Säuglingsstation

Berliner DRK-Klinik steht unter Betrugsverdacht

Die DRK-Klinik Westend soll Frühgeburten abgerechnet haben, die sie wegen hoher Risiken nicht hätte behandeln dürfen.

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Nach dem Keim-Ausbruch auf der Frühgeborenen-Station des Virchow-Klinikums der Charité und den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung ist ein weiteres Berliner Krankenhaus in Zusammenhang mit Frühchen ins Visier der Justiz geraten. Die DRK-Kliniken stehen im Verdacht, bei der Abrechnung von Geburten betrogen zu haben. Justizsprecher Martin Steltner bestätigte Morgenpost Online die Ermittlungen. Es gehe darum, ob in der Neonatologie-Station des DRK-Klinikums Westend Risikoschwangerschaften entbunden worden seien, die dort nicht hätten behandelt werden dürfen, sagte Martin Steltner.

Am Montag waren Polizei und Staatsanwaltschaft in der Frühgeborenen-Station im Krankenhaus am Spandauer Damm in Charlottenburg und auch in der Geschäftsstelle der DRK-Kliniken an der Brabanter Straße in Wilmersdorf vorgefahren, um Patientenakten zu beschlagnahmen.

Ermittlungen aufgenommen

Die Sprecherin des Klinikkonzerns, Tanja Kotlorz, sagte, es seien Ermittlungen aufgenommen worden. Das Haus habe Unterlagen zur Verfügung gestellt. „Die DRK-Kliniken Berlin haben den ermittelnden Beamten umfassend Informationen zur Verfügung gestellt und kooperieren vollumfänglich“, hieß es in einer Mitteilung der DRK-Kliniken. Weitere Informationen gab es mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht.

Die aktuellen Ermittlungen wurden durch die Anzeige einer Krankenkasse ausgelöst. Es soll um acht Patienten aus den Jahren 2009 und 2010 gehen, wie die „Bild“-Zeitung berichtete. Hintergrund für die Ungereimtheiten sind die Regeln, nach denen riskante Schwangerschaften und Geburten in Deutschland versorgt werden müssen. Die Frühchenstationen sind in verschiedene Niveaus eingeteilt. Die ganz riskanten Fälle dürfen nur sogenannte Level-1-Zentren behandeln.

Der gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland hat an dieses Gütesiegel hohe Anforderungen an technische Ausstattung und Qualifikation des Personals gestellt – und schreibt strenge Qualitätssicherungsstandards vor. Grundsätzlich sollen Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm oder einem Geburtszeitpunkt vor der 29. Schwangerschaftswoche nur in solchen Level-1-Stationen zur Welt kommen. In Berlin erfüllen die Charité in Mitte und in Wedding (Virchow), das Helios-Klinikum Buch, die Vivantes Häuser in Neukölln und Friedrichshain, das Evangelische Krankenhaus Waldfriede in Zehlendorf sowie das St. Joseph-Krankenhaus in Tempelhof diese hohen Anforderungen.

DRK-Klinikum in Westend hat nur eine Level-2-Zulassung

Das DRK-Klinikum in Westend betreibt zwar neben der normalen Geburtsklinik, wo jedes Jahr 2000 Kinder entbunden werden, auch ein Perinatalzentrum mit einer Intensivstation für Früh- und Neugeborene mit zwölf Betten. Das Haus ist aber wie das Sana Klinikum Lichtenberg nur unter dem Level 2 zugelassen. Das bedeutet, in der Regel sollen riskante Fälle und Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm in andere Krankenhäuser verlegt werden. Die anzeigende Krankenkasse mutmaßt nun offenbar, dass die Risiken an den zu untersuchenden Fällen nicht offengelegt worden seien, um die Kinder nicht in ein anderes Krankenhaus verlegen zu müssen. Deshalb wird gegen den Chefarzt der Kinderklinik sowie den seinerzeitigen Chefarzt der Gynäkologie ermittelt.

Die Behandlung von Frühgeborenen ist zwar kompliziert und aufwendig, gehört aber auch zu den am besten bezahlten Leistungen eines Krankenhauses. Ein Frühchen, das in der Regel mehrere Wochen bis zum regulären Geburtstermin in der 40. Woche im Inkubator liegen muss, bringt im Abrechnungssystem pro Fall leicht 70.000 Euro oder mehr, die die Krankenkasse der Eltern bezahlen muss.

Laut Qualitätsbericht starb eines der Frühchen

Die Qualitätssicherungsberichte des Perinatalzentrums in Westend weisen aus, dass dort in den betreffenden Jahren 2009 und 2010 einige Kinder behandelt wurden, die weniger als 1250 Gramm wogen oder vor der 29. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen. 2009 wurden insgesamt zwölf Babys unter 1500 Gramm dort behandelt. Davon wogen vier weniger als 1250 Gramm. Eines dieser kleinen Frühchen ist laut Qualitätsbericht gestorben. Dieses ist der einzige Todesfall dort in den vergangenen Jahren.

Im Jahr darauf nahm die Intensivstation 14 Kinder unter 1500 Gramm auf. Davon waren drei Babys leichter als 1250 Gramm, eines wog weniger als 1000 Gramm. Alle diese Kinder haben nach Angaben der Klinik jedoch überlebt.

Die DRK-Kliniken gehören zu den großen frei-gemeinnützigen Krankenhausverbünden. Sie betreiben ein Pflegeheim und fünf Krankenhäuser mit 1500 Betten, mit 3400 Mitarbeitern gehören die DRK-Kliniken zu den 30 größten Arbeitgebern der Stadt. Trägerin ist die Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes.

Schon 2010 ein Skandal

Bereits vor zwei Jahren hatte es bei den DRK-Kliniken einen Skandal gegeben. Seinerzeit ging es um Betrug mit ambulanten Leistungen in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die nicht vorschriftsgemäß abgerechnet oder von Ärzten erbracht wurden, die dafür nicht zugelassen waren. So sollen Assistenzärzte Patienten behandelt haben, später sei aber nach Chefarzttarif abgerechnet worden. Der Schaden wird mit elf Millionen Euro angegeben. Sechs Manager und Chefärzte wurden angeklagt, der Prozess läuft seit Anfang des Jahres.