Maueropfer

Vorschlag zur Peter-Fechter-Straße erfährt breite Zustimmung

Schon in der Vergangenheit gab es Anläufe, eine Straße nach dem bekanntesten Maueropfer zu benennen. Nun wagt die CDU einen neuen Vorstoß.

Foto: DPA

Sein Tod führte der ganzen Welt die Grausamkeit des DDR-Grenzregimes vor Augen: Am 17. August 1962 wurde Peter Fechter beim Versuch, die Mauer an der Zimmerstraße in Mitte zu überklettern, erschossen. 50 Jahre später fordert eine breite Allianz von Historikern, Bürgerrechtlern, Politikern, Filmschaffenden und Autoren, Peter Fechter endlich auch mit einer Straße, die seinen Namen trägt, zu ehren.

Angestoßen hat die Diskussion um eine dauerhafte Würdigung Peter Fechters der CDU-Generalsekretär Kai Wegner. Wegner hatte in der Berliner Morgenpost vorgeschlagen, eine Straße in Berlin nach dem 18-jährigen Bauarbeiter zu benennen, der im Todesstreifen verblutete, weil weder die DDR-Grenzer noch die am Checkpoint Charlie diensthabenden US-amerikanischen Soldaten ihm zu Hilfe kamen. Sein qualvoller Todeskampf wurde in zahlreichen Fotos und sogar Filmen dokumentiert.„Eine Straße nach Peter Fechter zu benennen, finde ich überfällig – am besten jene, in der er erschossen wurde!“, fordert nun auch Freya Klier. Die Regisseurin und Autorin, die 1968 selbst einen erfolglosen Fluchtversuch aus der DDR wagte, wurde damals zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt, jedoch vorzeitig entlassen. An der Zimmerstraße, dieser damaligen Nahtstelle zwischen Staatsterror und Freiheit, sollte unter seinem Namensschild kurz beschrieben werden, was dort passiert ist, schlägt sie vor. „So etwas ist nachhaltiger als ein jährlich einmaliges Gedenken.“

Ähnlich sieht es Klaus Schroeder, TU-Professor und Chef des Forschungsverbundes SED-Staat. Doch er sei skeptisch, ob Berlin sich zu einem solchen Schritt durchringen könne. „Die Stadt tut sich ja bekanntlich schwer, diejenigen zu ehren, die Opfer der DDR-Diktatur waren oder aktiv gegen diese kämpften“, sagt Schroeder. „Optimal wäre natürlich, dass die Straße Peter Fechters Namen trägt, an der er gestorben ist“, so der Wissenschaftler. Sinnvoll wäre aber auch eine Straße im Zentrum nach ihm zu benennen, die über den ehemaligen Mauerstreifen hinweg Ost und West verbindet.

Vergebliche Anläufe

In der Vergangenheit hatte es schon in verschiedenen Bezirken vergebliche Anläufe gegeben, eine Straße nach Peter Fechter zu benennen. So hatte bereits am 11. Oktober 1995 der Kulturausschuss Hohenschönhausen der Bezirksverordnetenversammlung empfohlen, „Möglichkeiten zu finden“, Peter Fechters zu gedenken: „Dafür wäre unseres Ermessens eine Straßenbenennung, eine Namensverleihung für eine Schule oder einen Jugendclub angemessen.“ In der Begründung zu der Beschlussempfehlung hieß es: „Peter Fechter verbrachte seine Kindheit und Jugend bis zu seinem Tode im jetzigen Hohenschönhausen. Sein Schicksal wurde aufgrund der bestialischen Ermordung weltweit bekannt.“ Dem Bezirk Hohenschönhausen, so die damalige Kulturausschussvorsitzende Gabriela Scholz, „sollte es Verpflichtung sein Peter Fechter würdevoll zu ehren“. Dieser Beschlussempfehlung allerdings folgte nichts – seit fast 17 Jahren.

Volker Hassemer, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Zukunft Berlin und früherer Stadtentwicklungssenator von Berlin, räumt ein, dass Berlin in den vergangenen zwei Jahrzehnten schwer damit tat, an seine jüngste Vergangenheit zu erinnern. „Wir neigen dazu, die Zeit vor 1989 unter ,es ist vorbei' in die Schublade zu legen.“ Eine Straße nach Peter Fechter zu benennen, sei einer der notwendigen Schritte, um das in Erinnerung zu halten, was in einer dramatischen Phase dem heutigen Berlin vorausging.

Auch nach Überzeugung des Historikers und Publizisten Michael Wolffsohn „wird es höchste Zeit“, eine Straße nach den Maueropfern zu benennen: „Sie haben es verdient, und wir können dankbar sagen: Gott sei Dank gibt es nicht mehr den Unrechtsstaat DDR.“

Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, will die zentrale Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Mauerbaus vor 51 Jahren am kommenden Montag, dafür nutzen, „um auf den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit zuzugehen und ihn um seine Unterstützung für eine Fechter-Straße zu bitten“. Am 13. August 1961 wurde auf Geheiß der DDR-Obrigkeit die Sektorengrenze abgeriegelt, um den anhaltenden Flüchtlingsstrom nach West-Berlin zu stoppen. An der Berliner Mauer starben mindestens 136 Menschen. Zwar sei Fechter nicht der erste Tote an der Berliner Mauer gewesen, doch da sein langsames Sterben von zahlreichen Bildzeugnissen dokumentiert sei, personifiziere er in besonderer Weise die Schrecken der Berliner Mauer, so Klausmeier weiter.

Straßenname als Denkanstoß

Die Leiterin des Mauermuseums am Checkpoint Charlie, Alexandra Hildebrandt formuliert die Hoffnung, dass mit einer Straßenbenennung im 23. Jahr nach dem Fall der Mauer ei wichtiger Schritt getan werden kann, um das Gedenken auch langfristig zu sichern. „Die Generation, die das damals erlebt hat, wird gehen, und es muss alles getan werden, um die Erinnerung für die Nachwachsenden wachzuhalten“, sagt Hildebrandt.

Berlins Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, plädiert ebenfalls für sichtbare Hinweise auf Fechter im Stadtbild. „Erinnern und Gedenken geht nicht im luftleeren Raum“, so Woelki. Es brauche konkrete Orte und Personen. „Die Opfer der Berliner Mauer dürfen wir nie vergessen, eine Straße, die nach Peter Fechter benannt ist, könnte uns dabei helfen.“

Dass es in anderen Städten Fechter-Straßen, Plätze oder Ufer gibt, nur nicht in Berlin, hält die Berliner Schauspielerin Katrin Sass für nicht akzeptabel. Sass ist Hauptdarstellerin in der preisgekrönten Serie „Weißensee“ über die späte DDR. Die zweite Staffel ist abgedreht und wird 2012/13 zu sehen sein. „Ich finde es beschämend, dass kleine Städte und Gemeinden in Westdeutschland eine Peter-Fechter-Straße haben, nicht aber die Hauptstadt. Das kann doch nur ein Irrtum sein!“, sagt Sass.

„Warum nicht die Zimmerstraße in Peter-Fechter-Straße umbenennen? Ein Straßenname ist ein guter Denkanstoß, auch für die nächsten Generationen, sich mit dieser Geschichte an dem Ort zu beschäftigen“, findet Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. „Dass es 50 Jahre gedauert hat, bis wir an eine Straßenumbenennung denken, ist schon erstaunlich, aber es zeigt, wie schnell der Alltag wichtige Anliegen verdrängt“, so Jahn weiter. Und sollte das an der Zimmerstraße nicht möglich sein, regt die ehemalige CDU-Bundestagabgeordnete und Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld an, „den Ernst-Thälmann-Park endlich umzubenennen – am besten in Peter-Fechter-Park.“

Mitarbeit che/fü/sfk