Optimale Förderung

Wie Integration in Berliner Brennpunktschulen gelingt

Die Gustav-Falke-Grundschule in Wedding fördert begabte Kinder in Sonderklassen. Das ist positiv für die Atmosphäre an der ganzen Schule.

Foto: Glanze

Kora weiß, was das Besondere an ihrer Klasse ist. „Wir machen viele Experimente“, sagt sie. Das zierliche blonde Mädchen ist sechs Jahre alt. Vor drei Wochen ist sie an der Gustav-Falke-Grundschule in Wedding eingeschult worden. „Neulich haben wir einen Luftballon mit Backpulver gefüllt und auf eine Flasche mit Essig gestülpt“, erzählt Kora. Der rote Ballon habe sich wie von selbst mit Luft gefüllt. Kora weiß zwar nicht mehr genau, warum das so war, das Experiment aber hat sie beeindruckt.

Die Sechsjährige gehört zur Klasse 1/2f, in der 24 Kinder lernen. Die heißen zum Beispiel Lisbeth, Malalay, Ela, Burak, Angelina und Faruk, Erik, Dencer und Amalia. Ihre Eltern sind arabischer, türkischer, deutscher, italienischer oder afrikanischer Herkunft. Doch das spielt keine Rolle. Was die Kinder eint, ist die Tatsache, dass sie sehr gut Deutsch sprechen können. Mehr als 80 Punkte haben sie beim Test erreicht, zu dem die Schule sie ein halbes Jahr vor der Einschulung eingeladen hat. Wer so gut Deutsch kann, wird an der Gustav-Falke-Schule einer sogenannten Nawi-Klasse zugeteilt, das sind Klassen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Auch Kora lernt nun einer solchen Klasse. Insgesamt gibt es vier davon an der Schule. Ziel ist es, die Kinder so früh wie möglich für Chemie, Physik oder Mathe zu begeistern.

Immer mehr Anmeldungen

Die Nawi-Klassen haben dafür gesorgt, dass es an der Gustav-Falke-Schule wieder bergauf geht. „Bis vor zwei Jahren haben bildungsbewusste Familien unsere Schule gemieden, jetzt können wir uns vor Anmeldungen nicht retten“, sagt Schulleiterin Karin Müller. Der Anteil der Schüler nicht deutscher Herkunft liege zwar noch immer bei über 80 Prozent. Inzwischen seien aber viele Kinder darunter, die sehr gut Deutsch sprechen können, und eben auch deutsche Kinder. „Die Nawi-Klassen wirken sich positiv auf die Atmosphäre der gesamten Schule aus“, sagt Müller und betont, dass es ein Vorschlag der Eltern gewesen sei, diese Klassen an der Schule einzurichten.

Özcan Mutlu, Bildungsexperte der Grünen, ist begeistert von diesem Modell. Andere Grundschulen sollten es übernehmen, fordert er. Beispielsweise die Lenau-Grundschule in Kreuzberg. Diese hatte in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt, denn dort hatte sich eine Elterninitiative dafür eingesetzt, dass die Kita-Gruppen beim Übergang in die Schule zusammenbleiben können. Zu Beginn dieses Schuljahres führte dies dann aber dazu, dass eine Klasse vor allem aus deutschen, eine andere fast nur aus türkischen Kindern bestand. Türkische Eltern waren empört, die ersten Klassen mussten neu gemischt werden.

Mutulu sieht erfolgreiche Schulen in jedem Bezirk

Für den Grünen-Abgeordneten Mutlu sind Schulen wie die Gustav-Falke-Grundschule ein Beispiel dafür, dass es auch in den sogenannten Brennpunkten möglich ist, die Kinder optimal zu fördern. Eine ausgewogene Mischung der Schülerschaft sei dafür Voraussetzung, sagt er. Und Mutlu weiß, wovon er spricht. Als Kind türkischer Gastarbeiter landete er in einer Ausländerklasse und musste später trotz guter Noten zur Hauptschule. Dass er schließlich doch noch studiert hat, verdankt er engagierten Lehrern.

ls Bildungspolitiker ist ihm dass die Schulen sich austauschen, gute Erfahrungen übernommen werden. „Wir müssen nicht nach Finnland gucken“, sagt er, „erfolgreiche Schulen gibt es in jedem Berliner Bezirk.“

Kinder aus 58 Nationen lernen an der Fläming-Grundschule

Eine gute Mischung der Schülerschaft hinzubekommen, ist in bestimmten Kiezen Berlins allerdings schwer. Dort bemühen sich die Schulen seit Jahren darum, dass bildungsbewusste Eltern nicht abwandern oder sich an Privatschulen zurückziehen. Wie etwa die Fläming-Grundschule in Schöneberg. Sie ist für den Grünen-Politiker Mutlu ein weiteres Beispiel gelungener Schüler-Zusammensetzung. Dort lernen Kinder aus insgesamt 58 Nationen, 70 der 600 Schüler haben eine Behinderung.

Ein Besuch auf dem Pausenhof der Grundschule reicht, um zu sehen, wie gut alle miteinander auskommen: Zwei blinde Kinder werden liebevoll von ihren Patenschülern betreut, Kinder im Rollstuhl oder mit Gehhilfen von anderen Kindern umringt und in deren Spiele einbezogen. Schulleiterin Rita Schaffrinna sagt, dass der Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft an ihrer Schule in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sei. „In den neuen Klassen liegt er bei 40 Prozent.“ Doch das sei kein Thema und halte bildungsbewusste Eltern nicht davon ab, sich an der Fläming-Schule anzumelden. Die Nachfrage übersteige seit Jahren das Angebot, sagt die Schulleiterin.

Entsprechende Ausstattung und qualifiziertes Personal

Schaffrinna betont, dass die positive Haltung der Lehrer gegenüber der Integration eine große Rolle spielt. „Voraussetzung für das Gelingen unseres Modells ist aber eine verlässliche Ausstattung der Schule mit ausreichend gut qualifiziertem Personal“, fügt sie hinzu. Auch brauche die Schule genügend Unterrichtsräume, um Klassen bei Bedarf in kleinere Gruppen einzuteilen oder Kindern mit Behinderung auch eine Einzeltherapie zu ermöglichen. Überdies seien ausreichend viele Lehrer mit Spezialwissen wichtig.

„Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann das gemeinsame Lernen aller Kinder funktionieren“, sagt Schaffrinna. Mutlu gibt ihr Recht. „Die Senatsbildungsverwaltung betont zwar, dass mehr als 1200 Lehrer eingestellt worden sind. Angesichts der Pensionierungswelle, die auf uns zukommt, reicht das aber nicht aus.“ Breits im Laufe dieses Schuljahres werde es die ersten großen Lücken geben, warnt der Abgeordnete.

Hilfe von außen ist nötig

Doch es gibt noch mehr Beispiele in Berlin, wo die Integration von Migranten oder auch behinderten Kindern funktioniert. Beispielsweise in Kreuzberg. In diesem Bezirk ist auch Özcan Mutlu zur Schule gegangen. An der Galilei-Grundschule am südlichen Ende der Friedrichstraße haben mehr als 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Schulleiterin Gerti Sinzinger sagt, dass im Umfeld der Schule kaum noch deutsche Eltern wohnen. „Wir würden uns natürlich auch eine andere Mischung in den Klassen wünschen.“ Doch die Realität sehe anders aus, damit müsse man leben. Die Galilei-Grundschule hat deshalb ein eigenes Konzept entwickelt und setzt dabei vor allem auf Hilfe von außen.

„Wir nutzen jede Unterstützung, die sich uns bietet“, sagt die Schulleiterin. Jede Klasse habe beispielsweise einen Lesepaten. Viele dieser Paten würden die Kinder auch bei Klassenreisen begleiten und da sein, wenn es Probleme gebe. Das Job-Center des Bezirks hat der Schule überdies Unterrichtsbegleiter zur Seite gestellt. Das sind Langzeitarbeitslose mit sozialpädagogischer Ausbildung. 25 Stunden pro Woche werden sie in verschiedenen Klassen eingesetzt. Seit drei Jahren kümmern sich schließlich auch Studenten der Freien Universität um die Kinder. Es gibt Patenschaften zwischen einzelnen Studenten und Schülern. Ein Jahr lang treffen sich die Partner einmal pro Woche, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Demnächst soll ein weiteres Projekt starten. Die Galilei-Schule will mit Menschen aus der Wirtschaft zusammenarbeiten, die ihre Erfahrungen in den Schulalltag einbringen möchten.