Gastbeitrag

Peter-Fechter-Straße ist eine Ehrenpflicht für Berlin

Peter Fechters Tod machte Geschichte. Eine nach ihm benannte Straßen würde ein Zeichen gegen das Vergessen setzen, meint Ernst Elitz.

Foto: DPA

Eine Peter-Fechter-Straße – das ist eine Ehrenpflicht für Berlin. Der Name des jungen Ost-Berliners, der vor 50 Jahren bei seinem Fluchtversuch verblutete, steht für die mindestens 136 Todesopfer an der innerstädtischen Grenze, die das SED-Regime zu verantworten hat. Es ist bedrückend, dass Krenz und Co bis heute den Befehl zu den Todesschüssen an der Mauer leugnen und dass kaum eine der Bluttaten vor deutschen Gerichten gesühnt werden konnte. Nach dem Motto: Befehl ist Befehl!

Eine Straße für Peter Fechter wäre ein Zeichen gegen das Leugnen, das Verdrängen und das Vergessen. Peter Fechters Tod hat sich eingeprägt in das Weltgewissen, weil die Grenztruppen den Schwerverletzten vor den westlichen Kameras verbluten ließen. Weil sie seine verzweifelten Rufe „So helft mir doch! Helft mir doch!“ nicht hören wollten, bis sein Wimmern erstarb. Diese Bilder des Grauens sind Dokumente einer menschenverachtenden Politik. Wenn der Schrecken der Mauer sich fernab von Berlin bei den verantwortlichen Politikern und den Bürgern noch nicht in die Seele eingebrannt hatte, dann ist das durch diese Bilder geschehen. Der Tag, an dem Peter Fechter ermordet wurde, war ein tiefer Einschnitt in der Geschichte des Kalten Kriegs. Er hat ein Jahr nach dem Mauerbau die ganze Brutalität des vom Kreml am Leben gehaltenen SED-Regimes enthüllt.

Zeigen, was die Menschen bewegte

Was ist ein Straßenschild? In Berlin sind Straßen nach verdienstvollen Männern und Frauen benannt, an deren Verdienste sich heute kaum noch jemand erinnert. Das macht sie nicht wertlos. Straßennamen sind wie Seiten in einem Geschichtsbuch. Sie zeigen, was den Menschen in ihrer Zeit wichtig war. Sie stehen für Leistungen, die über den Tag hinausweisen. Deshalb sind Straßennamen mehr als nur Orientierungspunkte im Stadtplan-Gewirr. Ein Straßenname für Peter Fechter kann der Nachwelt vor Auge führen, was die Berliner zu Zeiten der Mauer zutiefst bewegte. Woran sie die Nachwelt erinnern wollen. Was ihnen wichtig ist. Er regt dazu an, sich auch in künftigen Zeiten ein Bild von diesem Menschen zu machen.

Peter Fechter war ein einfacher Mann, ihn schmückte weder Doktortitel noch Ministeramt. Er saß an keinem Verhandlungstisch, es gibt keinen Text über ihn, der in einem Schulbuch steht. Er war ein Berliner, der die Freiheit liebte und der für diese Freiheitssehnsucht sein Leben gab. Mit dieser Sehnsucht war er nicht allein. Die meisten Bürger im Ostteil der Stadt sehnten sich nach einem Weg über die Sektorengrenze hinaus, nach einem Leben, in dem ihnen kein SED-Funktionär vorschrieb: Bis hierher und nicht weiter! Die Erinnerung an diesen Freiheitswunsch der Berliner sollte den Stadtoberen wichtig sein. Sonst hätten sie nichts von dieser Stadt verstanden. Peter Fechters Schicksal sagt viel über die Geschichte Berlins, über das Freiheitsgefühl seiner Bürger.

Fechters Tod hat den Lauf der Geschichte bewegt. Die Demonstrationen der West-Berliner nach seinem Tod waren ein Aufschrei der Hilflosigkeit. In Ost-Berlin herrschte die kalte Wut. Proteste bei Ulbricht und im Kreml konnten nicht helfen. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt erkannte, dass es größerer politischer Initiativen bedurfte, um die Unmenschlichkeit dieser Grenze zu überwinden. In diesen Zeiten des Kalten Krieges war in den Hauptstädten des Westens die Angst vor kriegerischen Konflikten so groß, dass die Regierungschefs fürchteten, schon ein Schritt über die Grenze könnte den Weltkrieg auslösen. Deshalb musste Peter Fechter verbluten. In diesen Tage reifte bei Brandt und Vertrauten der Plan, auf langem Verhandlungsweg mit dem Osten die Lage in Berlin und in Europa zu entschärfen: Wandel durch Annäherung.

So verknüpfte sich das Opfer des Flüchtlings Peter Fechter mit der Weltpolitik. Daran öffentlich zu erinnern ist eine historische Pflicht. Doch Berlin tut sich schwer mit solchen Erinnerungen. Hier versagt die Stadtpolitik. Die Bevölkerung ist in einem rapiden demografischen Wandel. In nicht allzu ferner Zeit wird jeder zweite Berliner migrantische Wurzeln haben, und die historische Bedeutung der Stadt in der Nachkriegs- und in der Mauerzeit wird seiner Familiengeschichte fremd sein. Aber diese Geschichtskapitel gehören zum Kern der Berliner Identität. Wenn daran kein eigenes Erleben und keine Familienerzählung erinnern können, ist es Aufgabe der Regierenden, diese Erinnerungen wachzuhalten – nicht nur im Schulunterricht, auch im Stadtbild. Die Verwahrlosung des Checkpoints Charlie, die Hilflosigkeit bei der Zukunftsplanung für den Flughafen Tempelhof sind Zeichen einer politischen Gleichgültigkeit, die in Geschichtsvergessenheit münden kann.

Chance, Geschichte neu zu sehen

Eine Straße für Peter Fechter! Sie wäre eine Entscheidung gegen die Gleichgültigkeit. Sie wäre ein Bekenntnis, das an die Stelle von Geschichtsvergessenheit Geschichtsbewusstsein tritt. Und dass der Senat und die Bezirke im Klein-Klein ihrer Alltagsverwaltung die Geschichte dieser Stadt, die immer auch ein entscheidender Teil der Weltpolitik war, nicht aus dem Auge verlieren. Sie vielleicht sogar neu entdecken.

Der Autor

Der 1941 in Berlin geborene Ernst Elitz ist Gründungsintendant des Deutschlandradios und Mitglied im Kuratorium der Stiftung Zukunft Berlin. Seit 2005 ist er Honorarprofessor der Freien Universität Berlin, Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Um die Erinnerung an ihn aufrecht zu erhalten, fordern Politiker nun, eine Straße nach Peter Fechter zu benennen. Was meinen Sie? Schreiben Sie an die Berliner Morgenpost, Lokalredaktion, Stichwort „Peter Fechter“, Axel-Springer-Str. 65, 10888 Berlin oder an: aktionen@morgenpost.de