Nahverkehr

BVG ruft Berliner zum Test - Hartschale oder Kuschelbank?

Die Hauptstädter dürfen Probesitzen: So demokratisch will die BVG über die neuen Sitze in den U-Bahnen entscheiden.

Foto: Amin Akhtar

Für Pauline (9) und Juliana (12) Görges ist die Sache klar: Der flauschige Veloursbezug soll es sein. Zusammen mit ihrer Mutter Anne sitzen die Mädchen im U-Bahnzug am Alexanderplatz auf der Bank. „Ja, die ist super, da hat man auch ein bisschen mehr Platz“, sagt Pauline mit Kennerblick, und ihre Schwester Juliana fügt hinzu: „Und schön weich ist es auch.“

Die beiden Mädchen und ihre Mutter zählen zu den ersten, die am Dienstag am Alexanderplatz probesitzen durften. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als eine Berliner Glaubensfrage. Wie sollen die Sitze in den U-Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) künftig sein? Weich oder hart, mit tiefen Sitzmulden oder flach, aus glattem Kunststoff, mit Kunstleder- oder Textilbezug? „Bei einigen Fragen, wie etwa der Klimatisierung, sind wir uns ziemlich sicher, was unsere Kunden sich wünschen“, sagt BVG-Marketingleiter Martell Beck. „Aber an den Sitzen scheiden sich die Geister.“

Sieben Varianten zur Auswahl

Um zwischen dem wirtschaftlichen Anliegen der BVG, möglichst wartungsfreie und leicht zu reinigende Sitze zu beschaffen, und dem Bedürfnis der Kunden nach Komfort abzuwägen, setzen die Verkehrsbetriebe nun auf Demokratie. Die Fahrgäste sollen selbst entscheiden – und zwar buchstäblich mit dem Allerwertesten. Bis zum 30. Oktober tourt die BVG dafür durch die Stadt. Sieben verschiedene Sitzmodelle samt vier Oberflächenvarianten können zunächst in einem Zug am Alexanderplatz begutachtet werden, ab Donnerstag dann nacheinander in mehreren U-Bahnhöfen. Einige Modelle hat sich die BVG eigens von anderen Verkehrsunternehmen geliehen, etwa von der Hamburger Hochbahn oder der Verkehrsgesellschaft Frankfurt. Damit die Farbe bei der Wahl keine Rolle spielt, haben alle Sitze einen Bezug im BVG-typischen Design mit abstrakten Mustern auf dunkelgrauem Grund bekommen. Männer und Frauen in BVG-gelben Jacken befragen die Fahrgäste nach ihren Favoriten. Ein paar Berührungen auf den Rechnern reichen, um an der Abstimmung teilzunehmen.

Tatsächlich bewegt das Thema offenbar viele Fahrgäste. Als vor einigen Jahren ein umgebauter U-Bahnzug erstmals mit Hartschalensitzen aus Kunststoff ausgestattet wurde, begann prompt eine hitzige Diskussion. Einige lobten den durch die Mulden erzwungenen Sitzabstand und die Hygiene. Die Hartschalen würden zu einem drastischen Komfortverlust führen, kritisierte hingegen nicht nur der Fahrgastverband Igeb. Die BVG, die ursprünglich geplant hatte, die pflegeleichten Hartschalen künftig in allen Zügen zu montieren, rückte angesichts der Debatte vorerst von diesem Plan ab – ohne indes bis heute eine Grundsatzentscheidung für das künftige Sitzdesign zu fällen.

Jetzt hat die BVG neue Züge für die Kleinprofillinien U1 bis U4 beim Berliner Hersteller Stadler bestellt. Bewähren sich ab 2015 zwei Prototypen, könnte Stadler bis zu 34 weitere Züge liefern. Parallel dazu läuft in den kommenden Jahren die Modernisierung und der Umbau von 182 Wagen der fast 40 Jahre alten Zug-Baureihen F74 bis F79 für das Großprofil-Netz. All diese Fahrzeuge müssen neue Sitze bekommen. Aber welche?

Frauen schätzen Abstand

Am ersten Tag des großen Probesitzens am Alexanderplatz fallen die Urteile erwartungsgemäß gemischt aus. Manchen gefällt die Kuschelbank ohne Mulden, manche bevorzugen das schlichte Modell mit – so heißt das im BVG-Deutsch – „Kunststoffbezug in Lederoptik“ oder die Variante sieben, die zu einer Sitzposition zwingt, die jeder preußischen Offiziersschule zur Ehre gereicht hätte. Selbst die Hartschalen finden ihre Liebhaber. Viele Frauen wollen lieber tiefere Sitzmulden, die verhindern, dass ihnen die Sitznachbarn allzu nah auf die Pelle rücken. Senioren wollen es vor allem bequem haben und stimmen für Textilbezüge. Andere wieder setzen auf die vermeintlich bessere Hygiene von Kunststoffsitzen.

Für Max (78) und Anneliese (76) Burgemeister aus Hellersdorf kommen die harten Varianten hingegen gar nicht in Frage. Die Stimme der beiden Rentner bekommt das Modell mit der weichen Sitzmulde. „Das ist einfach am komfortabelsten“, sagen die beiden Rentner.

Auch BVG-Chefin Sigrid Nikutta hat schon einen Favoriten. „Aber den verrate ich natürlich nicht“, sagt sie. Dass sie zwingend für die preiswerteste Variante ist, streitet Nikutta zumindest ab. „Die Anschaffungskosten spielen nicht die entscheidende Rolle“, sagt sie. Alle sieben vorgestellten Modelle würden sich dabei auch nicht wesentlich unterscheiden. Viel wichtiger seien über die lange Nutzungsdauer die Kosten für den Erhalt, die Beseitigung von Vandalismusschäden und die Reinigung. Dass Hartschalen oder Kunstledersitze in dieser Frage günstiger sind, ist unstrittig. Trotzdem verspricht die BVG, sich dem Urteil ihrer Kunden zu beugen, falls jene sich für eine andere Variante entscheiden sollten. „Die neuen Züge sollen schließlich nicht in erster Linie uns gefallen sondern unseren Kunden“, sagt Marketingchef Beck.

U-Bahndirektor Hans-Christian Kaiser hofft vor allem, dass nach einer demokratischen Abstimmung künftige Diskussionen über die Sitzqualität in den Zügen vom Tisch sind. Sein Wunsch in den kommenden Wochen lautet daher: „Ein möglichst klares Ergebnis“.