Bildung/Gesundheit

Neukölln startet Impfaktion für Roma-Kinder

Im Bezirk Neukölln lernen inzwischen 802 Roma-Kinder an den Schulen, viele haben keinen Impfschutz. Das soll sich jetzt ändern. Der Bezirk hat deshalb eine große Impfaktion gestartet.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Cristina holt tief Luft und sieht angestrengt aus dem Fenster. Ihre vier Geschwister sind bereits geimpft worden, jetzt ist sie an der Reihe. Ein kurzer Pieks, dann ist es auch schon vorbei. „Ich hatte ein bisschen Angst, aber es war gar nicht schlimm.“ Das 12 Jahre alte Roma-Mädchen mit dem schwarzen Pferdeschwanz lächelt erleichtert. „Wir müssen jetzt schnell wieder in den Unterricht“, sagt sie und verabschiedet sich von ihrem Vater, der sie und ihre Geschwister zum Impfen begleitet hat.

Cristina ist eines von 90 Roma-Kindern, die an der Hans-Fallada-Grundschule lernen. Möglichst viele von ihnen sollen jetzt geimpft werden. Das geht allerdings nur mit Zustimmung der Eltern. Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagt, dass der Bezirk eine große Impfaktion startet. „Unser Ziel ist es, die Impfung an allen 30 Schulen anzubieten, an denen Roma-Kinder angemeldet sind.“ Als nächstes seien die Eduard-Mörike-Grundschule und die Rixdorfer Grundschule an der Reihe. Insgesamt gingen gegenwärtig 802 Roma-Kinder in Neukölln zur Schule.

Hintergrund der Impfaktion ist die Tatsache, dass bei fast allen Kindern, die mit ihren Eltern aus Rumänien oder Bulgarien nach Berlin gekommen sind, Impfnachweise fehlen. Die meisten Eltern können aufgrund fehlender Sprachkenntnisse zudem keine Auskunft über den Impfstatus ihrer Kinder geben. „Um die Gesundheit aller anderen Schüler nicht zu gefährden, haben wir uns entschlossen, die Kinder zu impfen“, sagt Bildungsstadträtin Giffey. Der bereits pensionierte ehemalige Leiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes, der Arzt Dietrich Gundert, habe sich bereit erklärt, die Impfungen durchzuführen. Selbst wenn einige Kinder schon geimpft seien, sei eine nochmalige Impfung kein Problem.

Die meisten Roma in Berlin sind nicht krankenversichert

Insgesamt wohnen in Neukölln nach Schätzungen des Bezirksamtes mehr als 10.000 Menschen aus Bulgarien und Rumänien, viele von ihnen gehören der Gruppe der Roma an. Sie kommen, weil sie sich einen besseren Lebensstandard und mehr Bildung für die Kinder erhoffen. Ihre Lebenssituation in Berlin ist allerdings äußerst schwierig.

Viele wohnen in heruntergekommenen Häusern und zahlen extrem hohe Mieten für Wohnungen mit verschimmelten Wänden, fehlender Warmwasserversorgung und defekter Heizung. Andere haben in Kellern, Fluren oder auf Dachböden Zuflucht genommen. Auch im Gesundheitsbereich gibt es Probleme, da die meisten nicht krankenversichert sind. Zwar sind viele Mitglied der staatlichen Krankenversicherung ihrer Heimatländer, einen Leistungsanspruch haben sie trotzdem nicht. Die Menschen können in Deutschland nur in Notfällen versorgt werden.

Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) sagt, dass der Bezirk trotz allem bemüht sei, für die Gesundheit der Kinder zu sorgen. „Dabei haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass wir mehr Familien erreichen, wenn wir unmittelbar vor Ort sind“, sagt Liecke. Bei der jetzigen Impfaktion gehe es um eine Grundimmunisierung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Masern, Mumps, Röteln und Hepatits B, die in Deutschland sonst bereits wenige Wochen alte Babys bekommen. Für eine vollständige Immunisierung sei vier bis sechs Wochen nach der ersten Impfung und im Herbst jeweils eine Auffrischungsimpfung nötig. „Wenn wir in den Schulen impfen, können wir sicher sein, dass die Kinder auch diese Impfungen bekommen.“

Den Impfstoff für die Kinder bezahlt der Senat

Die Kosten für die Impfaktion trägt der Bezirk. Den Impfstoff will der Senat bezahlen. Neuköllns Bildungsstadträtin Giffey betont allerdings, dass das Problem der fehlenden Krankenversicherungen mit dieser Aktion nicht gelöst ist. „Hier sind europaweite Gesetze gefragt.“ Wichtig sei auch, dass es endlich einen berlinweiten Plan für den Umgang mit all diesen Problemen gebe. „Wir können nicht noch ein Jahr warten“, sagt Giffey. Zwar gebe es ein entsprechendes Vorhaben, völlig unklar sei aber, wie diese finanziert werden sollen. Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) habe sich bisher dazu jedenfalls nicht geäußert.

Der Aktionsplan des Senats zur Integration ausländischer Roma in Berlin soll allerdings bald fertig sein. Die Planungen dafür befänden sich derzeit in den letzten Zügen, sagt Berlins Integrationsbeauftragte Monika Lüke auf Anfrage. Ende März soll das Papier im Senat verabschiedet werden. Mit dem Aktionsplan soll die Lage der zugewanderten Roma-Familien verbessert werden, die vielfach in Neukölln, Mitte und Reinickendorf leben und nur unzureichend Zugang zu Arbeit, Bildungs- und Gesundheitssystem finden. Laut Lüke haben alle betroffenen Bezirke sowie die Senatsverwaltungen für Gesundheit und Soziales, Inneres, Stadtentwicklung, Bildung, Finanzen und Integration an dem Plan mitgearbeitet.

Senat will mehr Kontakt zu den Familien aufbauen

Im Vordergrund der Bemühungen um bessere Einbeziehung von Roma werde stehen, Roma-Kinder und Jugendliche in die Schulen zu bringen, sowie die gesundheitliche Versorgung, kündigte Lüke an. Außerdem sollen Maßnahmen verstärkt werden, die bereits in den vergangenen Jahren angelaufen sind: Über mobile Anlaufstellen und Sprachmittler soll mehr Kontakt zu den Familien aufgebaut werden.

Auch die Impfprogramme und Lerngruppen gehören zum Plan. Diese seien aber ebenso wie die Arbeitsmarktprogramme nicht nur für Roma geöffnet. „Es geht hier nicht um eine besondere Behandlung, wir erfüllen mit dem Programm nur unsere grundgesetzliche Verpflichtung, allen Menschen in unserem Land ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen“, sagt Lüke. Gerade das Thema Wohnen sei ein großes Problem, viele Familien seien von Obdachlosigkeit bedroht, doch es gebe keine ausreichende Einrichtung zur Notübernachtung für Familien in Berlin.

Details zum Aktionsplan wollte Lüke noch nicht nennen. Er soll erst im Frühsommer vorgestellt werden, wenn auch Abgeordnetenhaus und Rat der Bürgermeister ihn gesehen haben.

Schätzungen zufolge leben knapp 20.000 Roma in Berlin. Die genaue Zahl weiß niemand, weil Ethnien nicht statistisch erfasst werden. Klar ist nur, dass es in den vergangenen Jahren einen erhöhten Zuzug aus Bulgarien und Rumänien gebe, sagt die Integrationsbeauftragte. „Die Bezirke berichten uns, dass es sich bei diesen Menschen vielfach um Roma handelt.“

Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zählte 2012 einen Zuwachs von Bulgaren in Berlin um 23,9 Prozent (+ 3077) und von Menschen aus Rumänien um 25,2 Prozent (+ 1779). Insgesamt machen Zuwanderer aus diesen Ländern aber nur fünf Prozent des Ausländeranteils in Berlin aus. Der Senat rechnet mit weiterem Zuwachs, wenn von 2014 die EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit auch auf Bulgarien und Rumänien ausgedehnt wird. Jedoch sind Prognosen hier schwierig. Als Polen 2011 die freie Wahl des Arbeitsplatzes in der EU bekam, blieb die erwartete Zuwanderung nach Deutschland aus.