Bildung

Viele Berliner Grundschulen schaffen Jül wieder ab

Weil Kinder geringere Fortschritte machten, lehnen viele Schulen das jahrgangsübergreifende Lernen ab. Eltern müssen sich nun entscheiden.

Foto: Marion Hunger

Immer mehr Grundschulen ändern zum kommenden Schuljahr ihre Unterrichtsform – und schaffen den jahrgangsübergreifenden Unterricht (Jül) ab. In Reinickendorf etwa wird zum kommenden Schuljahr mehr als die Hälfte der 31 Grundschulen wieder in Jahrgangsklassen unterrichtet. In Neukölln haben insgesamt 19 von 29 Schulen den jahrgangsgemischten Unterricht abgewählt. Eigentlich sollte laut Bildungsverwaltung Jül die Regelform an den Berliner Grundschulen bleiben – doch davon kann in einigen Bezirken künftig nicht mehr die Rede sein. Das Problem ist, dass es einen genauen Überblick, welche Grundschule nach welchem Konzept unterrichtet, nicht gibt.

Verwaltung bietet keine Übersicht

Die Bildungsverwaltung hat jedenfalls keinen. Auch die Schulämter in vielen Bezirken können keine Auskunft geben. Die Verunsicherung bei den Eltern ist groß. Sie müssen sich jetzt für eine Grundschule entscheiden, wenn ihr Kind im August schulpflichtig wird. Noch bis zum 2. November läuft die Anmeldefrist für alle Kinder, die im Jahr 2007 geboren worden sind. Sollten Eltern ein bestimmtes Konzept wünschen, müssen sie sich selbst an den Grundschulen erkundigen.

Die Käthe-Kollwitz-Grundschule in Lichtenrade wird zum kommenden Schuljahr wieder erste und zweite Klassen trennen. „Wir haben in der Schulkonferenz darüber abgestimmt“, sagte Schulleiter Ulrich Noffz. Seit der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages im November vergangenen Jahres können die Schulen selbst entscheiden, wie sie in dieser Frage künftig unterrichten. Das Lehrerkollegium und auch die Mehrheit der Eltern an der Käthe-Kollwitz-Schule lehnen das Konzept der Jahrgangsmischung ab. „Das heißt nicht, dass wir frontal unterrichten“, sagte Noffz. Differenzierter Unterricht sei an der Schule schon lange vor Jül Tradition gewesen.

Durch die Früheinschulung mit fünfeinhalb Jahren sei die Bandbreite der Entwicklung bei den Schulanfängern auch ohne Jahrgangsmischung sehr groß. Und auch das neue Konzept sieht vor, dass Kinder ohne Probleme schneller oder langsamer die Schulanfangsphase durchlaufen können. „Die Lehrer in den ersten und zweiten Klassen arbeiten eng zusammen, so dass sie die Schüler aus beiden Jahrgängen genau kennen“, sagte Noffz. Kinder, die besondere Fähigkeiten in bestimmten Fächern haben, könnten jederzeit auch am Unterricht einer anderen Lerngruppe teilnehmen, ohne gleich ein Jahr überspringen zu müssen. Den interessierten Eltern hat der Schulleiter das Konzept am Tag der offenen Tür genau erklärt. Wer sich für den jahrgangsübergreifenden Unterricht entscheidet, müsse eine andere Grundschule wählen. „Doch bis jetzt zeichnet sich nicht ab, dass es mehr Wechselwünsche als in den vergangenen Jahren gibt“, sagte Noffz.

Die Gründe, warum Schulen Jül ablehnen, sind vielfältig. „Einige bemängeln, dass sie nicht genügend Personal haben, um in Kleingruppen zu arbeiten. Andere haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder weniger Fortschritte machen“, sagte Kathrin Schultze-Berndt (CDU), Bildungsstadträtin von Reinickendorf. Die Jahrgangsmischung könne nur als freiwilliges Angebot funktionieren, so die Stadträtin. Bereits zum jetzt laufenden Schuljahr sind sechs Schulen im Bezirk Reinickendorf zu den Jahrgangsklassen zurückgekehrt. Zum Schuljahr 2013/14 kommen weitere zehn hinzu. Und es sei absehbar, dass auch andere Grundschulen Jül abschaffen würden.

In Neukölln war der Widerstand gegen die Jahrgangsmischung von Anfang an groß. Spätestens zum Jahr 2008 sollten eigentlich alle Grundschulen in Berlin verbindlich die ersten und zweiten Klassen mischen. Viele Grundschullehrer in Neukölln vertraten jedoch die Auffassung, die Methode des selbstständigen Lernens in Projektgruppen sei nicht geeignet, wenn die Schüler keine ausreichenden Deutschkenntnisse hätten und kaum soziale Kompetenzen mitbrächten. Insgesamt 19 Schulen beantragten deshalb eine Ausnahme. Nach Angaben der Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD) werde sich die Zahl auch zum kommenden Schuljahr nicht ändern. Neukölln ist der einzige Bezirk, in dem sich die Eltern in einer Grundschulbroschüre darüber informieren können, ob die Schulen Jül oder jahrgangsabhängiges Lernen (Jabel) anbieten.

Alternativen werden besprochen

In Mitte ist die Zahl der Schulen, die zu Jahrgangsklassen zurückkehren wollen, vergleichsweise gering. Nach Angaben des Bildungsstadtrates Ulrich Davids (SPD) würden fünf der 33 Grundschulen alternative Konzepte diskutieren. Diese niedrige Quote führt der Stadtrat darauf zurück, dass der Bezirk verstärkt auf Fortbildungen in den neuen Unterrichtsmethoden setze. „Ein hoher Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund ist kein Grund zum Ausstieg“, sagte Davids. Der Bildungsstadtrat sieht vor allem eine mangelnde Bereitschaft vieler Lehrkräfte, ihre Unterrichtsmethoden zu ändern, als Hauptursache für die Abkehr von Jül.

An der Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding wollen die Lehrer an der Jahrgangsmischung festhalten. „Jül bringt vor allem Vorteile beim Erlernen der sozialen Kompetenzen“, sagte Schulleiterin Cornelia Flader. Verstärkt wolle die Schule daran arbeiten, dass die Kinder beim selbstständigen Lernen noch mehr in Interaktion treten.