Sicherheit

Berlins S-Bahn-Fahrgäste fordern mehr Aufsichtspersonal

Nach den Gewaltübergriffen in der Berliner S-Bahn diskutieren die Beteiligten über eine stärkere Überwachung der Stationen.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Dass deutlich mehr für die Sicherheit auf den Berliner S-Bahnhöfen getan werden muss, haben die jüngsten Gewaltvorfälle gezeigt. Nur über die Maßnahmen, die es zu ergreifen gilt, streiten sich die Beteiligten. Der Senat hat die Deutsche Bahn AG als Eigentümer aufgefordert, Bahnhöfe und Fahrzeuge mit Videokameras auszurüsten. „In Sachen Sicherheit muss die S-Bahn auf den gleichen Stand kommen wie die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)“, sagte Verkehrssenator Michael Müller (SPD) zu Morgenpost Online. „Die lässt inzwischen alle U-Bahnhöfe und fast alle Fahrzeuge mit Kameras überwachen.“

Eine Forderung, die von der Bahn abgelehnt wird. „Eine flächendeckende Kameraüberwachung von Bahnhöfen und Bahnsteigen ist für den S-Bahn-Bereich derzeit nicht vorgesehen“, sagte ein Sprecher des Unternehmens. „Die Deutsche Bahn setzt auf die regelmäßige Bestreifung der Bereiche mit Sicherheitspersonal.“ Ein Brennpunkt ist der Bahnhof Friedrichstraße. Zeugen berichten von häufigen Schlägereien und Übergriffen.

Elisa Seifert arbeitet auf dem Bahnhof der S-Bahn in einem Verkaufsstand für Kaffee und Gebäck. Die 21-Jährige hat schon viel erlebt: „Während der Spätschicht bin ich schon einige Male Zeuge von Prügeleien geworden. Aber viel schlimmer ist, wenn man mich hier im Laden anpöbelt“, sagte die 21-Jährige am Montag und berichtete, wie ihr ein Kunde zuletzt den Kaffee entgegenschleuderte, weil er nicht bezahlen wollte. Dennoch hält Seifert nicht viel von Kameras: „Wir brauchen hier Personal. Ich habe schon mal versucht, nachts den Sicherheitsdienst zu rufen, aber der brauchte fast eine Stunde, bis er hier war.“

Gefühl der Unsicherheit wächst

Auch Nicholé Velásquez kann nicht verstehen, wie Kameras die Lage verbessern sollen: „This is not Hollywood!“, sagte der 26-Jährige. Der Kunstfotograf aus New York hält Berlin für nicht ungefährlich: „Freunde hatten mich gewarnt. Sie sagen, hier gibt es Skinheads. Aber bis jetzt ist mir nichts passiert“, erzählte er. „Statt Kameras ist Sicherheitspersonal die bessere Wahl.“ Auch Günel Schyalieva glaubt, dass die Präsenz von Polizei und Sicherheitsbeamten wichtig ist, aber Kameras hält sie für gut, sie seien eine „richtige Reaktion“. „Ich fühle mich in Berlin sicher, aber wenn die Kriminalität steigt, dann spricht für mich nichts gegen die technische Überwachung in der S-Bahn“, sagte die 21 Jahre alte Studentin. „Letztendlich ist das ein soziales Problem. Da, wo die Frustration entsteht, in Jugendämtern und Jobcentern, sollten mehr Leute eingesetzt werden.“ Maria H. und Sandra F. kommen aus Hellersdorf. Sie sagten, sie hätten schon häufiger erlebt, wie Störenfriede andere Fahrgäste provozieren: „Da hilft dir auch keine Kamera“, erklärte Maria H. „Natürlich können manche Verbrechen so aufgeklärt werden, aber verhindert wird nichts“, sagte ihre Freundin Sandra. „Die Sicherheitsleute müssen Präsenz zeigen, und zwar nicht nur in Mitte“.

Kai-Uwe Beyer aus Prenzlauer Berg hat einen anderen Vorschlag: „Warum stellt man nicht die Abfertigungsbeamten von früher wieder ein?“, fragte der 42-Jährige. „Die haben bis vor fünf Jahren erfolgreich für Sicherheit auf den Bahnsteigen gesorgt.“ Beyer vertritt aber auch die Meinung, dass Kameras keine schlechte Idee sind. „Immerhin wurden durch Videoaufzeichnungen einige Verdächtige nach der Prügelei in einer Straßenbahn Ende Juli festgenommen“, sagte Beyer.

Gewerkschaften für mehr Personal

Auch die Gewerkschaften sind mehrheitlich für eine stärkere Personalpräsenz auf den Bahnhöfen. Sie stimmen der Kameraüberwachung nur unter strengen Bedingungen zu.

„Es gab noch keine Verhandlungen mit dem Arbeitgeber zu dem hochgradig sensiblen Thema der Kameraüberwachung“, sagte Jens Mietzelfeld, Ortgruppenvorsitzender der Gewerkschaft der Lokführer der S-Bahn Berlin. „Wir müssen unsere Mitarbeiter schützen.“ Die Gewerkschaft befürchtet, dass der Arbeitgeber auf das aufgezeichnete Bildmaterial zurückgreifen kann. Man boykottiere die Videoüberwachung nicht grundsätzlich und lehne sie auch nicht strikt ab. Vor dem Einsatz dieser Mittel müsse es aber Gespräche mit den Arbeitgebern und dem Landesdatenschutzbeauftragten geben, sagt er. „Wir müssen sichergehen können, dass das Datenmaterial nur vom Staatsanwalt und der Bundespolizei, auf keinen Fall aber von der Deutschen Bahn, ausgewertet werden darf. Das muss ein Baustein in einer Betriebsvereinbarung sein.“

Auch der Vorsitzende der Berliner Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Klaus Just, beurteilt einen Kameraeinsatz kritisch. „Sie dürfen nicht zum Instrument der Arbeitsplatzüberwachung der S-Bahnbeschäftigten werden“, sagte er. „Video-Technik ist nicht das „Goldene Kalb“ der S-Bahn-Sicherheit.“

Derzeit dienen mehrere Hundert Kameras auf S-Bahnhöfen lediglich der Überwachung der Bahnsteigkanten durch die Zugführer, unter anderem für die technische Abfertigung der Züge. Sie werden nicht für die Überwachung auf den Bahnhöfen eingesetzt. Das scheiterte bislang an der grundsätzlichen Ablehnung des Betriebsrats. Technisch könnte die bereits installierte Videotechnik für Sicherheitszwecke genutzt werden. So zeigen die Bilder der Kameras nur die Bahnsteigkante. Videoüberwachung findet nur auf Bahnhöfen statt, an denen Fern- und Regionalzüge fahren, nicht jedoch an Stationen, an denen nur S-Bahnen halten.

Grundsätzliches Verständnis für die Arbeitnehmer zeigt der innenpolitische Sprecher der SPD, Thomas Kleineidam. Er räumt aber ein, dass die aufgezeichneten Bilder maximal 48 Stunden gespeichert werden dürfen.