DDR-Grenzen

Genaue Zahl der Opfer an Todesstreifen bleibt offen

Wie viele Grenztote es gab, bleibt offen. Das Berliner Mauermuseum kommt auf 1676 Opfer – allerdings aufgrund zu weit gefasster Kriterien.

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Jedes Jahres kurz vor dem 13. August veröffentlicht das private Mauermuseum „Haus am Checkpoint Charlie“ eine neue Zahl von „Todesopfern des Grenzregimes der DDR“ – und jedes Jahr wird diese Zahl größer.

Jetzt hat Alexandra Hildebrandt, die Leiterin des von der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ betriebenen Museums, als Ergebnis neuester Forschung die Zahl von 1676 Todesopfern an der Berliner Mauer, der innerdeutschen Grenze und anderen Grenzen des Ostblocks zu westlichen oder neutralen Staaten von 1945 bis 1989 bekannt gegeben. Im vergangenen Jahr hatte die Zahl noch 1613 betragen.

Allerdings zweifeln Fachleute an diesen Zahlen. Sie kritisieren die viel zu weit gefassten Kriterien, nach denen das Mauermuseum sie erfasst. So enthält die Liste namentlich nicht bekannte Todesfälle, zu denen wenig oder nichts Verlässliches recherchiert werden konnte.

Außerdem zählen Hildebrandt und ihre Mitarbeiter solche Tote zu den Opfern des Grenzregimes, deren Sterben wenig bis nichts mit dem eigentlichen Todesstreifen zu tun haben. So finden sich auf der Liste DDR-Grenzposten, die Selbstmord begangenen haben. Ob dabei ein Zusammenhang mit dem Grenzdienst besteht, ist offen. Das Gleiche gilt für Opfer von Schusswaffenunfällen innerhalb der DDR-Grenztruppen.

Ebenfalls zu den Opfern des Grenzregimes rechnet das Mauermuseum alliierte Piloten und Mannschaftsmitglieder von „Rosinenbombern“ während der Berliner Luftbrücke. Sie sind zwar ohne Zweifel Opfer des Kalten Krieges, nicht aber des Grenzregimes der DDR. Zu den bekanntesten Namen auf Hildebrandts Liste gehört Walter Linse, der vor 60 Jahren von Kriminellen im Auftrag der Stasi in West-Berlin entführt und Ende 1953 in Moskau hingerichtet wurde. Auch von der Stasi gewaltsam in die DDR zurückgeholte und hier ermordete Überläufer werden zu den Grenztoten gerechnet.

Vernünftig gezählt sind es weniger

Würden nur Todesfälle im Grenzgebiet im Zusammenhang mit einer versuchten, geplanten oder vermuteten Flucht zählen, kommt man für die Jahre 1961 bis 1989 und nur für die Berliner Mauer auf eine Zahl von bestätigten 136 Todesopfern. Darin bereits eingeschlossen sind die acht DDR-Grenzsoldaten, die im Zusammenhang mit Fluchtversuchen ums Leben kamen.

Diese Zahl ermittelte eine Forschergruppe der Stiftung Berliner Mauer und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam im Jahr 2009. Weitere 16 Todesfälle waren nicht aufzuklären.

Für die Zahl der Opfer an der innerdeutschen Grenze und an den sonstigen Außengrenzen des Warschauer Paktes zu westlichen oder neutralen Staaten gibt es bisher keine entsprechende Untersuchung.

Am Freitag jedoch will Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in der Stiftung Berliner Mauer ein neues Forschungsprojekt vorstellen, das diese Lücke schließen soll. Beauftragt mit der vom Bund, Hessen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen finanzierten Arbeit ist der Historiker und DDR-Experte Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität.

Grundlage der Arbeit werde unter anderem die Durchsicht sämtlicher erhaltener Berichte der DDR-Grenztruppen sowie der Stasi-Akten sein, jedoch sollen noch weitere Unterlagen hinzukommen.

In jedem Fall aber bleibt die Zahl der Maueropfer stets abhängig von der Definition. So sind Maria Nooke, Hans-Hermann Hertle und ihr Team bei der Studie über die Opfer der Berliner Mauer neben den 136 Opfern auf weitere mindestens 251 Todesfälle gestoßen, die mittelbar mit dem Grenzregiment in Zusammenhang stehen. Es handelte sich um überwiegend ältere Menschen, die vor, während oder nach den scharfen Kontrollen meist im Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße an Herzinfarkten oder Schlaganfällen gestorben sind.

Da es sich im medizinischen Sinne um natürliche Todesfälle ohne Gewalteinwirkung handelte, zählen diese Toten nicht zu den Opfern der Mauer, auch nicht auf der Liste von Alexandra Hildebrandt. Jedoch wären sie nicht ums Leben gekommen, wenn die SED ihr mörderisches Grenzregiment nicht errichtet hätte. Allein dieses Beispiel zeigt, dass jede exakte Zahl der Opfer der innerdeutschen Grenze nur eine Annäherung sein kann.