Berliner Kriminalfall

Wie im Fall Lübars eine Liebe mit Mord endete

Robin H. soll den Auftrag gegeben haben, seine Freundin Christin R. zu töten. So wollte er an Geld für ein Gestüt kommen.

Foto: Steffen Pletl

Die Geschichte von Robin H. und Christin R. beginnt als Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die von einem gemeinsamen Leben mit Pferden träumen, und endet als einer der größten und zugleich unvorstellbarsten Berliner Kriminalfälle der vergangenen Jahre. Der Fall sprenge die Vorstellungskraft der Beamten, gab die Polizei bereits am Anfang ihrer Ermittlungen bekannt. Inzwischen hat die Mordkommission das kriminalistische Puzzle fast vollständig zusammengesetzt. Dabei sind die Ermittler immer wieder auf neue, unvorhersehbare und erschütternde Details gestoßen.

Am 21. Juni 2012 wird die 21 Jahre alte Pferdewirtin Christin R. auf einem Parkplatz in Lübars erwürgt. Bis zuletzt, da sind sich die Ermittler sicher, hat sie ihren Freund Robin H. geliebt. Doch der soll im Laufe der Beziehung ihre Ermordung geplant und mit insgesamt vier Komplizen eingefädelt haben. Mit seiner Mutter schließt Robin H. zunächst Lebensversicherungen in Höhe von knapp 1,7 Millionen Euro auf Christin R. ab. In den Policen lässt er sich als Begünstigten eintragen. Nach ihrem Tod will er sich von dem Geld ein Gestüt kaufen. Der Erwerb soll bei seiner Verhaftung unmittelbar bevorgestanden haben.

Wie Robin H. eine so hohe kriminelle Energie entwickeln konnte, werden Gerichtspsychiater untersuchen. Doch auch die Ermittler der Mordkommission haben sich auf der Suche nach Beweisen tief in die Biografie des 23-Jährigen gegraben. Sie sind auf einen Mann gestoßen, der offenbar von einem besseren Leben besessen und von Wesenszügen eines Hochstaplers geprägt war. Robin H. wollte erfolgreicher und vermögender sein, als er war. Und er gab sich auch erfolgreicher und vermögender, als er war. Ein Schwindler und Geschichtenerzähler, der doch immer wieder an die Grenzen seiner Fähigkeiten stieß. Bis zu seiner Verhaftung überschätzte er sich: Weil er den Mord an Christin R. in Auftrag gegeben hatte, glaubte er, niemals selbst in Verdacht zu geraten.

Geordnete Familienverhältnisse

Wenn die Staatsanwaltschaft in den nächsten Wochen die Anklage schreibt, wird sie im sogenannten wesentlichen Ermittlungsergebnis auch einige biografische Angaben zu Robin H. zusammentragen. Anders als bei vielen Gewaltverbrechern wird dort jedoch nicht von einer Herkunft aus schwierigen Verhältnissen oder von Vorstrafen die Rede sein. Robin H. hatte, so scheint es, eine gute Kindheit. Er stammt aus geordneten Verhältnissen. Seine Eltern haben sich um ihn gekümmert. Er hat sein Leben alleine ruiniert.

H. wächst mit zwei Schwestern in der nordfriesischen Gemeinde Leck auf. Sein Vater ist Soldat bei der Luftwaffe, die Mutter arbeitet als Bankkauffrau. Geldsorgen müssen sie sich nicht machen. In den 90er-Jahren lebt die Familie einige Jahre in den USA, weil der Vater dort beruflich zu tun hat. Im Jahr 2005 erleidet Robins Vater beim Joggen einen Herzinfarkt und stirbt.

Robin H. strebt schon in jungen Jahren einen Beruf an, bei dem er mit Pferden zu tun hat. Weil die Ausbildung in diesem Bereich in Nordrhein-Westfalen besser sein soll, verlässt er seine Familie im Alter von 15 Jahren. In NRW lebt er im Münsterland in einer Gastfamilie, mit deren Tochter er zusammenkommt. Die Gastmutter wird eine Art Ziehmutter für ihn. Aber der Kontakt zu seiner leiblichen Mutter reißt nicht ab, Cornelia H. unterstützt ihren Sohn, wo immer sie kann.

Kontakt zu höheren Kreisen

Während der Ausbildung kommt Robin H. das erste Mal in Kontakt mit Leuten aus gehobeneren Kreisen. Die Familie, bei der er lebt, ist stadtbekannt und hat auch in der Reiterszene einen Namen. Robin wird zum Bereiter ausgebildet: Er betreut, trainiert und reitet Pferde auf Turnieren. Es sind gute, teure Pferde, die Menschen gehören, die viel mehr Geld haben als er. H. gefällt das Leben in dieser Gesellschaft, aber er gehört nicht richtig dazu.

Beruflich steht Robin H. im Schatten seiner Schwestern, die erfolgreicher sind als er. Eine Schwester hat studiert und arbeitet in einer leitenden Position in einem Hotel in Holland. Die andere ist in einem Zoo in Norddeutschland tätig. H. will beruflich vorankommen. Er will sich seinen eigenen Hof aufbauen, hochwertige Pferde züchten, das große Geschäft machen. Brandenburg erscheint ihm als guter Standort – nicht allzu weit weg von seiner leiblichen Mutter im Norden der Bundesrepublik und vom Münsterland in Nordrhein-Westfalen, wo er immer noch als Bereiter jobbt.

Cornelia H. will ihrem Sohn bei der Verwirklichung seines Traums helfen. Im Umfeld der Familie wird die Beziehung der beiden als außerordentlich eng beschrieben, es fällt das Wort Muttersöhnchen. Cornelia H. ist bereit, sich für ihren Sohn finanziell krummzulegen. Später wird sie auch bereit sein, für ihn ins Gefängnis zu gehen.

Verlobung mit Christin H.

Mutter und Sohn suchen sich einen Hof in Oranienburg aus. Auf der Homepage werben die Eigentümer mit professionellen Fotos: Pferde im Nebel, Pferde in der Sonne. Robin und seine Mutter treten in Verhandlungen, doch bald wird klar, dass sie sich finanziell überschätzt haben. Als sie den Kaufpreis nicht bezahlen, wird das Geschäft rückabgewickelt, und Robin, der den Hof schon bezogen hatte, hinausgeworfen. Es ist seine erste große berufliche Niederlage.

Auf dem Hof hat Robin H. allerdings ein Mädchen kennengelernt, das ihm gefällt: Christin R. aus Lübars, die eine Ausbildung zur Pferdewirtin macht. Auch sie fühlt sich zu Robin H. hingezogen. Er hat eine nette Art, ist zwei Jahre älter als sie, groß und schlank. Wie sie ist er in Pferde vernarrt. Im Frühjahr 2011 kommen die beiden zusammen. Im Herbst ziehen sie auf einen Pferdehof in Wutzetz, einem 160-Seelen-Dorf im Havelland. Die Häuser sind hier bunt angemalt, der Wirt ist der Ortsvorsteher, drei Mal in der Woche kommt der Bäcker vorbei und verkauft Brot aus seinem Auto.

Cornelia H. pachtet das 2,5 Hektar große Anwesen in Wutzetz für ihren Sohn, weil sie ein festes Einkommen hat. Auf Dauer sollen Robin und Christin die Pacht jedoch selbst bezahlen. Bei den Verhandlungen seien Cornelia und Robin H. sehr professionell aufgetreten, sagt der Verpächter Karl Ziegler. Er sei bei einem berühmten Springreiter ausgebildet worden, habe Robin erzählt. Doch das war wohl nur eine Lügengeschichte. Robin H. landet bei regionalen Springwettbewerben durchaus mal auf vorderen Plätzen, der Spitzensportler soll er nicht sein.

Auch die Eltern von Christin R. unterstützen die Pläne ihrer Tochter, die sich inzwischen mit H. verlobt hat. Sie besuchen den Hof, helfen zu renovieren. Zu Weihnachten, so erzählen die Dorfbewohner, schenken sich Robin und Christin gegenseitig eine Dogge. Nachts fährt Christin R. mit dem Auto auf die Koppel. Im Licht der Scheinwerfer lässt sie die Pferde auslaufen.

Verpächter kündigt Vertrag

Doch das Geschäft läuft nicht. Robin und Christin können die monatliche Pacht von 2000 Euro nicht bezahlen. Auch Cornelia H. ist mit ihren finanziellen Kräften am Ende. Sie stellt die Zahlungen ein, der Verpächter kündigt den Vertrag. Zeitweilig soll nicht genügend Geld vorhanden gewesen sein, um Futter für die Pferde zu kaufen. Die Polizei findet später 16 Pferde auf dem Hof. „Sie waren nicht im besten Zustand“, sagt ein Ermittler.

Wann genau Robin H. den Mordplan schmiedet, wird die Polizei wahrscheinlich nicht ermitteln können. Es muss der Zeitpunkt gewesen sein, an dem ihm endgültig klar wurde, dass er seinen Lebenstraum vom eigenen Pferdehof auf normalem Wege nicht realisieren wird. Er hat alles versucht und sieht offenbar nur noch eine Möglichkeit. Eins der von ihm betreuten Pferde trägt bezeichnenderweise den Namen „Last Chance“.

Die 55-jährige Cornelia H. soll von Anfang an in den Tatplan eingebunden gewesen sein. Die Idee mit den Lebensversicherungen kommt den beiden schnell. Zwei Risikolebensversicherungen gibt es ja bereits, in denen Robin H. begünstigt ist. Christin R. hat sie selbst in Höhe von 245.000 und 500.000 Euro abgeschlossen, um die gemeinsame Zukunft mit ihrem Verlobten abzusichern. Jetzt wollen Cornelia und Robin H. unbemerkt weitere Verträge auf Christin R. abschließen, in denen Robin bezugsberechtigt ist. Cornelia H. soll Christin R. schließlich umbringen, damit Robin nicht in Verdacht gerät und das Geld kassieren kann.

Versicherungsvermittler wird misstrauisch

Zwischen Dezember und Juni lassen Robin und Cornelia H. fünf Verträge bei verschiedenen Versicherungsgesellschaften über einen Versicherungsvermittler abwickeln, den sie aus Nordfriesland kennen. Der wundert sich nicht, dass er Christin R. nie persönlich zu Gesicht bekommt. Erst als die Medien später überregional über den Mord an der 21-Jährigen berichten, wird er misstrauisch und geht zur Polizei.

Robin H. soll die Unterschriften bei den Verträgen gefälscht haben. Bei einer Versicherung laufen noch die Ermittlungen. Da der Vertrag nicht im Original vorliegt, kann die Unterschrift nicht überprüft werden. Die Summe aller auf Christin R. abgeschlossenen Versicherungen beträgt 2,4 Millionen Euro. Wäre der Mordplan aufgegangen, wäre Robin heute ein freier, reicher Mann.

Doch die Ermordung von Christin R. gestaltet sich schwieriger als von Cornelia und Robin H. angenommen. Insgesamt drei Mordanschläge werden im Laufe der Zeit auf die junge Frau verübt.

Lebensgefährliche Verletzungen

Am 9. April sticht Cornelia H. ihrer zukünftigen Schwiegertochter auf dem Hof in Wutzetz von hinten mit einem Messer in den Rücken. Sie trifft die Nierenhöhle. Robin ist nicht zu Hause. Christin wird lebensgefährlich verletzt, kann aber weitere Attacken der Mutter abwehren. Sie ruft ihren Verlobten an, der sie zusammen mit Cornelia H. ins Krankenhaus fährt. Die Brandenburger Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung, wobei sie nicht zweifelt, dass der von Cornelia H. vorgetäuschte psychische Verwirrungszustand der Wahrheit entspricht.

Nach dem gescheiterten Anschlag beginnt Robin eine Liebschaft mit der 26-jährigen Tanja L., die er vom Reiten aus NRW kennt. Mit ihr sucht er sich eine weitere Komplizin und möglicherweise auch ein weiteres potenzielles Opfer, wie aus Ermittlerkreisen verlautet. Tanja L. ist in einer unglücklichen Beziehung, Robin verspricht ihr eine gemeinsame Zukunft auf einem Pferdehof. Er weiht sie in den Tatplan ein, besorgt K.-o.-Tropfen. Tanja L. täuscht Christin vor, ein Pferd kaufen zu wollen. Beim Treffen schüttet sie das Gift ins Getränk des nichts ahnenden Opfers. Christin R. wird übel, aber sie überlebt.

Über ihren Bruder, einen vorbestraften Vergewaltiger, stellt Tanja L. den Kontakt zum 22-jährigen Steven M. her, den Robin daraufhin mit der Ermordung von Christin R. beauftragt haben soll. 1000 Euro werden ihm angeblich versprochen. Der 22-Jährige soll allerdings gehofft haben, später doch eine größere Summe abgreifen zu können.

Täter nicht abschließend ermittelt

Christin R. wohnt seit der Attacke von Cornelia H. wieder bei ihren Eltern in Lübars. Obwohl Robin ihr sagt, dass er zu ihr hält, ist sie misstrauisch. Sie trifft ihn nur noch in der Öffentlichkeit oder in Begleitung. Deshalb nimmt sie am 21. Juni eine Freundin mit, als sie von Robin H. unter einem Vorwand zu einem Parkplatz nahe ihrem Elternhaus gelockt wird.

Dort wartet Tanja und behauptet, mit Christin den Kauf des Pferdes besiegeln zu wollen. Robin ist zunächst nicht da. Der mutmaßliche Auftragsmörder Steven M. wartet im Gebüsch, doch weil Christin nicht allein kommt, wird die Sache abgeblasen.

Später ruft Robin erneut bei ihr an, sie solle zurückkommen. Jetzt wartet auch er auf dem Parkplatz. Tanja, Christin und Robin stoßen mit Sekt auf den Verkauf des Pferdes an. Dann wird Christin erwürgt.

Wer die Tat letztendlich begeht, ist nicht abschließend geklärt. Die bisherigen Ermittlungen deuten auf Steven M. hin, der belastet jedoch Robin H. in seinen Aussagen. Alle Tatverdächtigen sitzen in Untersuchungshaft. Die Ermittler der Polizei gehen davon aus, dass es weitere Mitwisser gibt.

Christin R. hätte auch den dritten Anschlag beinahe überlebt. Sie drückte bereits die Notruftasten auf ihrem Mobiltelefon. Dann vertippte sie sich.

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