Nahverkehr

Bei der S-Bahn müssen die Oldtimer ran

Weil 2017 nicht genug neue Züge vorhanden sind, müssen alte Wagen für 100 Millionen Euro umgebaut werden - sonst droht ein Verkehrschaos.

Foto: Massimo Rodari

Die Hängepartie um die Zukunft der Berliner S-Bahn könnte für die Steuerzahler teuer werden. Weil Ende 2017 die benötigten Neubau-Züge voraussichtlich nicht zur Verfügung stehen werden, müsste die S-Bahn etwa 150 Doppelwagen der älteren Baureihen 480 und 485 aufwendig nachrüsten, um einen Betrieb auf dem gesamten Netz zu gewährleisten. Die Kosten – nach Informationen von Morgenpost Online ist von etwa 100 Millionen Euro die Rede – würde sich das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn wohl von den Ländern Berlin und Brandenburg zurückholen. Bei einem Teil der alten Flotte ist zudem offen, ob der Umbau auf neue Zugsicherungs- und Kommunikationssysteme überhaupt möglich ist. Außerdem müssten die Züge eine neue Hauptuntersuchung erhalten. Am Ende müsste dann das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) grünes Licht für den Weiterbetrieb der Züge geben, die 2017 eigentlich ausgedient haben sollten. Auch das gilt als fraglich.

Gelingt es nicht, alle Probleme zu lösen, droht den Fahrgästen schlimmstenfalls jahrelang eine neue S-Bahnkrise mit eingeschränktem Verkehr. Der Fahrgastverband Igeb warnte bereits vor Monaten vor diesem Problem. Verantwortlich für das drohende Desaster ist nach Ansicht von Igeb-Sprecher Jens Wieseke vor allem der Berliner Senat. Erst im Sommer 2012 hatte er eine Ausschreibung für den S-Bahnbetrieb auf einem Teilnetz nach 2017 auf den Weg gebracht. Dann endet der aktuelle Verkehrsvertrag mit der Deutschen Bahn. Welches Unternehmen künftig auf der Ringbahn und den südöstlichen Zubringerstrecken fahren soll, will das Land voraussichtlich Mitte 2014 entscheiden.

„Viel zu spät“, kritisiert Wieseke. Denn laut Ausschreibung soll der künftige Betreiber die benötigten etwa 190 Doppelwagen selbst anschaffen. Entwicklung, Bau und Zulassung der neuen Züge würden nach Einschätzung von Experten aber bis zu sechseinhalb Jahre dauern. Ohne den teuren Umbau der Altbau-Züge müsste der S-Bahnverkehr demnach bis 2020 erheblich eingeschränkt werden.

Streit in der SPD

Als wahrscheinlicher gilt aber folgendes Szenario: Weil weder die Deutsche Bahn noch ein möglicher privater Betreiber in der Lage ist, Ende 2017 neue Züge einzusetzen, beauftragt der Senat die S-Bahn über eine sogenannte Auferlegung für eine Übergangszeit weiter mit dem Betrieb auf dem Teilnetz Ringbahn. Die S-Bahn müsste sich dann mit dem EBA über die technischen Details für die Umbauten und die weitere Zulassung der alten Züge verständigen und jene umsetzen. Die Kosten dafür und für den Interims-Betrieb könnte sie den Ländern in Rechnung stellen.

Die Summe von 100 Millionen Euro will die S-Bahn offiziell nicht bestätigen. Entscheidend dafür seien letztlich die Anforderungen des EBA, sagte ein Sprecher am Dienstag. Der Zeitplan sei in jedem Fall eng. „Machbar ist fast alles. Die Frage ist, was dabei für Kosten entstehen“, so der Sprecher.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sieht ihrerseits die S-Bahn in der Pflicht, eine verlässliche Kostenkalkulation vorzulegen. „Dass es teuer werden kann und dass man so schnell wie möglich beginnen muss, ist uns bewusst“, sagte Sprecherin Petra Rohland. Auch die Verwaltung von Senator Michael Müller (SPD) geht davon aus, dass es eine Zwischenlösung mit dem jetzigen Betreiber geben wird. Regelungen zur Finanzierung müssten dann gefunden werden, heißt es.

Igeb-Sprecher Wieseke kritisiert vor allem, dass die Landespolitik diese Situation „zu Lasten der Fahrgäste und Steuerzahler“ selbst verschuldet habe. „Eigentlich hätte die Ausschreibung viel früher, bestenfalls schon 2009 oder 2010 kommen müssen“, sagte er. Dann hätten die benötigten Neubau-Züge rechtzeitig zur Verfügung gestanden.

Tatsächlich hatte die damalige Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) schon Anfang 2011 auf eine schnelle Entscheidung gedrängt und auf das Problem der Fahrzeugbeschaffung hingewiesen. Zunächst blockierte aber die Linke als damaliger Koalitionspartner die Entscheidung für einen Wettbewerb, der zu einer Teilprivatisierung der S-Bahn führen könnte. Nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Herbst 2011 war es dann der linke SPD-Flügel, der sich gegen eine Teilausschreibung wehrte. Ungeachtet des Gegenwindes aus der eigenen Partei startete Senator Müller im Juni 2012 schließlich, unmittelbar vor der parlamentarischen Sommerpause, die Suche nach einem neuen S-Bahn-Betreiber.