Prozessionsspinner

Berliner Senat sagt gefährlichen Raupen den Kampf an

Die Härchen der Prozessionsspinner verursachen Gesundheitsschäden. Der Senat will sich nun für das Frühjahr 2013 gegen die Schädlinge rüsten

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Die meisten ihrer Patienten hätten keine Ahnung, woher sie diese schrecklich juckende Hautreizung bekommen haben, sagt Elisabeth Rowe. Diese roten Quaddeln an den Armen und Waden, am Dekolleté, manchmal auch am Bauch. In den letzten Wochen seien an manchen Tagen zehn, manchmal fünfzehn Patienten am Tag mit den gleichen Symptomen in ihre Praxis gekommen, sagt die Hautärztin aus Berlin-Nikolassee. „Die Leute erzählten dann, dass sie eine Radtour gemacht haben oder den Rasen gemäht oder dass sie auf dem Friedhof waren“, sagt Rowe. „Nur konnte sich niemand erklären, wie er dabei diesen Ausschlag bekommen hat.“ Doch die Ärztin kann ihre Patienten aufklären: Es waren die Gifthaare der Eichenprozessionsspinner.

Die Raupen der Schmetterlingsart befallen Eichen und spinnen dort auch ihre Nester. Ihre Härchen enthalten das Nesselgift Thaumetopoein. Bei Hautkontakt oder beim Einatmen kann es verschiedene Beschwerden auslösen: akute Nesselsucht, Hautentzündungen oder juckende Knötchen auf der Haut. In den Augen können die Haare Bindehautentzündung verursachen, in den Atemwegen Schwellungen, Husten oder Atemnot. Der Befall in Berlin hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen, sodass niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser immer mehr Menschen behandeln müssen, die mit den Haaren in Kontakt kamen.

Viel mehr Patienten

Gerade der Westen Berlins entlang der Havel ist von einer besonders starken Plage betroffen. Aber auch in den Innenstadtbezirken haben immer mehr Berliner mit von den Raupenhaaren ausgelösten Beschwerden zu tun. „Wir haben in diesem Jahr deutlich mehr Patienten mit den Symptomen“, sagt Kim-Christian Heronimus, Stationsarzt in der Hautklinik im Vivantes-Klinikum im Friedrichshain. „Im letzten Jahr kann ich mich an keinen einzigen Fall bei uns erinnern“, sagt Heronimus. Behandelt würden die Symptome mit desinfizierenden Cremes; Tabletten sollen zusätzlich den Juckreiz stillen.

„Bis die Reizungen abgeklungen sind, kann es eine Woche dauern“, sagt Heronimus. Aber der Juckreiz lasse nach der richtigen Behandlung meist schon nach ein paar Stunden nach. Zu Hause könnten auch Umschläge lindern helfen, rät der Dermatologe, etwa mit schwarzem Tee.

Die Experten raten dazu, die Symptome ärztlich behandeln zu lassen. Allein schon um die richtige Diagnose sicherzustellen – Facharzt Heronimus weiß auch von einem Fall zu berichten, bei dem sich die vermeintliche Reizung durch Raupenhaare als akute Gürtelrose entpuppte. Beschwerden wie akute Atemnot, die eine Behandlung in der Notaufnahme nötig machten, seien aber selten, sagt Heronimus. Schnelles Handeln sei auch geboten, wenn Härchen ins Auge geraten. „Auswaschen oder gar mit dem Finger entfernen funktioniert nicht“, sagt der Arzt.

Vor allem im Mai und Juni kriechen die Raupen über Blätter und Baumstämme, jetzt sind sie bereits verpuppt. Doch das Problem mit ihren Härchen lasse dadurch nicht nach, sagt Barbara Jäckel vom Berliner Pflanzenschutzamt. „Die Haare bleiben in den Nestern hängen und verlieren ihre giftigen Eigenschaften nicht“, sagt Jäckel. Bis zu acht Jahre lang könnten sie Beschwerden beim Menschen auslösen. Und da die Eichenprozessionsspinner seit 2004 in Berlin vorkämen, potenziere sich das Problem mit ihren Brennhärchen von Jahr zu Jahr, so Jäckel.

Population steuert Höhepunkt an

Die Gartenbauingenieurin Jäckel erklärt, der Nachtfalter, der sonst in Südeuropa verbreitet ist, sei mit den gestiegenen Temperaturen nach Deutschland gekommen. Zudem habe Berlin im Durchschnitt 13 Prozent Eichen als Straßenbäume. „In den besonders betroffenen Gebieten sind es 20 Prozent“, sagt Jäckel. Die Population steuere in Berlin gerade auf einen Höhepunkt zu, sagt die Fachfrau, deren Spezialgebiet Phytomedizin ist, also Krankheitsbefall und Schädigungen an Pflanzen. „Irgendwann wird es einen Einbruch in der Population geben, denn es entwickeln sich Gegenspieler.“ Dazu gehörten Parasiten, Krankheiten oder Fressfeinde wie die Schlupfwespe. Der bisher feuchte Sommer könne diese Entwicklung beschleunigen, sagt Jäckel. „Bei dem feuchten Sommerwetter können sich Pilze und Bakterien in den Nestern der verpuppten Raupen gut entwickeln.“ Bis zu „pizzatellergroß“ seien die Nester, sagt Jäckel. Selbst beseitigen sollte man sie jedoch nicht.

In den kommenden Wochen beginnt der Flug der Eichenprozessionsspinner – dann schlüpfen die Nachtfalter aus den Nestern. Das Pflanzenschutzamt hat deshalb zusammen mit den Berliner Forsten Pheromonfallen in der Stadt verteilt. Damit soll die Verbreitung der Falter beobachtet werden – auch um sie besser bekämpfen zu können.

Der Senat hat sich jetzt darauf verständigt, ab Herbst eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Gesundheitsverwaltung tagen zu lassen, um Maßnahmen für die effektive Bekämpfung der Raupen im nächsten Frühjahr zu beschließen. „Rechtzeitig vor dem nächsten Schlüpfen der Raupen soll ein einheitliches Vorgehen in Berlin festgelegt werden“, sagt Franciska Obermeyer, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung. Der großflächige Einsatz von Bioziden, also Spritzmitteln, die natürliche Krankheitserreger der Raupen enthalten, sei dann sehr wahrscheinlich. Denn die Bekämpfung der noch jungen Raupe damit sei auch um ein Vielfaches günstiger. Einen Baum einzusprühen koste etwa 30 Euro, die mechanische Entfernung 300 Euro pro Baum – das wurde zuletzt ein echtes Kostenproblem für die Bezirke.

Weitere Informationen im Internet: berlin.de/sen/gessoz/ oder beim Europäischen Allergiezentrum ecarf.org