Bildung

Brennpunktschulen - Berlin lernt von New York

Die Schulleitungen in sozialen Brennpunkten sollen gestärkt werden, Fachleute die Arbeit vor Ort unterstützen. Eine Millionen Euro stehen dafür bereit. Zehn Schulen können mit Hilfe rechnen.

Foto: Reto Klar

Für zehn Berliner Brennpunktschulen ist Hilfe in Sicht. Die Bildungsverwaltung und die Robert Bosch Stiftung haben gemeinsam ein Projekt entwickelt, um diese Schulen in den kommenden zweieinhalb Jahren gezielt zu unterstützen. Unter dem Motto „School Turnaround – Berliner Schulen starten durch“ geht es darum, diese Schulen, die mit ihrer Schülerschaft und ihrem Umfeld überfordert sind, wieder handlungsfähig zu machen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagt: „Mein Ziel ist es, dass sich die unterstützten Schulen bis 2015 in den relevanten Qualitätsmerkmalen wie Lehr- und Lernprozesse, Schulmanagement, Schulkultur und Schulleitungsergebnisse erkennbar verbessern.“

Die zehn Schulen werden zunächst gründlich untersucht, um herauszufinden, wo sie Hilfe brauchen und Programme entwickeln zu können, die genau auf ihre jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Insgesamt stehen dafür eine Millionen Euro zur Verfügung.

800.000 Euro stellt die Bosch Stiftung bereit, 200.000 Euro will die Bildungsverwaltung für das Projekt ausgeben. Mit dem Geld sollen Fachleute eingekauft werden, die sich gemeinsam mit den betreffenden Schulleitungen darum kümmern sollen, dass es künftig höhere Anmeldezahlen, weniger Unterrichtsausfälle und bessere Abschlüsse an den Schulen gibt.

Geringe Lernbereitschaft

An dem Projekt nehmen sieben Integrierte Sekundarschulen und drei Grundschulen teil, die in sozialen Brennpunkten in fünf Berliner Bezirken liegen. Die Schulen wurden in Abstimmung mit der regionalen Schulaufsicht und den Bildungsstadträten ausgewählt. Auswahlkriterien waren geringe Anmeldezahlen, geringe Lernbereitschaft und hoher Fehlquoten der Schüler, hohe Schulabbruchquoten, schwache Leistungsergebnisse und Schulabschlüsse und hoher Unterrichtsausfall.

Zu den Schulen gehören die Ernst-Reuter-Oberschule und Hedwig-Dohm-Oberschule in Mitte, die Sekundarschule Skalitzer Straße, die Sekundarschule Graefestraße und die Hector-Peterson-Schule in Friedrichshain-Kreuzberg, die Gustav-Langenscheidt-Schule in Tempelhof-Schöneberg, die Kepler-Schule und Silberstein-Grundschule in Neukölln sowie die Peter-Pan-Grundschule und die Bücherwurm-Grundschule am Weiher in Marzahn-Hellersdorf.

Die Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, Ingrid Hamm, sagt, dass in Berlin fast die Hälfte der schulpflichtigen Kinder aus sozial schwachen Familien kommen. Ihre Bildungs- und Lebenschancen würden sich erheblich verschlechtern, wenn diese Benachteiligung nicht durch gute Bildungsangebote ausgeglichen werden kann oder die Kinder Schulen besuchen, die ihrem Auftrag nicht mehr gerecht werden.

„Solche Schulen bringen nur unzureichende Leistungsergebnisse bei den Schülern, ihre Kollegien einschließlich der Schulleitungen haben eine resignierte Haltung eingenommen.“ Die schwierige Lage der Schulen werde zur Überforderung, eine positive Entwicklung oder gar Wende scheine nicht mehr erreichbar.

Doch es gebe auch andere Erfahrungen, so Hamm. Nicht wenige der Schulen, die den Deutschen Schulpreis bekommen hätten, den die Bosch Stiftung gemeinsam mit der Heidehof Stiftung seit 2006 vergibt, seien Brennpunktschulen gewesen, die auch unter erschwerten Bedingungen erfolgreich arbeiten würden. Diese Schulen hätten ein gutes Leitungsteam, würden innovative Unterrichtsmethoden anwenden und jeden Schüler individuell fördern.

Ingrid Hamm bezeichnet das Hilfsprogramm für Brennpunktschulen als bundesweites Vorzeigeprojekt. „Berlin scheut sich nicht, Probleme zuzugeben.“ Die Stadt, in der es Viertel mit ausgeprägten Risikolagen gebe, sei ein ideales Labor für das Thema Krisenschulen, mit dem Deutschland erst seit kurzer Zeit in großem Maßstab konfrontiert sei. Die zehn Schulen sollen Modellschulen werden. Man werde genau hinschauen und positive Erfahrungen auf weitere Brennpunktschulen übertragen.

Von New York lernen

Mit dem Hilfsprojekt für Brennpunktschulen orientiert sich die Berliner Bildungsverwaltung an New Yorker Erfahrungen. Die Robert Bosch Stiftung hatte dazu eine Studie in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, was Berlin und New York voneinander lernen können. Die Schülerleistungen zwischen dem sozial schwächsten Stadtteil und dem stärksten Stadtteil unterscheiden sich laut Studie in New York um bis zu 26 Prozent, in Berlin sogar um 34 Prozent.

In New York leben 27 Prozent der Kinder in Armut, in Berlin sind es 36 Prozent. Ihre Bildungschancen würden sich stark verschlechtern, wenn diese Kinder auch noch "umfeldbedingte Krisenschulen" besuchten, so die Autoren der Studie. Berlinweit gibt es 145 Schulen, in denen mehr als 60 Prozent der Kinder von Transferleistungen leben.

In New York hat die Bildungsverwaltung bereits vor zehn Jahren umfassende Reformen eingeleitet, um die Leistungsunterschiede auszugleichen. Zunächst wurde die freie Schulwahl eingeführt, damit die Kinder nicht an Schulen in ihrem Umfeld gebunden waren. Am stärksten umstritten war die umfassende Erhebung von Leistungsdaten und deren Veröffentlichung in jährlichen Fortschrittsberichten.

Gleichzeitig wurde den Schulen größtmögliche Autonomie übertragen. Die Schulleiter verfügen über weitreichende Freiheiten im Finanz- und Personalmanagement. Eine entscheidende Rolle bei den New Yorker Bildungsreformen spielte die gezielte Ausbildung von neuen Führungskräften, speziell für den Einsatz an Schulen in kritischen Lagen.

Wolfgang Lüdtke, Schulleiter der Kepler-Schule, sagt: „Gut ist, dass es keine Förderung nach dem Gießkannenprinzip ist, sondern genau geschaut wird, wo wir Hilfe brauchen.“ Ein Problem an seiner Schule sei die Zusammensetzung der Schülerschaft. Viele Schüler seien der Schule zugewiesen worden und entsprechend unzufrieden. Lüdtke ist sicher, dass es mit Hilfe von Fachleuten gelingen kann, den Standort so zu entwickeln, dass wieder mehr Eltern ihre Kinder anmelden.