Vergleichsstudie

Berlin braucht Nachhilfe bei der Bildung

Grundschüler aus der Hauptstadt können schlechter lesen, zuhören und rechnen als in den anderen Bundesländern. Ein Armutszeugnis.

Foto: Thomas Lohnes / dapd

Berlin hat eine frühere Einschulung durchgesetzt. Berlin hat zahlreiche Ganztagsschulen eingerichtet. Und Berlin hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Verbesserungsvorschläge von Bildungswissenschaftlern umgesetzt. Doch genutzt oder gereicht hat das bislang offenbar nicht. Im Vergleich des Bildungsstandes von Grundschülern in allen 16 Bundesländern liegt Berlin – mit den anderen Stadtstaaten Bremen und Hamburg – immer wieder auf den hinteren Rängen. Um es gleich zu sagen: Die Frage, warum das so ist, konnten weder die mit der Studie beauftragten Wissenschaftler vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), noch die Kultusministerkonferenz beim Vorstellen der Studie am Freitag in der Hauptstadt beantworten. Umso stärker wirkt der Ist-Zustand.

Getestet wurden 27.081 Schüler der vierten Jahrgangsstufe aus 1349 Schulen deutschlandweit. Lesen, Zuhören und Rechnen stand auf dem Programm ( Beispielaufgaben auf der Internetseite des Instituts). In Berlin nahmen 113 Grundschulen und fünf Förderschulen teil. Da Berlin unter allen Ländern den am weitesten vorgezogenen Stichtag für den Beginn der neuen Schulpflicht hat, war die untersuchte Population am jüngsten. Knapp 61 Prozent der Befragten besuchten eine Ganztagsschule.

Das Stadtstaaten-Problem

Am besten lesen können demnach Grundschüler aus Bayern, Sachsen, Thüringen sowie Sachsen-Anhalt. In Berlin dagegen wird wohl mehr gestockt oder gestammelt, jedenfalls außerordentlich schlecht gelesen. Berliner Viertklässler liegen mit 467 Punkten „in statistisch bedeutsamen Ausmaß unterhalb des deutschen Mittelwertes von 500 Punkten“, wie auch die Kinder aus Hamburg und Bremen. Das steht auf Seite 107 der Vergleichsstudie. Leider – und trotz aller Reformen – ist das keine neue Erkenntnis. „Es bestätigt sich also erneut der sowohl für den Primarbereich als auch für die Sekundarstufe I in früheren Studien beobachtete Befund, dass die in den Stadtstaaten erreichten mittleren Lesekompetenzen recht deutlich unterhalb der in den Flächenländern erzielten Kompetenzstände liegen“, so die Autoren Katrin Böhme und Sebastian Weirich vom IQB.

Auch was die Fähigkeit zum Zuhören betrifft, liegt Berlin auf den hinteren Plätzen , mit 472 Punkten. Da ist es kein Trost, dass diesmal neben Bremen und Hamburg auch Rheinland-Pfalz, das Saarland und Sachsen-Anhalt überdurchschnittlich schlecht abschneiden. Um im Jargon zu bleiben: Klassenbester ist auch beim Zuhören wieder Bayern (513 Punkte). Die Punkte, denen ein komplexes Kompetenstufenmodell zugrunde liegt, lassen sich in Zeiteinheiten umrechnen. Dass Berlin mit 41 Punkten hinter Bayern liegt, bedeutet einen Kompetenzunterschied von fast einem dreiviertel Schuljahr.

Wie sieht es mit Zahlen, Räumen, Formen und Strukturen aus?

Die Welt der Buchstaben und des artikulierten Wortes ist eine Sache. Wie sieht es mit Zahlen, Räumen, Formen und Strukturen, also dem Fach Mathematik aus? Aus Berliner Sicht noch schlechter. Im Rechnen sind die Berliner Schüler mit nur 451 Punkten die schlechtesten, erneut liegen die Ergebnisse statistisch bedeutsam unterhalb des deutschen Mittelwertes. Sie sind ähnlich schlecht wie die Bremer (452 Punkte). Die Hamburger Grundschüler dagegen können mit 470 Punkten etwas besser rechnen. Übrigens haben die Wissenschaftler eine Vergleichsgruppe anderer Großstädte mit mehr als 300.000 Bewohnern eingerichtet. Selbst die schneiden besser ab als die Schulkinder der 3,5-Millionen-Einwohner-Stadt Berlin und der beiden anderen Stadtstaaten. Die Autoren formulieren es so: „Es scheint in den Stadtstaaten also deutlich schwieriger zu sein, Lerngelegenheiten so zu gestalten, dass im Mittel ähnliche Kompetenzausprägungen erreicht werden wie in anderen Ländern und Großstädten.“

Was also die Fähigkeit zum Lesen, Zuhören sowie für Mathematik betrifft, „sind die Bayern besonders gut und die Berliner zeigen deutliche Ausschläge nach unten“, sagt die Direktorin des IQB, Petra Stanat. Betrachtet man die fünf ausgewiesenen Kompetenzstufen in den drei abgefragten Fähigkeiten, so ist in Berlin der Anteil der Schüler, die schon den Mindeststandard (Kompetenzstufe I) zum Lesen, Zuhören und für Mathematik verfehlen, am größten. Stanat zufolge ist die Anzahl der Risikoschüler in Berlin – wie in Bremen und Hamburg – besonders hoch. Beim Lesen liegt sie bei mehr als 20 Prozent, im Rechnen beträgt sie sogar mehr als 27 Prozent.

Jungen und Mädchen gezielt fördern

Doch die Forscher haben nicht nur einzelne Fächer, sondern auch die Schüler selbst genauer betrachtet und zu Jungen und Mädchen „fast schon klischeehafte Unterschiede festgestellt“, wie Stanats Kollege, IQB-Direktor Hans Anand Pant, sagt. Mädchen haben einen deutlichen Vorsprung in Orthografie, und sie können besser lesen als Jungen. Die wiederum sind besser in Mathe – vor allem, wenn es um Größen und ums Messen sowie um Muster und Strukturen geht. Keine Überraschung also – bis auf einen Punkt: beim Zuhören. Zumindest in der vierten Klasse noch können Mädchen und Jungen bundesweit gleich gut zuhören.

Um die Unterschiede abzubauen empfehlen die Autoren, Jungen und Mädchen gezielt in ihren schwachen Kompetenzen zu fördern, ohne dieses im Unterricht zu offenkundig werden zu lassen. Es sollen also keine Stereotype bedient werden.

Auch die soziale Herkunft der Schüler hat eine große Rolle gespielt. Generell, so die Forscher, lasse sich sagen: Je niedriger der soziale Status der Eltern, desto schwächer ausgeprägt die erreichte Kompetenz. Die Wissenschaftler haben – gemäß dem Klassenmodel von Erikson, Goldthorpe und Portocarero – sieben Gruppen sozialer Herkunft gebildet, diese wiederum in zwei Extremgruppen (hohe und niedrige soziale Herkunft) aufgeteilt und sie miteinander vergleichen. Zur Klasse I gehören Professorenkinder, zur Klasse VII Arbeiterkinder. Im Schnitt sind erstere letzteren um ein Schuljahr voraus, und zwar in allen Bereichen.

Das Elitenproblem

Die Stadtstaaten haben aber noch ein Elitenproblem: Es gelinge ihnen nicht, so Pant, die Kinder mit hohem Potenzial – also aus „gutem Elternhaus“ – so zu fördern, dass sie bundesweit mithalten können. Im Detail: In Bayern schneiden Kinder, deren Eltern Professoren sind oder im mittleren Management arbeiten, mit 544 Punkten im Lesen besser ab als Kinder derselben Herkunft in Berlin, die im Lesen nur 498 Punkte erzielen. Sogar in Mathematik sind diese Unterschiede groß. Bislang wurde die Vermittlung mathematischer Kompetenz in erster Linie der Schule zugeschrieben, nun muss wohl auch hier, wie beim Lesen, dem familiären Anregungspotenzial und den sozialen Lebensverhältnissen eine größere Rolle zugedacht werden. So erzielen Professorenkinder in Mathe in Berlin 481 Punkte, in Bayern 544 Punkte; Arbeiterkinder in Berlin nur 399 Punkte, in Bayern immerhin 463 Punkte.

Leistungsunterschiede fanden die Wissenschaftler auch, wenn sie in Betracht zogen, ob die Schüler Kinder von Zuwanderern waren oder nicht. „Es ergaben sich für alle Bereiche deutliche Nachteile, die bei Kindern mit zwei im Ausland geborenen Elternteilen stärker ausgeprägt sind als bei Kindern mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil“, so Professor Pant. Diese Leistungsrückstände ließen sich wiederum zum größten Teil auf den sozialen Status, das Bildungsniveau der Eltern und die Häufigkeit, mit der in der Familie deutsch gesprochen wurde, zurückführen. Doch auch die Herkunftsländer scheinen eine Rolle zu spielen. Unter allen Zuwanderern erreichten Kindern türkischer Herkunft die niedrigsten Werte, Kinder polnischer Herkunft weisen im Lesen, Zuhören und in Mathematik die höchsten Kompetenzstände auf. Warum das so ist, können die Autoren der Studie nicht beantworten. Sie wollen jedoch nicht ausschließen, dass negative Stereotype über türkischstämmige Zuwanderer den Kindern einen Erfolg im deutschen Bildungssystem erschweren könnten.