Studie

Jeder fünfte Grundschüler kann nicht richtig lesen

Berlins Opposition fordert den Senat auf, die Studienergebnisse ernst zu nehmen. Die Bildungssenatorin setzt auf bessere Lehrerbildung.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlins Grundschüler sind im ersten deutschen Leistungsvergleich in Mathematik und Deutsch auf den letzten Plätzen gelandet. Zu den Schlusslichtern des Ländervergleichs zählen auch die anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen. Ganz oben steht Bayern, gefolgt von Sachsen und Sachsen-Anhalt. Das ist das Ergebnis eines Ländervergleichs, den die Kultusministerkonferenz (KMK) am Freitag vorgestellt hat.

Die Studie zeigt erneut einen deutlichen Einfluss der sozialen Herkunft auf das Leistungsniveau. „Je niedriger der soziale Status, desto geringer sind die Kompetenzen“, sagte Professor Hans Anand Pant, dessen Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die Studie im Auftrag der KMK durchgeführt hat. Einen solchen Zusammenhang haben bereits andere Bildungsstudien belegt.

Der Ländervergleich ergab außerdem, dass Kinder mit Zuwanderungshintergrund in allen Bereichen deutliche Nachteile haben, besonders Kinder mit zwei im Ausland geborenen Elternteilen. Diese Leistungsrückstände ließen sich „zu einem großen Teil auf den sozialen Status, das Bildungsniveau der Eltern und die Häufigkeit, mit der in der Familie Deutsch gesprochen wird“, zurückführen.

Studie zeigt „Ernst der Lage“

Das schlechte Abschneiden Berlins in der Vergleichsstudie setzt den Berliner Senat erheblich unter Druck. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) betonte, dass man in der Lehrerausbildung einen stärkeren Fokus auf die Fächer Mathematik und Deutsch legen wolle. Die Kommission der Senatsverwaltung zur Reform der Lehrerbildung habe bereits entsprechende Vorschläge erarbeitet, sagte Scheeres am Freitag. „Dazu zählt, dass für alle angehenden Grundschullehrer die Studienfelder mathematische und sprachliche Grundbildung an der Hochschule zukünftig verpflichtend werden“, sagte sie. Das bedeutet, auch wer Sachkunde- und Sportlehrer wird, soll zusätzlich in Mathe und Deutsch geschult werden.

Scheeres betonte aber auch, es gebe nicht eine Maßnahme, mit der alle Probleme gelöst werden könnten – und nicht eine Ursache, die einfach abgestellt werden müsse. „Stattdessen müssen gerade wir als Stadtstaaten weiter zum Beispiel die Ganztagsangebote ausbauen und die frühkindliche Bildung stärken.“ Mit dem Ausbau des Kita-Angebots und der verbindlichen Sprachförderung sei Berlin bereits auf dem richtigen Weg.

Für den Berliner Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Hartmut Schurig, zeigt der Ländervergleich einmal mehr „den Ernst der Lage“. Seine Forderung nach Konsequenzen kann Schurig auf eine einfache, oft genannte Formel bringen: „Wenn wir in der Bildung besser werden wollen, müssen wir mehr Geld in die Bildung stecken.“ Berlin lege Wert auf anspruchsvolle Pädagogik wie etwa das jahrgangsübergreifende Lernen in den Grundschulen, so Schurig, doch an der Umsetzung hapere es, weil die Ausstattung der Schulen den Ansprüchen nicht gerecht werde. „Die Lehrer brauchen mehr Zeit pro Schüler, wir brauchen kleinere Klassen und mehr Fachpersonal wie Sozialpädagogen an den Schulen.“ Nur dann könne eine individuelle Förderung der Kinder auch gelingen.

Zweifel an Schulreformen

Die CDU meldete als Reaktion auf den Ländervergleich Zweifel an den Schulreformen an, die der Koalitionspartner SPD in den vergangenen Jahren in Berlin vollzogen hat. „Das relativ schlechte Abschneiden der Berliner Grundschüler im Ländervergleich wirft die Frage auf, inwiefern die reformierte Schuleingangsphase (Stichwort Jahrgangsübergreifendes Lernen, Abschaffung der Vorschule, Früheinschulung) tatsächlich zur Steigerung der Leistungsfähigkeit der Berliner Grundschüler beigetragen hat“, sagte CDU-Bildungsexpertin Hildegard Bentele. Andere Bundesländer würden vormachen, wie Grundschüler durch pädagogische Konzepte, die „auf Grundlage klarer Leistungskriterien fördern und fordern“ Kompetenzen vermittelt bekämen.

Die Grünen forderten den Senat auf, die Ergebnisse ernst zu nehmen. „Die Studie bestätigt abermals, dass der Bildungserfolg in Berlin, wie in der gesamten Republik, weiterhin stark von der sozialen Herkunft abhängig ist. Das ist elf Jahre nach der ersten PISA-Studie ein Skandal“, sagte der bildungspolitische Sprecher Özcan Mutlu. Schulen in benachteiligten Gebieten und mit hohem Migrantenanteil müssten gezielter gefordert werden. Auch Piraten-Bildungssprecher Martin Delius hält den von Rot-Schwarz ausgerufenen Schulfrieden für den falschen Weg, Bei der Lehrerbildung und der Umsetzung der Reformen müsse nachgesteuert werden.