeliefert war. „Jetzt hofft natürlich jeder hier, dass die Verantwortlichen, ihre gerechte Strafe bekommen“, sagt sie. Der Fall habe alle verunsichert. Sie habe selbst vier Enkelinnen, die in ähnlichem Alter sind. Wenn so etwas möglich ist, was dann alles noch?

Auf dem Friedhof von Lübars stehen vor dem schwarzen Grabstein von ChristinR. zwei Grablichter im Schnee. Ein Bild von dem jungen Mädchen ist in den Stein gemeißelt. „Du bist unser Stern, der ewig leuchtet“, steht daneben. Dazu das Datum des gewaltsamen Todes, der 21.Juni 2012. Donnerstag, am Prozessbeginn, liegt dieser auf den Tag neun Monate zurück.