Schädlinge

Giftiger Prozessionsspinner breitet sich in Berlin aus

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Christine Eichelmann

Foto: Christian Hahn

Gefahr aus den Eichen: Wegen der giftigen Insekten warnen Behörden vor Waldausflügen. Doch die Raupe nistet auch in immer mehr Gärten.

Wäre sie nicht so ärgerlich, Julia Milhahn könnte wohl darüber lachen. „Dieser Wald soll in besonderem Maße den Belangen der Erholung dienen“, steht auf einem Schild am Abzweig von der Straße Am Postfenn in den Grunewald. Darunter zeigt derzeit eine Tafel mit rotem Warndreieck den Befall durch Eichenprozessionsspinner an: „Meiden Sie deshalb nach Möglichkeit dieses Waldgebiet beziehungsweise verlassen Sie die Wege nicht.“

Was Julia Milhahn erzürnt, ist weniger, dass sie ihren Riesenschnauzer jetzt nur noch bedingt hier ausführen kann. Viel schwerer wiegt, dass die Gefahr durch die allergenen Raupen des gleichnamigen Nachtfalters am Waldrand nicht Halt macht.

Auch auf ihrem Grundstück, zehn Gehminuten entfernt an der Heerstraße, kann sich Familie Milhahn kaum unbesorgt bewegen. „Schauen Sie da oben, da sieht man das erste Nest“, sagt Julia Milhahn und zeigt in eine Baumkrone. Auch in einer zweiten Eiche ist der Befall sichtbar. Dass es dabei nicht bleibt, wissen Milhahns aus Erfahrung: „Das geht von einem Tag auf den anderen, dann hängen die Gespinste überall“, sagt die 36 Jahre alte Geschäftsfrau. Vier waren es im ersten Jahr, neun im zweiten, 2011 zählten sie 21.

Prozession an der Hauswand

Für die Entfernung muss ein Schädlingsbekämpfer in die Bäume, der die Nester absaugt oder abflammt. „Das kostet 400 bis 500 Euro und hilft nur für diese Saison“, sagt Julia Milhahn. Denn die Population des seit 2004 in Berlin auffälligen Insekts „zeigt eine jährlich steigende Tendenz“, weiß man in der Senatsgesundheitsverwaltung. Diese ist wegen der Reaktionen, die die Brennhärchen der Tiere auslösen, für den unerwünschten Migranten zuständig. In den Bezirken sind es die Gesundheits- und Umweltämter.

Mit all diesen Behörden hat Julia Milhahn telefoniert, auch mit dem Landespflanzenschutzamt und den Berliner Forsten. Ihr Anliegen: Berlin dürfe dem Ungeziefer nicht nur mit Hinweisen im Wald begegnen. Und mit ihrem Wunsch nach einer konzertierten Bekämpfung des Getiers in Stadt und Forst steht sie nicht allein. „Letztes Jahr sind die Raupen an unserer Hauswand heruntergelaufen“, erzählt Nachbarin Manuela Taylor und schüttelt sich.

Anders als Familie Milhahn, wo es meist bei juckenden Hautpusteln oder erkältungsähnlichen Beschwerden bleibt, sind die Taylors gesundheitlich ernsthaft beeinträchtigt. „Mein Mann ist Asthmatiker, bei meiner Tochter reagieren Haut und Lungen“, erzählt die 53-Jährige. Sie selbst leidet unter Raupendermatitis.

Besonders betroffen vom Eichenprozessionsspinner sind die westlichen und südwestlichen Bezirke. In Spandau wurde erstmals ein Spielplatz gesperrt. Auch Schulhöfe sind befallen. Mit der Entfernung werden Fachfirmen betraut. Das Spritzen von Giften ist nur im frühen Larvenstadium im Mai sinnvoll. „In allen Bezirken wird jeweils vor Ort entschieden, welche Maßnahme passt“, sagt der Sprecher der Spandauer Umweltverwaltung, Patrick Sellerie.

In Charlottenburg-Wilmersdorf „wissen die Ämter, dass sie sofort handeln sollen“, sagt Stadtentwicklungsstadtrat Marc Schulte (SPD). Weder Sport- und Spielplätze noch Parks hätten deshalb bisher gesperrt werden müssen, weil die Raupen rechtzeitig entfernt wurden. Bis zu 30.000 Euro kostet das dann pro Saison.

Nicht immer aber ist die Zuständigkeit klar. „Schulen, Kitas, Bäderbetriebe, Freizeit- und Sporteinrichtungen, Grünflächenämter, Berliner Forsten u. v. a. entscheiden über die durchzuführenden Maßnahmen selbstständig“, erklärt die Senatsverwaltung auf Anfrage schriftlich.

In Zehlendorf wurde das Wirrwarr offenbar: Weil sich das „Zentrum am Kleeblatt“ mit Kita und Hort sowie der Bezirk nicht einig waren, wer die Schädlingsbeseitigung bezahlen müsse, konnten sich die Raupen zunächst vermehren. Denn wo nicht nur Nester beseitigt, sondern auch der Boden von Brennhaaren gereinigt werden muss, kommen bis zu 1000 Euro pro Baum zusammen. Inzwischen ist der Konflikt beigelegt. „Die Diskussion, wie Berlin mit dem Thema umgeht, ist aber nicht beendet“, sagt Gesundheitsstadträtin Christa Markl-Vieto (Grüne).

Als besonders betroffener Bezirk – 70.000 Euro kostete die Plage 2011 – fühlt sich Steglitz-Zehlendorf allein gelassen. „Der Senat muss begreifen, dass das ein berlinweites Problem ist“, sagt Markl-Vieto. Immerhin wird im Tiergarten, in Tegel und Köpenick ebenfalls Befall gemeldet.

Auch die Berliner Forsten seien gefragt, so Markl-Vieto: „Ohne die kriegen wir das nicht in den Griff“. Eine wirkliche Lösung hat gleichwohl niemand. In Brandenburg wurden im Mai fast 800 Hektar unzugängliche Waldgebiete per Hubschrauber bespritzt. Auf stark genutzten Flächen aber ist das nicht zulässig. „Kein Berliner Wald wäre ins Brandenburger Raster gefallen“, verteidigt Marc Franusch, Sprecher der Berliner Forsten, die Weigerung, in der Hauptstadt großflächig zu sprühen. Hier beruft man sich außerdem darauf, dass ökologisch geforstet wird. Außerdem sind große Flächen Trinkwasserschutzgebiet gefährdet. Bekämpfung per Hand sei bei Tausenden Nestern ebenfalls unmöglich.

Ausnahmen vom Öko-Zertifikat in den Forsten „zum Schutz eines höherwertigen Gutes“ hält allerdings auch Franusch für denkbar: „Dafür müsste aber die Gesundheitsverwaltung den Startschuss geben.“ „Im Berliner Stadtgebiet steht im Fall des Eichenprozessionsspinner aus unserer Sicht der Gesundheitsschutz im Vordergrund“, bekennt ganz passend Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU).

Auf Konsequenzen, die ihnen helfen, warten Milhahns aber noch vergeblich. Sie haben erst einmal ihren Urlaub auf den Ferienanfang gelegt. Kindergeburtstage feiern sie anderswo. Das Trampolin von Kester (6) und Emilie (10) unter den Eichen bleibt vorerst verwaist. Den Garten sperren aber gehe nicht, sagt Julia Milhahn: „Schließlich leben wir hier.“