Bilingualer Unterricht

Zukunft der Berliner Europa-Schulen in Gefahr

Da die Schulen kein festes Einzugsgebiet haben, müssen sie Platz für deutschsprachige Klassen machen. Die Ausweichquartiere sind jedoch nicht zufriedenstellend. Einige Schulen könnten schließen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Eltern an den Berliner Europa-Schulen sind in Aufregung. Nach dem erst kürzlich begangenen 20-jährigen Jubiläum des Erfolgsmodells, ist das Konzept des staatlich finanzierten zweisprachigen Unterrichts in Gefahr. Gleich in mehreren Bezirken sollen die Staatlichen Europaschulen Räume für normale deutschsprachige Klassen abgeben, weil die regulären Schulplätze für die Kinder im Einzugsbereich nicht mehr ausreichen. Betroffen sind unter anderem die Quentin Blake Schule in Zehlendorf, die Lew-Tolstoi-Schule in Karlshorst und die deutsch-französische Europaschule im Märkischen Viertel in Reinickendorf. Dabei ist gerade bei den Eltern das bilinguale Lernen nachgefragt wie nie zuvor. Immer mehr Privatschulen werben mit Zweisprachigkeit und verlangen dafür hohes Schulgeld.

Und noch ein Problem gefährdet das besondere Angebot: Für die Europaschulen und bilinguale Erzieher ist es sehr schwierig muttersprachliche Erzieher in der jeweiligen Sprache zu finden, weil die Abschlüsse im europäischen Ausland vom Land Berlin häufig nicht anerkannt werden.

31 Schulen in Berlin

In der Hauptstadt arbeiten insgesamt 17 Grundschulen und 14 weiterführende Schulen nach dem bilingualen Konzept der Staatlichen Europaschulen (SESB). Prinzip ist die Gleichberechtigung der deutschen und der Partnersprache im Unterricht. Die Klassen setzen sich je zur Hälfte aus Schülern der beiden Sprachen zusammen. Grundschulen haben verpflichtenden Ganztagsbetrieb, damit der sprachliche und kulturelle Austausch auch in der Freizeit stattfindet.

Große Sorge bereiten den Eltern der Quentin Blake Europa-Schule in Zehlendorf die Pläne des Bezirks auf dem gemeinsamen Campus mit der Biesalski-Schule zusätzliche Regelschulkinder unterzubringen. Im Umfeld des Campus sind in den vergangenen Jahren Wohnungen für 25.000 Menschen entstanden, eine neue Schule wurde jedoch nicht gebaut. Nun fehlen die Plätze im Einzugsgebiet. „Ohne Anbau oder Neubau müsste die Europaschule dann Räume abgeben“, sagt Elternvertreter Franz Pfeifer. Die von den Eltern aufgebaute English Library mit 10.000 Medien sei dann gefährdet. Zudem müssten Teilungsräume aufgegeben werden. Die seien aber wichtig für das Konzept, denn in einem Teil der Fächer würden die Kinder nach Muttersprache getrennt unterrichtet.

Dass ausgerechnet die Europa-Schulen bei der Suche nach neuen Schulplätzen in den Fokus der Bezirke geraten, ist kein Zufall. Denn diese Schulen haben anders als andere Grundschulen kein festes Einzuggebiet, Kinder aus der ganzen Stadt können sich dort bewerben. Und die könnten schließlich auch woanders hin ausweichen. Insgesamt fehlen in Berlin laut Prognosen in den kommenden 20 Jahren 60 Schulen. Betroffen von dem Mangel sind vor allem die Bezirke Pankow, Reinickendorf, Neukölln und Lichtenberg.

Internet-Petition hat bereits über 1000 Unterschriften

Die deutsch-französische Märkische Grundschule in Reinickendorf hat mit einer Internet-Petition für die Rettung des Standortes schon mehr als 1000 Unterschriften gesammelt. Am Donnerstag war die Schule Thema im Schulausschuss der Bezirksverordneten. Der Grund: Im Märkischen Viertel fehlen Schulplätze, für einen Neubau jedoch hat der Bezirk kein Geld. Ein mögliches Szenario ist, dass die Europa-Schule an den Stadtrand in ein leeres Gebäude in Heiligensee einzieht und somit Platz macht für die Kinder im Märkischen Viertel.

„Ein Umzug an den Stadtrat würde den Fortbestand der Schule gefährden“, sagt Schulleiter Joachim Sauer. Eine Umfrage unter den Eltern habe ergeben, dass viele den weiten Schulweg ablehnen würden. Viele Familien hätten nicht die Möglichkeit die Kinder mit dem Auto zu fahren und abzuholen. Und auch für die Schüler sei ein Schulweg von einer Stunde und mehr eine große Belastung. Auch die Variante einen Zug abzugeben, hält der Schulleiter nicht für eine Lösung. „Wir haben die Nachfrage für drei Klassen“, sagt Sauer. Man könne nicht Europaschulen schaffen und dann nach Belieben das Angebot einschränken.

Alternativen sind nicht zufriedenstellend

Die deutsch-russische Lew-Tolstoi-Grundschule in Karlshorst sollte schon vor zwei Jahren Platz machen für Erstklässler aus dem Einzugsgebiet. Die Eltern konnten durch massive Proteste die Verlagerung des Standortes verhindern. Nun sind sie wieder alarmiert. Denn die Situation hat sich seitdem eher verschärft als entspannt. „Es entstehen in Karlshorst immer neue Neubaugebiete wie Gartenstadt oder Karlsgarten, doch Schulplätze entstehen nicht“, sagt Michael Rommel, Elternvertreter der Tolstoi-Grundschule. Nun sollen die Europa-Schulzüge ausziehen.

„Zur Debatte steht derzeit nur eine leer stehendes Schulgebäude in Rummelsburg, das derzeit saniert wird“, sagt Rommel. Das jedoch wollen die Eltern auf keinen Fall. „Die deutsch-russischen Beziehungen sind in Karlshorst historisch gewachsen“, so der Elternvertreter. Zudem gebe es dort wichtige Kooperationspartner. Die Europaschule könne an diesem Standort nicht geopfert werden, nur weil der Bezirk die Entwicklung verschlafen und keine Vorsorge für Kitas und Schulen getroffen hat. Von der Senatsbildungsverwaltung heißt es lediglich, dass die Europa-Schulzüge das alte Gebäude verlassen müssen.

Grundsätzlich liegt die Entscheidung bei den Bezirken. Die Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) sagt: „Wir sind mit allen Bezirksstadträten im Gespräch zum Erhalt der Europa-Schulstandorte.“ Erhalten bleibe der deutsch-französische Zug am Arkona-Platz in Mitte und auch die Europa-Schulzüge an der Hermann-Nohl-Grundschule und an der Regenbogen-Grundschule könnten dort bleiben, so Rackles. Zur Pankower deutsch-griechischen Homer-Grundschule sollen noch Gespräche geführt werden. Die Senatsbildungsverwaltung will sich auch für den Erhalt der Märkischen Grundschule in Reinickendorf einsetzen. „Wenn wir das Französischangebot verstetigen wollen, ist es wenig sinnvoll, den Standort an den Stadtrand zu verlegen“, sagt Rackles.

Und auch der Anerkennung von pädagogischen Abschlüssen im Ausland will sich die Senatsbildungsverwaltung nach Informationen aus internen Kreisen annehmen.

Nur vier Muttersprachler

An der deutsch-englischen Quentin Blake Schule können die Kinder am Nachmittag „Irish Dance“, Cricket spielen oder Cartoons zeichnen, alles bei Kursleitern, die Englisch als Muttersprache sprechen. Allerdings sind diese Aktivitäten nur durch das Elternengagement möglich. Die zusätzlichen Honorarkräfte werden vom Förderverein finanziert, denn von den hier offizielle angestellten 15 Erziehern sind nur vier englische Muttersprachler.

„Die Abschlüsse der Erzieher, die ihre Ausbildung in England oder Irland gemacht haben, werden vom Land Berlin meist nicht anerkannt“, sagt Franz Pfeifer, Gesamtelternvertreter der Quentin Blake Schule. Zudem dürften die Schulen anders als Privatschulen gar nicht im Ausland Anzeigen schalten sondern nur in Berlin. Das schränke die Auswahl enorm ein, sagt Pfeifer.

Auch den bilingualen Kitas geht es nicht anders. Sie müssen teure muttersprachliche Zusatzkräfte einstellen und die Eltern zahlen dafür hohe Zusatzbeiträge. Für die Bewerber an nachgefragten Europa-Schulen ist der Besuch einer solchen Kita Voraussetzung, doch nicht alle Eltern können sich die Zusatzbeiträge leisten. „Wenn das Land die Einstellungspraxis ändern würde, gebe es auch nicht die Gefahr, dass Europa-Schulen elitär werden“, sagt Pfeifer.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost will Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) prüfen, ob bei der Anerkennung der Abschlüsse im Ausland tatsächlich alle Spielräume von der Verwaltung ausgeschöpft werden. Auch die Anforderungen bei der sogenannten Nicht-Schülerprüfung für Quereinsteiger, die bereits eine pädagogische Ausbildung haben, sollen auf den Prüfstand. Der Grund: Viele Quereinsteiger scheitern trotz Vorbereitungskursen an den Prüfungen.