Haselhorster Damm

Berliner Polizisten retten Zehnjährigen aus Kanal

Sascha Lindemann und sein Kollege waren im Routineeinsatz. Bis sie die Hilferufe eines Jungen hörten – und zu Lebensrettern wurden.

Foto: Steffen Pletl

Es sollte ein Routineeinsatz werden. Als Polizeiobermeister Sascha Lindemann am Mittwochmorgen nach Berlin-Haselhorst im Bezirk Spandau aufbricht, deutet nichts darauf hin, dass es ein besonderer Arbeitstag für ihn werden wird. Er sollte doch nur Kollegen am Haselhorster Damm bei der Tempokontrolle von Autofahrern helfen, als Messposten, mehr nicht. Dass er an diesem Sommertag einem kleinen Jungen aus der Nachbarschaft das Leben rettet, das konnte der 28-jährige Familienvater zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

Eine gute Stunde bedienen Sascha Lindemann und sein Kollege, Polizeikommissar Marcus Müller, das Lasermessgerät. Plötzlich, gegen 10.45 Uhr, hören sie die Schreie eines Kindes. Immer lauter werden sie, immer verzweifelter tönen sie vom Alten Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal hinüber. „Marcus, da stimmt irgendwas nicht, wir müssen helfen“, ruft Sascha Lindemann seinem fünf Jahre älteren Kollegen zu. Die beiden Beamten lassen ihr Lasermessgerät stehen, rennen die dicht mit Büschen bewachsene Böschung zum Kanal herunter, ohne etwas zu sehen, die Schreie zuordnen zu können. Als sie den Steg erreichen, sehen sie, dass sich ein völlig verängstigter Junge an einen Eisenpfahl klammert, im Wasser treibt. Und um Hilfe schreit. Sie haben ihn.

Schwere Schuhe zogen ihn runter

Der zehnjährige Kevin*, den die beiden Polizisten erblickten, drohte zu Ertrinken. Am Mittwoch hatte der Einsatz der beiden Beamten für Aufmerksamkeit gesorgt – als sie vom Messposten zum Lebensretter wurden. Kevin war mit seiner Angel auf den eisernen Steg einer Bootsanlegestelle gegangen, um zu fischen. Der Steg hat zwar ein mit einem Riegel gesichertes Tor, das an diesem Tag jedoch nicht verschlossen war. „Der Junge konnte zwar schwimmen, doch mit Schuhen an den Füßen und der schweren, durchnässten Kleidung war es ihm nicht gelungen, das Ufer zu erreichen“, schilderte Sascha Lindemann am Donnerstag die Situation.

Der Vater eines drei Jahre alten Jungen und einer drei Monate alten Tochter legte sich mit dem Bauch auf den eisernen Steg und versuchte, die Hand des Jungen zu ergreifen, der etwa einen Meter unterhalb den Pfahl umklammerte. Marcus Müller sicherte dabei seinen Kollegen, der Kevin schließlich auf den Bootssteg zurückziehen konnte. Inzwischen war auch eine Erzieherin einer nahe gelegenen Kindertagessstätte zu dem Bootssteg geeilt, um zu helfen. Sie hatte ebenfalls die Hilferufe vernommen und war kurzerhand über den Grundstückszaun geklettert, die Böschung zum Uferweg herunter gerannt. Eingreifen musste die Frau jedoch nicht mehr. Dank der beiden Polizisten. Nach Informationen von Morgenpost Online hatte der Junge seine Angel erst einen Tag zuvor von einem Mann geschenkt bekommen, der den Bootsanleger selbst häufiger zum Fischen benutzt. Und obwohl der Zehnjährige über seine Rettung erleichtert schien, habe es nicht lange gedauert, bis er den Verlust seiner Angel lauthals beklagte. Doch auch hier halfen die Polizisten. Während sich Marcus Müller um Kevin kümmerte und den Jungen beruhigte, holte sich Sascha Lindemann vom Uferweg einen langen Zweig. Damit bugsierte er die verlorene Angel ans Ufer.

Nass, aber mit seiner Angel fuhren Sascha Lindemann und Marcus Müller den Jungen anschließend zur Wohnung seiner Eltern. Irgendwie habe er nicht richtig aufgepasst, weil er mit der Angel so beschäftigt gewesen sei, habe Kevin ihnen erzählt, sagt Sascha Lindemann. So habe er am Stegende plötzlich das Gleichgewicht verloren und sei ins Wasser gefallen.

Glückliche und dankbare Eltern

Das konnte er Zuhause gleich noch mal erzählen. Aber erst mal war Kevins Mutter einfach nur glücklich, ihren „Nachwuchsangler“ nass, aber körperlich unversehrt in die Arme schließen zu können.

* Name geändert