Pegelstand

Steigendes Grundwasser verursacht Millionenschäden

Berlin hat nicht nur aufgrund des Dauerregens ein Wasserproblem. Im Ostteil der Stadt sind die Pegel um mehrere Meter gestiegen.

Foto: DAPD

Der Dauerregen am Himmel über Berlin hat in den vergangenen Wochen so manchen Keller volllaufen lassen, weil die Kanalisation die Wassermassen nicht mehr bewältigen konnte. Doch auch unabhängig von den aktuellen Regenfällen hat Berlin ein Wasserproblem. Und das kommt nicht von oben: Seit Anfang der 1990er-Jahre steigen die unterirdischen Wasserpegel und verursachen an den Gebäuden Schäden in Millionenhöhe. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat deshalb eine „Grundwasserkonferenz“ einberufen, die Lösungsvorschläge erarbeiten soll. Auch ein Mediator wurde eingeschaltet, denn die Frage, wer für die Schadensbeseitigung aufkommen muss, beantworten Betroffenenverbände und Senatsverwaltung bislang sehr unterschiedlich.

„Wir wissen noch gar nicht, wie groß das Problem in Berlin wirklich ist“, sagt die Leiterin der Grundwasserkonferenz, Birgit Fritz-Taute. Die Hydrogeologin ist Referatsleiterin für Wasserwirtschaft bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Während die Wohnungswirtschaft und die Hausbesitzerverbände die Anzahl der betroffenen Gebäude mit rund 10.000 angeben, seien der Senatsverwaltung lediglich 500 bekannt. Möglicherweise, so Fritz-Taute, meldeten sich jedoch Betroffene auch deshalb nicht bei der Senatsverwaltung, weil sie befürchten, dann handeln zu müssen. „Der Runde Tisch hat deshalb auch die Aufgabe, da erst einmal Klarheit zu schaffen“, sagt Fritz-Taute.

Zusammenspiel verschiedener Phänomene

Die Beseitigung der Wasserschäden ist meist enorm teuer. So muss das denkmalgeschützte und erst vor zwölf Jahren generalüberholte Bundesratsgebäude an der Leipziger Straße in Mitte erneut saniert werden. Weil der Grundwasserspiegel in diesem Zeitraum um mehr als 80 Zentimeter gestiegen ist, drohten die Fundamente aufzuweichen, der Schimmel kroch bis in den ersten Stock. Sofortmaßnahmen haben bereits 260.000 Euro verschlungen, die Komplettsanierung wird noch viel teurer. 24,4 Millionen Euro sind in den Haushalt eingestellt, um das Haus dauerhaft abzudichten. „Die Arbeiten werden voraussichtlich im Frühjahr kommenden Jahres beginnen und ein Jahr andauern“, so Doris Teske, Leiterin der Zentralabteilung Bau im Bundesrat.

Die Ursachen für die stark gestiegenen Grundwasserpegel erklären sich der Wasserexpertin der Senatsverwaltung zufolge durch das Zusammenspiel verschiedener Phänomene. „Es gab immer schon Jahre mit vielen Niederschlägen, wie wir es derzeit erleben, und trockene Perioden“, sagt Fritz-Taute. Das habe natürlich Auswirkungen auf den Grundwasserpegel. Zusätzlich lasse sich aber seit der Wiedervereinigung ein Effekt beobachten, der besonders den ehemaligen Ostteil der Stadt trifft.

„Durch den Wegfall der großen Industriebetriebe haben die Berliner seit dem Mauerfall immer weniger Wasser verbraucht“, sagt sie. In der Folge sei der Wasserpegel besonders in der Nähe stillgelegter Brunnen zum Teil um mehrere Meter gestiegen. Wurden 1989 in Berlin noch 378 Millionen Kubikmeter Wasser gefördert, waren es gut 20 Jahre später nur noch 207 Millionen Kubikmeter.

Im Sumpf gebaut

Berlin wurde im Wesentlichen auf einer trockengelegten Sumpflandschaft errichtet. Eigenheimbesitzer entlang des Urstromtales, das Berlin von Nordwesten nach Südosten durchzieht, kennen das Problem deshalb schon seit langem. Stark betroffen ist etwa das Blumenviertel in Rudow. Relativ neu ist das Phänomen dagegen im Zentrum. „Die zunehmende Versiegelung von Flächen lässt den Wasserpegel weiter steigen“, so Fritz-Taute. Die großen Wohnungsbaugesellschaften sind deshalb immer häufiger auch in der Innenstadt mit Feuchtigkeitsschäden konfrontiert.

Die städtische Howoge musste bereits in zahlreichen ihrer Mietshäuser im Kaskel- und Weitlingkiez in Lichtenberg die Keller abdichten, die WBM in Wohn- und Geschäftshäusern an der Friedrichstraße und Leipziger Straße in Mitte Pumpen einbauen, auch Häuser in Friedrichshain sind betroffen. Die Kosten pro Haus belaufen sich nach WBM-Angaben schon mal auf 10.000 Euro. „Das kann aber keine Lösung auf Dauer sein. Deshalb begrüßen wir Konzepte, die das Grundproblem lösen“, sagt WBM-Geschäftsführer Lars Ernst.

Allein zur Beseitigung akuter Schäden an 900 Gebäuden mit 19.000 Wohnungen haben Wohnungsunternehmen seit 2006 nach Angaben des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) mehr als acht Millionen Euro aufgewendet. Die Verbände der Wohnungswirtschaft sind deshalb genauso wie Vertreter der Bezirke an der Grundwasserkonferenz beteiligt, die sich im Mai erstmals beraten hat. Im August soll die nächste Sitzung stattfinden. Auch die IHK hat Vertreter in das Gremium geschickt. Das Problem betrifft auch viele Betriebe.

„Die Konferenz hat die Aufgabe, Lösungen zu erarbeiten“, so die Leiterin der Grundwasserkonferenz Birgit Fritz-Taute. Doch einer Forderung der Verbände erteilt sie bereits eine Absage: „Wir können nicht die Wasserbetriebe anweisen, mehr zu fördern, als auch verbraucht wird“, sagt sie. Unabhängig davon, dass unklar ist, wer die Kosten dafür tragen soll, sei dies aus ökologischen Gründen fragwürdig. „Das Grundwasser ist schließlich eine wertvolle Ressource, an der viele Ökosysteme hängen“, so die Hydrogeologin.