Berliner Nahverkehr

Fahrgäste sollen trotz S-Bahn-Krise mehr bezahlen

Schon das vierte Jahr in Folge steckt die Berliner S-Bahn in der Krise. Trotzdem steigen die Ticketpreise durchschnittlich um 2,8 Prozent.

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Jens Wieseke, Sprecher des Berliner Fahrgastverbandes Igeb, kann nach mehr als drei Jahren S-Bahn-Krise immerhin noch Positives sehen. Obwohl auch im Juni noch viele Züge unpünktlich fuhren oder komplett ausfielen, könnte die Lage nämlich noch viel schlimmer sein. Denn eigentlich sollte die S-Bahn seit dem 3. Juni bereits im 10-Minuten-Takt den neuen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld anfahren. Mit diesen zusätzlichen Fahrten würde sich der Fahrer- und Fahrzeugmangel noch verschärfen, sagt Wieseke. Doch auch ohne den Flughafenbetrieb ist die S-Bahn im Krisenjahr Nummer vier noch weit von der Normalität entfernt, wie aktuelle Zahlen des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg belegen.

Zwar stiegen die Werte für Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im vergangenen Monat leicht, liegen aber immer noch deutlich unter dem vertraglich vereinbarten Soll. 92,3 Prozent aller Züge fuhren laut VBB im Juni mit weniger als vier Minuten Verspätung, 96 Prozent Pünktlichkeit sind mit den Ländern Berlin und Brandenburg vereinbart. Neben Technikproblemen, Fahrer- und Fahrzeugmangel macht auch der Zustand der Infrastruktur dem Fahrgastverband Sorgen. Häufig sorgen Signal- und Weichenstörungen für Einschränkungen. Verantwortlich dafür ist das Unternehmen DB Netz, wie die S-Bahn eine Tochter der Deutschen Bahn. Wieseke sieht deshalb den Bahnkonzern insgesamt in der Pflicht, endlich für einen stabilen Betrieb zu sorgen.

Zehn Cent mehr fürs Einzelticket

Dass die Fahrgäste für die schlechte Qualität schon in wenigen Tagen mehr Geld bezahlen sollen, ist aus Sicht des Fahrgastverbandes „ein völlig falsches Signal“. Ungeachtet der anhaltenden Probleme bei der S-Bahn steigen die Ticketpreise im Berliner Nahverkehr nämlich zum 1. August um durchschnittlich 2,8 Prozent. Das hatte der Aufsichtsrat des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) im März beschlossen. In Berlin kostet der Einzelfahrschein für die Tarifzone AB ab August 2,40 Euro, zehn Cent mehr als bisher. Die Vier-Fahrten-Karte verteuert sich um 20 Cent auf dann 8,40 Euro. Die Berliner Monatskarte (Tarifbereich AB) kostet dann 77 Euro statt bisher 74 Euro.

Auch die Stammkunden, also die Käufer von Jahreskarten oder Abonnements, müssen mehr bezahlen. Einzig bei den Kurzstreckentarifen in Berlin und Potsdam, dem Sozialticket (Monatskarte S) und zwei speziellen Schüler-Freizeittickets bleiben die Tarife gleich. Als neue Fahrscheinangebote wird es die 10-Uhr-Karte künftig als gleitendes Monatsticket (55,50 Euro statt 53 Euro) und im Abonnement (jährlich 512 Euro für das Berliner Stadtgebiet) geben. Ebenenfalls neu im VBB-Tarif ist eine Monatskarte Fahrrad für den Tarifbereich ABC (12,10 Euro).

Angesichts des nach wie vor eingeschränkten Angebots bei der S-Bahn fordert der Fahrgastverband, die geplanten Erhöhungen auszusetzen. „Für diese schlechte Leistung ist der Fahrgast nicht bereit, Preiserhöhungen zu akzeptieren“, sagt Igeb-Sprecher Wieseke. Der VBB rechtfertigt die erste Preiserhöhung seit Januar 2011 mit gestiegenen Kosten der Verkehrsunternehmen – unter anderem für Energie und Treibstoff. „Mit durchschnittlich 2,8 Prozent liegen wir sogar noch unter der Inflationsquote für 19 Monate“, sagt VBB-Chef Hans-Werner Franz. Weil die Länder ihre Zuschüsse für den Nahverkehr nicht erhöhen, benötigten die Unternehmen „frisches Geld“, so Franz. Ohne die Erhöhung bleibe nur die Alternative, Verkehrsleistungen zu kürzen, also Busse und Bahnen seltener fahren zu lassen oder Linien einzustellen.

Wegen der Lage der S-Bahn auf die Preiserhöhungen zu verzichten, ist auch aus einem anderen Grund für den VBB kaum möglich. Der Verbund koordiniert 40 öffentliche und private Verkehrsunternehmen der Region. Die krisengeplagte S-Bahn ist nur eins davon, wenn auch nach den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) das zweitgrößte. Weil alle Unternehmen im Verbundgebiet an den gemeinsamen Tarif gebunden sind, würden die übrigen folglich für Qualitätsmängel bestraft, die sie gar nicht zu verantworten haben.

Kritik an Senatsplänen

Um die Zukunft der S-Bahn-Mitarbeiter sorgt sich unterdessen die Eisenbahngewerkschaft EVG. Grund ist die vom Senat geplante Teilausschreibung für den Betrieb nach 2017. EVG-Landeschef Klaus Just kritisiert die Landesregierung scharf. „Wir akzeptieren diese Ausschreibung nicht. Sie ist und bleibt der falsche Weg“, so der Gewerkschafter. Der Senat müsse mit dem „erbitterten Widerstand“ der etwa 3200 S-Bahn-Beschäftigten rechnen.

Besonders kritisiert Just, eine Senatsvorlage zur „Sicherstellung der Leistungen des S-Bahn-Verkehrs ab 2017“. In dem Papier erlaube sich die rot-schwarze Landesregierung „grobe Schnitzer“, sagt Just. Anstatt das gesamte Personal einzubeziehen, konzentriere sich die Vorlage an einigen Stellen ausschließlich auf das Fahrpersonal. „Es wird dem Senat nicht gelingen, die S-Bahn-Belegschaft zu spalten. Die Beschäftigten in den Werkstätten gehören genauso zur S-Bahn wie die in den Stellwerken, auf den Bahnsteigen oder in den Fahrzeugen“, so der Berliner EVG-Vorsitzende. Zudem stehe in dem Papier nichts zur künftigen Ausbildungssituation bei der S-Bahn. „Das ist ein Hohn“, sagt Just. „Immerhin gehört die S-Bahn traditionell zu den größten Ausbildungsbetrieben Berlins.“