Fahrzeugsanierung

Neue alte Züge ersparen der BVG 150 Millionen Euro

Die Berliner Verkehrsbetriebe machen fast 40 Jahre alte Wagen fit für weitere 20 Dienstjahre - samt Blindenschrift und Mehrzweckabteil.

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Etwas heller, etwas gelber – auf den ersten Blick sind es nur Kleinigkeiten, die den umgebauten U-Bahn-Zug auf dem Bahnhof Alexanderplatz von dem in die Jahre gekommenen Modell gleich nebenan unterscheiden. Doch der Eindruck täuscht. Unter dem gelben Aluminiumblech verbirgt sich neuerdings moderne Technik. 182 Wagen der Zug-Baureihen F74 bis F79 – die Zahlen stehen für die Baujahre – machen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in den kommenden Jahren fit für die Zukunft. Die ersten beiden gehen nun in den Linienbetrieb. Am Donnerstag stellten BVG-Chefin Sigrid Nikutta und Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler die komplett runderneuerten Züge vor.

77,5 Millionen Euro kostet es, die Flotte der fast 40 Jahre alten U-Bahnen so zu modernisieren, dass sie weitere 20 Jahre fahren können. Der Senat steuert 12,5 Millionen Euro bei, die eigentlich für die S-Bahn vorgesehen waren, wegen der anhaltenden Minderleistung aber nicht ausgezahlt wurden. Für das Land und die BVG ist die Ertüchtigung der alten F-Züge ein gutes Geschäft. Denn für neue U-Bahnen müssten sie etwa das Dreifache ausgeben, sparen so etwa 150 Millionen Euro.

Türoffner mit Blindenschrift

Für die Verkehrsbetriebe sind die vergleichsweise geringen Kosten aber nicht der einzige Vorteil. „Bei den alten Zügen wissen wir, was wir haben“, sagt Sigrid Nikutta. Nicht nur die Berliner S-Bahn, auch die BVG hatte zuletzt mit technischen Problemen bei neu angeschafften Zügen und Bussen zu kämpfen. Bei den umgebauten F-Zügen soll das nicht passieren. Deshalb wurden die Züge bereits seit Januar ausgiebig getestet, bevor nun in der BVG-Werkstatt an der Seestraße die Serienproduktion der „neuen Alten“ beginnt.

Die Liste der Neuerungen ist lang: Um Blinden die Orientierung zu erleichtern, sind die Haltestangen nun gelb und die Türöffner mit Brailleschrift versehen. Um mehr Platz für Gepäck, Rollstühle und Kinderwagen zu schaffen, haben die Wagen ein großes Mehrzweckabteil, Fahrräder finden in gesonderten Bereichen Platz. Sitze wurden ebenso komplett erneuert wie der Boden und die Beleuchtung. Auch an ihre Mitarbeiter hat die BVG gedacht. Ergonomische Sitze, eine bessere Heizung und neue Schaltelemente sollen den Fahrern den Dienst erleichtern. Um die Sicherheit zu erhöhen, sind zudem alle Wagen videoüberwacht und haben sogenannte Türschließkontaktleisten. Wird ein Kinderarm oder eine Hundeleine eingeklemmt, kann der Zug damit nicht losfahren, verspricht Martin Süß, bei der BVG für die U-Bahn-Flotte zuständig.

Neben den sichtbaren Veränderungen wurde auch die gesamte Wagentechnik modernisiert. Dank neuer Antriebselektronik können die umgebauten F-Züge nach BVG-Angaben besser beschleunigen, zugleich aber auch sanfter anfahren und bremsen. „Alle profitieren“, sagt Staatssekretär Gaebler. „Der Berliner Steuerzahler, weil er Geld spart, und die BVG, weil sie ihr entsprechendes Know-how einsetzen kann. Den größten Gewinn aber haben die Fahrgäste, denn sie bekommen neue und komfortablere Fahrzeuge.“

Vor allem um den Komfort der umgebauten U-Bahnen hatte es im Vorfeld heftigen Streit gegeben. Ursprünglich hatte die BVG geplant, statt gepolsterten Sitzen Plastik-Hartschalen einzubauen. Damit sollten die Vandalismusschäden von jährlich 5,5 Millionen Euro allein an U-Bahn-Zügen reduziert werden. Der Fahrgastverband Igeb hatte die Pläne scharf kritisiert. Umso erfreuter zeigt sich Igeb-Sprecher Jens Wieseke nun, dass die Oldtimer wieder gepolsterte Sitze haben. Gänzlich vom Tisch ist die Debatte um Polster oder Hartschalen aber noch nicht, wie U-Bahn-Direktor Hans-Christian Kaiser bestätigt. „Wir streben in dieser Frage eine generelle Klärung an“, sagt er. Wie weich die Fahrgäste in künftigen Zügen der BVG sitzen werden, ist also noch offen.

Das betrifft auch die neuen Züge für die Kleinprofil-Linien U1 bis U4. Wie berichtet, hat der Berliner Hersteller Stadler den Auftrag bekommen, die U-Bahnen der Baureihe IK zu entwickeln. Zwei Prototypen will die BVG vom Frühjahr 2015 an testen. Bewähren sie sich, kann Stadler ab 2017 bis zu 34 weitere Züge liefern. Sie sollen die 45 Jahre alten Wagen der Baureihe A3L71 ablösen. Der Auftrag hat ein Gesamtvolumen von 158 Millionen Euro. Das Design der neuen Züge will Stadler erstmals auf der Fachmesse InnoTrans vom 18. bis 21. September in Berlin vorstellen. Eine kostensparende Ertüchtigung der Altbaureihen war in diesem Fall nach BVG-Angaben nicht möglich, weil die Züge nicht mehr die Grundsubstanz für die geforderten 20 zusätzlichen Dienstjahre gehabt hätten.

Verhandlungen über Zuschüsse

Was dürfen die Verkehrsbetriebe kosten, und was sollen sie leisten – mit diesen Fragen beschäftigen sich neben der BVG selbst derzeit auch die Beamten in den Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung, Finanzen und Wirtschaft. Wie berichtet, haben die seit 2011 überfälligen Verhandlungen zur Revision des Verkehrsvertrages zwischen dem Land und der BVG im August begonnen. Sollte das Land seinen jährlichen Zuschuss von derzeit 250 Millionen Euro nicht aufstocken, könnten Kürzungen des Angebots die Folge sein. Nach internen Berechnungen fehlen der BVG jährlich 44 Millionen Euro, um das bestehende Angebot an Bus- und Bahnfahrten vollständig zu finanzieren. Derzeit laufen die Gespräche noch auf den Fachebenen, wie Verkehrsstaatssekretär Gaebler bestätigt. Im September sollen die Verhandlungen auf Chefebene sowie zwischen den beteiligten Landesbehörden beginnen. Gaebler spricht sich bereits gegen Angebotskürzungen aus: „Angesichts der Bevölkerungsentwicklung brauchen wir tendenziell eher mehr Angebote im Nahverkehr.“

Sprayer und Kratzer

Vandalismus: 5,5 Millionen Euro muss die BVG pro Jahr ausgeben, um Vandalismusschäden an U-Bahn-Zügen zu beseitigen. Zwei Millionen entfallen allein auf die Beseitigung von Graffiti, jeweils eine Million auf beschädigte Sitze und Scheiben. Unternehmensweit verzeichnet die BVG jährlich Vandalismusschäden von acht bis neun Millionen Euro.

18 Sekunden: Wie schwer es ist, sich dagegen zu schützen, erlebte die BVG vor einem halben Jahr. Binnen 18 Sekunden besprühten Sprayer in Kaulsdorf fast einen kompletten Zug. Laut BVG gibt es inzwischen einen Vandalismus-Tourismus nach Berlin. Im Juli wurden zwei aus dem Ausland angereiste Täter gefasst.