Schinkelplatz

Initiative will moderne Architektur in Mitte verhindern

| Lesedauer: 5 Minuten
Katja Heise

Foto: euroluftbild.de / euroluftbild.de / Grahn

Es ist ein Kampf zwischen Moderne und Historie in Berlin. Die Initiative Schinkelplatz will eine „Bausünde“ stoppen.

Jürgen Aha wohnt zwar in Frankfurt am Main, das hindert ihn aber nicht daran über Bauvorhaben im Zentrum Berlins klare Worte zu finden: „Das geplante Bürogebäude am Schinkelplatz ist eine architektonische Entgleisung.“ Deshalb hat Aha die Protestbewegung „Schinkelplatz- Initiative Berlin“ mitgegründet, um die geplante „Bausünde“ zwischen Friedrichswerderscher Kirche und Berliner Bauakademie in Mitte an der Niederlagstraße zu verhindern.

Er ist als Inhaber einer Werbeagentur mit Sitz in Berlin regelmäßig in der Hauptstadt. Doch wenn er hier seinen Kindern die Architektur zeigt, fände er es schrecklich wenn am historischen Schinkelplatz das geplante Gebäude entstehe.

Auf 2100 Quadratmetern soll ab dem kommenden Jahr ein rechteckiger Gebäudeblock mit 38 Fenstern und Flachdach entstehen. Aber dieser Entwurf mit Fenstern die oben größer sind als unten, redet sich Jürgen Aha in Rage, setze Grundsätze abendländischer Baukultur außer Kraft.

Schlicht, kalt und nicht belebt

Auch Annette Ahme, Gründerin des Vereins „Schöne Mitte-Schöne Stadt“ und die Gesellschaft Historisches Berlin kritisieren die Pläne. Warum orientiere man sich nicht an Gebäuden, die hier ursprünglich standen, fragt der Vorstandsvorsitzende Gerhard Hoya. Werden die Entwürfe aber umgesetzt, werde es hier schlicht und kalt – und überhaupt nicht belebt.

Der Bauentwurf stammt vom Berliner Architektenbüro Staab. Bezahlen will die Umsetzung die Münchner Investorengruppe Moll mit einem achtstelligen Betrag. Doch waren sowohl Architekt also auch Investor an strenge Vorgaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gebunden.

Von hier hatte es in einer Ausschreibung strikte Bedingungen gegeben, wie der Gebäudeentwurf aussehen soll: zurückhaltend sollte es sein, dennoch aber selbstbewusst. Es sollte nicht in Konkurrenz treten mit den übrigen Gebäuden, erklärt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Bedingungen.

Und genau das habe Staab hervorragend umgesetzt, sagt Architektin und Mitglied in der Ausschreibungsjury Johanne Nalbach. Sie findet auch, dass hier ein weiteres opulentes Gebäude die bestehende Architektur nur stören würde.

„Klassische Formsprache“

Auch bei der Investmentgruppe Moll in der bayerischen Hauptstadt versteht man die Kritiker nicht. Mitgeschäftsführer Xaver Moll erklärt, das geplante Gebäude sei nicht modern, sondern habe eine klassische Formsprache. Modern sei, wenn hier mit Glas und Stahl gebaut würde – das habe man aber nicht vor.

Er räumt außerdem ein: Man sei sich der besonderen Verantwortung bewusst an diesem baugeschichtlichen bedeutenden Ort als Bauherr wirken zu dürfen. Anders als rein renditeorientierte Kapitalanleger investiere man außerdem langfristig für den eigenen Vermietungsbestand. Allein schon deswegen sei Moll daran gelegen, hier Gebäude entstehen zu lassen, die der umgebenden historischen Bebauung gerecht werden.

Es handele sich bei den Plänen sowieso nur um erste Entwürfen, die noch kritisch durchleuchtet und überarbeitet werden. Ganz fallen lassen wolle man den ursprünglichen Entwurf aber nicht.

Unangemessener, langweiliger Betonklotz

Doch auch die „Schinkelplatz-Initiative“ gibt sich wenig kompromissbereit: „Immer wieder gibt es solche Ausschreibungen hinter den Kulissen und in einem System von Architektenlobbys“, kritisiert Aha. Die Öffentlichkeit bemerke das erst, wenn es zu spät sei. Dabei müssten nicht die wenigen Verantwortlichen, sondern die Mehrheit der Bürger mit den Gebäuden leben.

Er schlägt vor, das Projekt noch einmal neu zu planen und diesmal die Entscheidung einer Bürgerwerkstatt zu überlassen, wo Baupläne mit Bürgern besprochen würden. Man könnte zufällig ausgewählt, 5000 Berliner einladen – 100 würden sicherlich kommen.

Am Sonnabend versammelten sich rund 25 Mitglieder der Schinkelplatz-Initiative Berlin an dem Denkmal Schinkels. „Das ist ein Machtkampf zwischen Moderne und Historie“, sagt Architekt und Stadtplaner Helmut Maier. „Wir sind da und protestieren, wo Gefahr droht.“

Er will verhindern, dass am historischen Schinkelplatz ein, wie er sagt, trostloser Betonklotz gebaut wird. Ein anderer Mitstreiter an diesem verregneten Herbsttag ist Harry Schwarz aus Charlottenburg. „Das Gebäude, das hier gebaut werden soll, ist langweilig und dem bedeutsamen Ensembles an diesem Ort nicht angemessen“, sagt er.

„Ich habe den Eindruck, es fehlt an Fantasie und Einfällen.“ Annette Ahme hofft, eine breite Öffentlichkeit mobilisieren zu können, um den Neubau zu verhindern. „Wir werden versuchen, ein Bürgerbegehren in Mitte zu starten“, sagt sie. Aha, Mitgründer der Initiative, möchte den Protest formieren. „Heute haben wir gezeigt, dass es uns gibt“, sagt er. „Wir haben viele kreative Ideen, um unseren Protest deutlich zu machen.“

( mit ag )