Magen-Darm-Grippe

Berliner Schulen schließen aus Virus-Angst vorzeitig

Kontaminiertes Schulessen: Immer mehr Kinder sind in Berlin erkrankt. Die Herbstferien machen Hoffnung, die Infektionskette zu durchbrechen.

Foto: Reto Klar

Lisa Schmidt erwischte es Donnerstagnacht. Sie hatte plötzlich so heftige Bauchkrämpfe, dass sie nicht einschlafen konnte. Mutter Cindy machte ihr Tee, aber es half nichts. Mitten in der Nacht erbrach sich Lisa mehrmals. Das fünf Jahre alte Mädchen besucht die Kita an der Treuenbrietzener Straße 26 im Märkischen Viertel. „Als berufstätige Eltern verlassen wir uns darauf, dass die Kinder ordentlich in der Kita versorgt werden. Und nun das“, sagt Mutter Cindy Schmidt.

2176 Fälle am Freitag gemeldet

Lisa ist eine von vielen Kindern und Jugendlichen, die in Berlin an Durchfall und Erbrechen erkrankt sind. Die Gesundheitsverwaltung meldete am Freitag 2176 Fälle. Die Bildungsverwaltung verschickte daraufhin an alle Schulen und Kindertagesstätten eine Warnung. „Der Verdacht, kontaminiertes Essen geliefert zu haben, richtet sich auf die Catering-Firma Sodexo“, hieß es darin. Erst Untersuchungen unter der Leitung des Robert-Koch-Instituts könnten den Verdacht bestätigen oder ausräumen. Deshalb empfahl die Verwaltung, Essenslieferungen des genannten Unternehmens nicht an die Schüler auszugeben.

Am Gymnasium Steglitz, das sein Essen von Sodexo bezieht, hatten sich bis zum Morgen 40 Schüler krank gemeldet, eine ungewöhnlich hohe Zahl. Als weitere Schüler im Laufe des Vormittags über Beschwerden klagten, entschloss sich die Schulleitung, den Unterricht aus Sicherheitsgründen um 11.30 Uhr zu beenden. Schulleiterin Michaela Stein-Kramer dazu: „Wir wollten die Infektionskette durchbrechen.“ Um eine Ausbreitung der Infektion einzudämmen wurden Türklinken und Toiletten desinfiziert und Desinfektionstücher an die Schüler ausgegeben.

Herbstferien mindern Ansteckungsgefahr

„Wir haben Glück im Unglück“, sagte die Gesamtelternvertreterin des Gymnasiums Steglitz, Jutta Geitmann-Hampe. „Durch die Herbstferien wird die Ansteckungskette unterbrochen, die Schule kann gründlich desinfiziert werden.“ Die Gesamtelternvertreterin kritisierte in diesem Zusammenhang die strengen Vorgaben des Bezirks, keine Kochküchen für Schulessen beauftragen zu können, sondern sich mit Zulieferern zufrieden geben zu müssen. „Es wäre wünschenswert, bei der Auswahl der Anbieter mehr Freiheiten zu haben und trotzdem bezuschusst zu werden“, so Jutta Geitman-Hampe. „Das, was wir bekommen, ist ja nicht das, was wir uns für unsere Kinder wünschen.“

Auch der Landeselternausschuss wies erneut auf die Probleme der Schulessensversorgung hin. „Während die Frische und der gesunde Wert des Essens für unsere Kinder quer durch Teile Deutschlands auf der Strecke blieb, haben die Krankheitskeime überlebt“, sagte der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Günter Peiritsch. Er forderte eine schulnahe, regionale Versorgung, sowie eine Rückkehr zu den Schulküchen vor Ort.

Das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLBZ) in Hohenschönhausen schloss seinen Schulbetrieb am gestrigen letzten Schultag um 13.25 Uhr, vor dem Mittagessen. „Bei uns sind keine Schüler betroffen, die vorgesetzte Behörde hat aber geraten, heute früher zu schließen, weil wir unser Essen von der Firma Sodexo beziehen“, sagte Schulleiter Gerd Neumes. Das Essen sollte vorsichtshalber nicht an die Schüler ausgegeben werden.

An der Finow-Grundschule in Schöneberg wurde das Essen der Firma Sodexo indes ausgeliefert und an die Schüler verteilt. Fabian Lenzen, Vorsitzender des Gesamtelternvertretung der Schule, sagte, dass das Gesundheitsamt des Bezirks mitgeteilt habe, dass keine Gefahr bestünde, weil es an der Schule keine Krankheitsfälle gegeben habe. „Wir sind gespannt, wie es in den Herbstferien weitergeht“, sagte Lenzen. Schließlich gebe es eine Hortbetreuung mit Mittagessen.

Nach Alternativen wird gesucht

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte, dass die Bezirke nach Alternativen für die Einrichtungen suchen, die von Sodexo beliefert werden. Kitas könnten beispielsweise belegte Brötchen machen. „Wenn es keine alternativen Angebote gibt, empfehlen wir den Eltern, lieber Essen von zu Hause mitschicken, solange die Ursache für die Erkrankungen nicht feststeht.“ Ob es sich beim Auslöser der Magen-Darm-Erkrankung nun tatsächlich um einen Norovirus oder um Bakterien oder auch nur die Toxine von Bakterien handele, können letztendlich nur die abschließenden Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts zeigen.

Ein Experte der Gesundheitsverwaltung sagte: „Erst dann kann auch mit Sicherheit gesagt werden, welche Schule oder Kindertagesstätte tatsächlich betroffen ist und bei welcher es sich nur um Fälle mit einer vergleichbaren Krankheit mit gleichen oder ähnlichen Symptomen handelt.“ Bei dem plötzlich hohen Ausbruch an Magen-Darm-Erkrankungen hatten betroffene Kinder über plötzlichen Durchfall und Erbrechen geklagt. Die Krankheit verlief meist leicht bis mittelschwer. Nur drei Kinder mussten im Krankenhaus stationär behandelt werden.