Jahrgangsübergreifendes Lernen

Berliner Schulen stellen Altersmischung in Frage

Immer mehr Berliner Grundschulen nutzen die Chancen des Koalitionsvertrags, um aus dem jahrgangsübergreifenden Lernen der ersten beiden Klassen auszusteigen. Bis Sommer könnte sich beinahe die Hälfe aller Schulen von dem Konzept verabschieden.

Foto: Franka Bruns

An der Neuköllner Sonnen-Grundschule wird es vom kommenden Schuljahr an wieder erste und zweite Klassen geben. Mit dem gemeinsamen Unterricht in der Schulanfangsphase ist es dann vorbei. „Wir haben das ein Jahr lang gemacht“, sagt Schulleiterin Renate Lauzemis, „allerdings nur in Kunst, Sport und Musik und gegen den Widerstand vieler Kollegen.“ Gerade Kinder an Brennpunktschulen wie ihrer brauchten stabile Lerngruppen und verlässliche Beziehungen, sagt Lauzemis. Deshalb habe ihr Kollegium bereits im Mai beantragt, wieder zu Jahrgangsklassen zurückkehren zu können. Damals brauchte es noch eines schlüssigen Alternativkonzepts, dass die Bildungsverwaltung genehmigen musste. Inzwischen ist es einfacher.

Auf Drängen der CDU wurde im Koalitionsvertrag beschlossen, dass künftig die Schulen selbst entscheiden können, ob sie die ersten beiden Klassen weiterhin mischen oder die Jahrgänge wieder getrennt unterrichten wollen. Damit wird die Grundschulreform in weiten Teilen rückgängig gemacht .

Für die Grundschule im Taunusviertel in Lichtenrade steht seit dem Koalitionsvertrag fest, dass sie so früh wie möglich zu den alten Jahrgangsklassen zurückkehren will. Die Schulkonferenz habe gleich nach der Koalitionsvereinbarung getagt und sich dafür entschieden, das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) abzuschaffen, sagt Schulleiter Volker Becker.

Große Widerstände

Eigentlich sollte Jül seit 2007/2008 an allen Berliner Grundschulen verbindlich umgesetzt werden. Doch von Anfang an gab es große Widerstände unter den Pädagogen und Eltern gegen das neue Konzept. Der ehemalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte schließlich dem Druck nachgegeben und eine Rückkehr zu Jahrgangklassen in Ausnahmen möglich gemacht. Daraufhin hatten 71 Schulen die Abschaffung von Jül beantragt. Die Kriterien der Bildungsverwaltung waren streng vorgeben, denn die Jahrgangsmischung sollte auf jeden Fall die Regel an den rund 370 Berliner Grundschulen bleiben. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede.

Die Vorsitzende des Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, geht sogar davon aus, dass sich unter den vereinfachten Bedingungen mindestens noch mal so viele Schulen für eine Abschaffung der Jahrgangsmischung entschieden werden. „Ich rechne damit, dass sich bis zum Sommer etwa 160 Grundschulen gegen Jül entschieden haben“, sagt sie.

Rückkehr zum alten System geplant

Die Grundschule im Taunusviertel sitzt bereits in den Startlöchern. „Jetzt warten wir ungeduldig auf die Ausführungsvorschriften von der Bildungsverwaltung, um die gemischten Klassen so schnell wie möglich wieder aufzulösen“, so Schulleiter Volker Becker. Schließlich müsse geklärt werden, ob die Rückkehr zum alten System auch schon ab dem kommenden Schuljahr möglich sei oder erst ab 2013. Dabei sei das Kollegium zunächst motiviert in die Reform gestartet. In den Fortbildungen habe sich alles ganz gut angehört, so der Schulleiter.

Das Konzept der Jahrgangsmischung geht davon aus, dass Kinder schneller voneinander lernen als nur von einem Lehrer an der Tafel. Ältere festigen ihr Wissen, wenn sie es den Jüngeren weitergeben. Zudem werden soziale Kompetenzen bei der Teamarbeit geschult.

Mathematik und Deutsch an vielen Schulen schon getrennt

Doch damals sei man auch davon ausgegangen, dass in der Regel zwei Pädagogen mit einer jahrgangsgemischten Klasse arbeiten, betont Schulleiter Beck. Die Realität sehe allerdings anders aus. Die sogenannte Doppelsteckung sei eher die Ausnahmen als die Regel. „Unter den jetzigen Bedingungen kommen die Zweitklässler zu kurz“, sagt Becker. Deshalb sei die Schule im Taunusviertel wie viele andere Grundschulen bereits dazu übergegangen in den Fächern Mathematik und Deutsch die ersten und zweiten Klassen wieder zu trennen.

Auch die Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln hatte die verbindliche Jahrgangsmischung nur teilweise umgesetzt. In den Hauptfächern wurden die Altersgruppen nach wie vor getrennt. „Das Konzept der Jahrgangsmischung funktioniert nicht, wenn die Lehrerin das einzige Sprachvorbild ist“, meint Schulleiterin Rita Schlegel. Die Kinder seien überfordert, wenn sie sich Aufgaben selbst erarbeiten sollen.

Geteiltes Echo an der Thalia-Schule

In der Thalia-Schule ist seit der Koalitionsvereinbarung eine Diskussion über das jahrgangsübergreifende Lehren in Gang gekommen. „Vorher war ein Nachdenken über die Abschaffung von Jül sinnlos“, sagt Wolfgang Kirchstein. Viele Anträge seien von der Schulverwaltung schon im Vorfeld abgeschmettert worden. Jetzt könnten die beteiligten an der Schule selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. An der Thalia-Schule gebe es Lehrer, die begeistert seien von dem Konzept der Altersmischung. Es gebe auch Kollegen, die unter den derzeitigen Bedingungen lieber zurück wollen zu Jahrgangsklassen.

Auch in der Elternschaft sei die Stimmung gemischt. In der Schulkonferenz sitzen stimmen Eltern, Lehrer und Schulleitung gleichberechtigt ab. Für eine Änderung des pädagogischen Konzepts ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig. „Jetzt kommt es erst einmal darauf an Informationsarbeit unter den Eltern zu leisten, damit diese in der Schulkonferenz auch genau wissen, worüber sie abstimmen“, sagt Schulleiter Kirchstein.

Fehler bei der Umsetzung

Die Vorsitzende des Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, hält es indes für sehr bedauerlich, dass das jahrgangsübergreifende Lernen nun wieder zur Disposition steht. Es sei eine moderne Form des Unterrichts, die sich langfristig gesehen durchsetzen wird. „Ich hätte mir sehr gewünscht, dass die Bildungsverwaltung genau analysiert, warum so viele Kollegen gegen Jül sind“, sagt sie. Statt des Rückziehers hätte die Verwaltung den Lehrern deutlich mehr Fortbildung und viel mehr Unterrichtsmaterialien anbieten müssen. Klar sei auch, dass vor allem viele ältere Kollegen sich nicht mehr umstellen wollten und Angst davor hatten, einen völlig neuen Unterricht zu machen. „Diese Kolleginnen hätten von der Verwaltung besser unterstützt werden müssen“, sagt Hirschmann.

Wie genau die neue Freiwilligkeit zur Jahrgangsmischung umgesetzt werden soll, will die Bildungsverwaltung Anfang des neuen Jahres bekanntgeben. Schulen, die die Abschaffung von Jül später als im Oktober beantragt haben, würden aber erst ab 2013 zu Jahrgangsklassen zurückkehren können, da die Anmeldungen für das kommende Schuljahr bereits vorbei seien, sagt Sprecherin Beate Stoffers.