Integration

Wie Berliner Schulen gegen Rassismus vorgehen

Nachdem ein Rabbiner in Berlin beleidigt und zusammengeschlagen wurde, versuchen Schulen das Thema in ihren Unterricht zu integrieren.

Foto: Reto Klar

Im Dönerladen an der Kreuzberger Lindenstraße in Berlin ist an diesem Tag keine Zeit für Mittagspause. Der Unterricht von Kübra, Ebru und Mohamad geht eigentlich erst in 20 Minuten weiter, doch die Neuntklässler sind quasi schon mittendrin. Bei Dönerfleisch, Fladenbrot und Salat reden die Schüler über sich selbst – und sind so ganz schnell in einer Debatte über Integration, Identität, Miteinander und, in diesen Tagen, bei der jüdischen Kultur.

„Wenn ein Araber etwas Falsches tut, sind es immer gleich ‚die Araber‘ und ‚die Moslems‘“, sagt die 15-jährige Kübra. Wenn ein Deutscher aber etwas Schlimmes mache, werde dagegen nicht dazu gesagt, dass er Christ sei. Ihre Mitschülerin Ebru nickt.

Diskussion über Antisemitismus unter Jugendlichen

Die Schüler der 8. Integrierten Sekundarschule Skalitzer Straße spielen auf den Vorfall mit dem Berliner Rabbiner Daniel A. an, der vor einigen Wochen auf offener Straße antisemitisch beleidigt und anschließend zusammengeschlagen worden war. Daniel A. hatte nach dem Angriff ausgesagt, die Täter seien arabisch aussehende Jugendliche gewesen. Sicher ist das bis heute nicht, aber die öffentliche Debatte ist da. Diskutiert wird über wachsenden Antisemitismus in Deutschland und darüber, dass der vor allem unter muslimischen Jugendlichen verbreitet ist.

Auch an Kübra, Ebru, Mohamad und ihren Mitschülern geht diese Debatte nicht spurlos vorbei. Kaum einer von ihnen spricht Deutsch als Muttersprache, die meisten Schüler haben einen muslimischen Hintergrund. „Ich bin Moslem. Palästinenser“, sagt Mohamad, ganz bewusst. Natürlich bewegt ihn der Vorfall. Um vor allem auch Schüler mit dem Thema Antisemitismus nicht alleine zu lassen, versuchen die Schulen immer stärker, es in ihren Stundenplan zu integrieren. Franziska Giffey (SPD), Bildungsstadträtin in Neukölln, bestätigt, dass rassistische Beschimpfungen und Streitereien zum Alltag der Schulen gehören. „Es gibt keine statistischen Erhebungen, ich weiß das aber aus vielen Gesprächen mit Schulleitern und Lehrern“, sagt sie. So habe die Diskussion über das Mohammed-Video in den vergangenen Tagen zu heftigen Unruhen und Auseinandersetzungen unter den Schülern geführt, sogar an Grundschulen hätten sich Schüler gegenseitig beschimpft. „Schweinefleischfresser“ oder „Du Jude“ seien solche Schimpfworte. Der Bedarf an Projekten zum Thema Rassismus sei deshalb groß, so Giffey.

Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Islam

Die Kreuzberger Sekundarschule hat sich für ein Pilotprojekt entschieden. „Geschichtswerkstatt“ heißt es und wird zusammen mit dem Jüdischen Museum durchgeführt, das für ein Jahr gleichzeitig die Patenschaft für die Schule übernommen hat. Ein Versuch, die Schüler mit dem jüdischen Leben vertraut zu machen.

Die „Geschichtswerkstatt“ ist ein Fach, für das sich die Schüler freiwillig entschieden haben. Einmal die Woche, immer Mittwochs, für drei Stunden. Der Unterricht findet im Kiez statt, im Klassenraum oder im Museum neben dem Dönerladen, wie an diesem Tag. Der 15 Jahre alte Mohamad hat sich sofort für das Fach entschieden: „Hier kann ich viel lernen über andere Kulturen und Traditionen“, sagt er.

An diesem Mittwoch geht es um Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Islam. Dervis Hizarci vom Jüdischen Museum führt die Schüler durch das Haus. Gleich zu Beginn bleibt er auf der Treppe stehen, die das alte und das neue Gebäude unterirdisch verbindet, zwei architektonisch völlig unterschiedliche Bauten. „Warum bleibe ich hier stehen?“, fragt er in die Runde. „Weil manchmal Dinge zusammengehören, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben“, sagt Dervis. „So wie wir und die Juden“, ruft ein Schüler. Er hat damit etwas Wichtiges ausgesprochen. In den kommenden zwei Stunden wird es um die gemeinsamen Wurzeln der Juden und Muslime gehen, von denen die einen wie die anderen oftmals zu wenig wissen.

Die Vorurteile sitzen tief

An der Heinrich-Seidel-Grundschule in Gesundbrunnen weiß man, was dieses Unwissen auslösen kann. Schulleiterin Cornelia Flader denkt auch heute noch oft an einen Vorfall von vor zwei Jahren. Ein ganz normales Fußballspiel zwischen zwei Schulmannschaften, das alles veränderte. Die Fußballmannschaft der Grundschule an der Ramler Straße hatte im Rahmen eines Turniers gerade gegen die Mannschaft des Jüdischen Gymnasiums gespielt. Als die Schüler der Seidel-Grundschule – dort lernen vor allem Kinder türkischer und arabischer Herkunft – auf das Spielfeld wechselten, riefen sie laut „Juden, Juden, Juden“ über den Platz. Ihr Sportlehrer war gerade nicht da, das hatten sie ausgenutzt.

Als Schulleiterin Flader am nächsten Tag von dem Vorfall erfährt, entschuldigt sie sich sofort bei der jüdischen Schule. Zudem informiert sie die Schulaufsicht und den Präventionsbeauftragten des zuständigen Polizeiabschnitts. „Außerdem sind wir vom Turnier zurückgetreten und haben unsere Schulmannschaft aufgelöst.“ Sport lebe von Fairness. Diese Regel hätten die Schüler missachtet.

Vorfälle wie dieser sind an Berliner Schulen nicht selten. Zwar wird in vielen Schulen bereits viel dafür getan, Schülern unterschwelligen Rassismus bewusst zu machen. Die Vorurteile aber sitzen tief. „Wir stoßen immer wieder an unsere Grenzen“, sagt Schulleiterin Cornelia Flader. Es sei schwer, dagegen anzukommen, was den Kindern zu Hause vorgelebt wird und was sie täglich im Fernsehen miterleben. Die Ablehnung Andersgläubiger sei an der Tagesordnung.

Nahost-Konflikt ist großes Thema

Der Vorfall auf dem Fußballturnier hat zum Glück noch ein gutes Ende genommen. Die Schüler der haben schließlich das Jüdische Gymnasium besucht und sich entschuldigt. „Wir haben diesen Besuch gut vorbereitet. Den meisten war es dann ein Bedürfnis, sich zu entschuldigen“, sagt Schulleiterin Cornelia Flader. Dabei geholfen hat Sozialarbeiter Willi Lange. Um den Konflikt mit der jüdischen Schule aufzuarbeiten, hat er auch die Eltern einbezogen. „Sie haben eine Schlüsselrolle in derartigen Konflikten“, sagt Lange. Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus würden die Kinder nicht mitbringen, das seien Dinge, die von außen an sie herangetragen werden. „Kinder sind weltoffen und fragen viel.“ Irgendwann in der fünften oder sechsten Klasse würde sich das dann ändern. Plötzlich gebe es viele Tabus. Die muslimischen Kinder dürften nicht mehr zum Schwimmunterricht, dürften viele Sachen nicht essen, an Klassenreisen nicht teilnehmen. „Für die Lehrer ist das jedes Mal eine Herausforderung.“

Inzwischen gibt es an der Heinrich-Seidel-Grundschule wieder eine Fußballmannschaft. Doch der Vorfall hat die gesamte Schule sensibilisiert. „Wir sind noch stärker bemüht, rassistischen Vorurteilen so früh wie möglich entgegenzutreten“, sagt Flader.

Das ist es auch, was Siamak Ahmadi und Hassan Asfour umtreibt. Die jungen Männer sind bei der Bundeszentrale für politische Bildung angestellt und mit dem Projekt „Dialog macht Schule“ vor allem an Brennpunktschulen unterwegs. Zurzeit arbeiten sie an der Otto-Hahn-Schule sowie an der Albrecht-Dürer-Schule in Neukölln. Sechs Monate lang, jeweils 90 Minuten pro Woche machen sie dort einen besonderen Unterricht.

Schule ohne Rassismus

Ihr Ziel ist es, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen. „Wir reden mit ihnen über Themen, die sie interessieren und versuchen dabei, den politischen Aspekt des jeweiligen Themas in die Diskussion einzubeziehen“, sagt Hassan Asfour. Unter den arabischstämmigen Schülern sei der Nahost-Konflikt ein großes Thema. Sie würden sich oft beschweren, dass darüber in der Schule kaum oder wenn, dann nur sehr oberflächlich gesprochen wird.

Doch sie würden nicht nur reden, sagt Hassan, sondern auch praktisch arbeiten. „An der Otto-Hahn-Schule haben wir die Schüler der neunten Klassen beispielsweise dabei unterstützt, die Plakette ‚Schule ohne Rassismus‘ zu bekommen.“ Die Schüler hätten dafür möglichst viele Unterschriften gegen Rassismus sammeln und mit ihren Mitschülern über das Thema diskutieren müssen. Das sei nicht leicht gewesen. „Viele Jugendliche würden Konflikte am liebsten mit Gewalt lösen“, sagt Siamak Ahmadi. „Wir versuchen indes, die Schüler zu einem Perspektivwechsel zu bewegen. Sie sollen sich in die Lage des jeweils anderen hineinversetzen.“ Würde das gelingen, sei Empathie möglich, die Grundlage dafür, Probleme von allen Seiten zu betrachten und Vorurteile abzubauen. Den Neuntklässlern der Otto-Hahn-Schule ist das gelungen. Sie werden im Dezember von Klaus Wowereit die „Plakette gegen Rassismus“ überreicht bekommen.

Ausgebildete Migranten als Vorbilder

Hassan und Siamak sind 30 Jahre alt. Beide haben einen akademischen Abschluss. „Viele Schüler staunen, wenn sie hören, dass wir studiert haben und was wir jetzt machen“, sagt Hassan. Er hat an der Humboldt-Universität Interkulturelle Kommunikation studiert. Seine Eltern stammen aus dem Libanon. Siamak ist iranischer Herkunft. Auch er ist in Berlin aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte er Psychologie. Beide sind überzeugt davon, dass es wichtig für die Schüler ist, möglichst viele gut ausgebildete Migranten kennenzulernen, mit denen sie sich identifizieren können. „Dialog macht Schule“ soll auch das bieten. Man will mit Vorurteilen aufräumen, auf jeder Ebene.