Sommer 2012

Wie die Berliner unter dem Regenwetter leiden

Nach schwülwarmen Tagen mit kräftigen Gewittern ist es nun nicht einmal mehr warm. Im Juli soll es wechselhaft bleiben.

Foto: DAPD

„Wann wird's mal wieder richtig Sommer?“, fragte 1975 Rudi Carrell – und würde damit wohl auch in diesem Jahr einen ganz großen Hit landen. Nach schwülwarmen Tagen mit teilweise kräftigen Gewittern und Starkregen ist es nun nicht einmal mehr warm, sondern nur noch kühl und nass. Was bedeutet das feuchte Wechselwetter für Mensch und Tier, für Touristen und Schwimmbadbetreiber? Eines steht fest: Es gibt Gewinner und Verlierer in dem, was sich bisher so „Sommer“ nennt.

Bäder: Verglichen mit einem guten Sommer besuchen schätzungsweise bis zu 60 Prozent weniger Badegäste Berlins 24 geöffnete Frei- und Sommerbäder. Die Berliner Bäderbetriebe hoffen aber, dass sie im August noch etwas aufholen können. „Trotzdem liegen wir bisher leicht über den Zahlen des Vorjahres“, sagte Sprecher Matthias Oloew. 2011 sei aber auch ein „absoluter Negativrekord“ gewesen, so schlecht sei kein Sommer der zehn Jahre davor gewesen: Wegen des verregneten Sommers 2011 waren 400.000 Besucher weniger als 2010 gekommen. Wegen des schlechten Wetters sind die vier geöffneten Hallenbäder (Spreewaldbad, Helene-Weigel-Platz, Tiergarten und Ernst-Thälmann-Park) überdurchschnittlich gut besucht.

Seen: Der Regen vergällt den Berlinern das Baden im See, selbst wenn kurz die Sonne herauskommt. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) rät zu erhöhter Vorsicht, weil die Berliner Gewässer nach den Starkregenfällen mit Keimen verunreinigt sein könnten. Einspülungen von Regenwasser und Abwasser in die Flüsse und Seen führen zu einer erhöhten Belastung mit Krankheitskeimen, meist Kolibakterien. „Die Lage hat sich in den zurückliegenden Tagen etwas entspannt“, sagte Sprecherin Silvia Kostner. Das Landesamt rät Eltern, kleine Kinder nach Gewittern und Wolkenbrüchen nicht ins Wasser zu lassen. Besonders die Unterhavel gilt als gefährdet. An der Kleinen Badewiese in Gatow rät das Amt generell vom Baden ab.

Gastronomie: Im Biergarten sitzt man nicht gern auf nassen Bänken. „Das schlechte und sehr wechselhafte Wetter merken wir deutlich an den Einnahmen“, sagt Andreas Christott, Teilhaber des Biergarten „CapRivi“ in Charlottenburg. „Wenn dann aber mal die Sonne scheint, konsumieren die Gäste deutlich mehr und sitzen viel länger im Freien, als in den Sommerwochen bei gleichbleibend schönem Wetter.“ Doch das kann die ausgebliebenen Einnahmen natürlich nicht ausgleichen. Sigmund Gerc vom Beach-Club „Metaxa Bay“ am Hauptbahnhof sagt: „Das schlechte Wetter ist deprimierend für uns. Es ist schwer, die Mitarbeiter bei Laune zu halten.“ Wo bei Sonnenschein 400 Gäste an einem Abend kämen, seien es in den letzten Tagen kaum 50 gewesen. „Wenn es ein Mal geregnet hat, ist der Tag für uns gelaufen“, sagt Gerc. Doch allen bleibt die Hoffnung auf einen warmen August und einen schönen Herbst. „Abgerechnet wird am Saisonende am 31. Oktober“, sagt Christott.

Ärzte: Der Wechsel von schwülwarmer Luft und kühlen Gewittern belastet den Kreislauf. Allgemeinärztin Karin Barz aus Weißensee sagt: „In den letzten zwei Tagen ist es wieder besser geworden, aber davor hatte ich in meiner Praxis durchaus einige Patienten mit Kreislaufproblemen, die wetterbedingt waren.“ Diesen rät sie dann, drinnen in einem Raum mit konstanter Temperatur zu bleiben. Doch kaum hat sich das schwüle Wetter etwas verzogen, kommt die Nässe mit ihren neuen Problemen: „Für Menschen mit Gelenkbeschwerden ist es jetzt recht unangenehm“, sagt Barz. Fitnessökonom und Personaltrainer Julian Zietlow hat beim Training mit seinen Kunden festgestellt, dass diese beim Krafttraining deutlich schwächer sind – weil das Wetter den Körper fordert und belastet. „Besonders ältere Menschen und Anfänger sollten es dann lieber langsam angehen lassen.“

Tiere: Für die Tiere im Tierheim Berlin war das Wetter bislang kein großes Problem. „Manche haben mehr Angst bei Donner und Blitz, andere nicht“, sagt Beate Kaminski vom Tierheim Berlin. „Nur generell waren die Tiere bei dem schwülen Wetter etwas schlapper – eigentlich alles wie beim Menschen.“ Tiere, die nicht so gut mit Gewittern zurechtkommen, sind hingegen Brieftauben: „Mir fehlen schon vier Tauben wegen des Wetters“, sagt Walter Samsel, der eine Brieftaubenzucht in Rudow betreibt. Die Tiere versuchen, Gewitterwolken zu umfliegen und verlieren dabei häufig die Orientierung.

Flohmärkte: Berlins Trödelhändler scheinen sich vom schlechten Wetter nicht abschrecken zu lassen. „Wir müssen damit leben, und die Besucher, vor allem die Touristen, kommen ja trotzdem“, sagt Hans-Jürgen Müller, der seit mehr als 20 Jahren zwei Märkte in Mitte betreibt, den Antik- und Buchmarkt am Bodemuseum (Sbd. + So., 11–17 Uhr) und den Trödelmarkt am Arkonaplatz (So., 10–17 Uhr). Auch am Rathaus Schöneberg, wo sonnabends und sonntags von 8 bis 16 Uhr getrödelt wird, hat Betreiber Jörg Thurmann festgestellt: „Die Händler kommen trotz des Wetters. Wir haben nur wegen der Urlaubszeit 30 Prozent weniger Stände.“ Thurmann betreibt schon seit 30 Jahren Trödelmärkte. Seine Erfahrung ist: „Nur wenn es morgens regnet, wird der Tag schlecht, sonst ist der Markt voll wie immer.“

Kinos: In den Open-Air-Kinos bleiben wegen des schlechten Wetters die Stühle leer. „Das ist nicht so ideal für Sommerkinos“, bilanziert Daniel Sibbers von der Yorck-Kino-Gruppe, die auch das Freiluftkino am Kulturforum/Potsdamer Platz betreibt. Dennoch: Ein totaler Flopp sei die Open-Air-Saison bisher nicht. „Wir können jeden Abend Filme zeigen, und es kommen auch jeden Abend Leute“, sagt Sibbers. Er hofft auf bessere Geschäfte in der zweiten Sommerhälfte. „Zwei schöne Wochen können für ein Open-Air-Kino schon ein gutes Geschäft ausmachen.“ Gewinner des Regenwetters sind die etablierten Kinos. Bei der derzeitigen Witterung seien die meisten Häuser gut besucht, sagt der Yorck-Sprecher.

Einzelhandel: Denn wenn es draußen immer wieder regnet, bleibt Touristen und Berlinern die Flucht nach drinnen. Der Centermanager des Alexa-Einkaufszentrums am Alexanderplatz, Oliver Hanna, kann bestätigen, dass sein Arbeitgeber vom schlechten Wetter profitiert: „Vor allem die jüngeren Leute, die jetzt Schul- oder Semesterferien haben, kommen vermehrt zu uns.“ Der Anstieg sei mit der hauseigenen Zählanlage auch messbar, „wir haben zur Zeit mindestens sechs Prozent mehr Besucher im Monat als bei Sonnenwetter.“ Bei rund einer Million Besuchern im Monat sind das immerhin 60.000, die vom Regen in die Geschäfte gespült werden. Und Shoppen kann sich durchaus lohnen: Wegen des trüben Wetters liegt noch eine Menge Sommerkleidung in den Regalen. Die soll verkauft werden. „Es lassen sich gute Schnäppchen machen“, heißt es beim Handelsverband HDE. Besonders gut verkaufen sich laut Hanna im Alexa Elektrogeräte – etwa für den gemütlichen Fernsehabend bei Schmuddelwetter.

Pflanzen: Es grünt so grün – wenn es immer wieder regnet. Für die Vegetation ist das wechselhafte Wetter nur gut. „Immergrüne Hecken und Pflanzen wachsen in diesen Tagen ganz toll“, sagt Jens Biewendt, Gärtner und Geschäftsführer der „Gärtner von Eden für Berlin und Brandenburg“. Auch für Rasenflächen sei das feuchte Wetter top, „wenn gut gedüngt wurde, dann kann man jetzt wöchentlich mähen, und das Gras wächst supergrün nach“. Nur Rosen würden die hohe Luftfeuchtigkeit des schwül-warmen Wetters nicht so gut vertragen. Doch gerade die sorgt für einen weiteren positiven Effekt: „Der Eichenprozessionsspinner verschwindet, der verträgt das nicht so gut – da freuen sich die Eichen.“ Biewendt und seine Kollegen haben in diesen Tagen gut zu tun: „Wir schneiden Hecken, mähen viel mehr Rasen und kümmern uns um Pfützen, die sich in den Gärten gebildet haben.“

Wasserbetriebe: Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) verzeichnen starke Umsatzeinbußen. „Die Bilanz unserer Wasserwerke ist derzeit so schlecht wie sonst nur zu Ostern. Und Ostern ist für uns der schwierigste Zeitraum im Jahr“, schildert BWB-Sprecher Stefan Natz die Situation. Kaum 500.000 Kubikmeter Frischwasser liefern die Wasserbetriebe derzeit an die Berliner Haushalte. In einem durchschnittlich warmen und trockenen Sommer sollten es um die 750.000 Kubikmeter sein. Auch der sonst besonders umsatzstarke Mai sei bereits regnerisch gewesen. Natz sorgt sich um die Bilanz des Unternehmens: „Die Betriebskosten bleiben für uns gleich, egal, ob wir viel oder wenig Wasser durch die Leitungen drücken.“

Radfahrer: Radeln im Regen ist nicht hübsch. Das Wasser spritzt überall hin, und sehen tut man auch nicht gut. Dennoch: Es gibt Hartgesottene, die ihre geplante Fahrradtour auch bei Regen durchziehen. „Wir stellen Capes zur Verfügung. Wir hatten gerade erst zwei Touren um den Mauerpark“, sagt Martin Wollenberg von Berlin on Bike. Er organisiert Fahrradtouren und verleiht Fahrräder. „Beim Fahrradverleih haben wir durch das schlechte Wetter 60 bis 70 Prozent weniger Einnahmen.“ Bei den vorher gebuchten Touren sei es etwas besser: „Die Touristen wollen ihren Plan dann durchziehen.“ Hier rechnet er mit rund einem Drittel an Einbußen.

Bootsausflüge: Ähnlich sieht es bei der Reederei Riedel aus. Chef Lutz Freise spricht von einer „vernünftigen Basisauslastung“ der geplanten Schiffsfahrten. „Nur der spontane Tourist, der kommt eher bei schönem Wetter.“

Indoor-Angebote: Bei schlechtem Wetter suchen Urlauber sich verzweifelt Alternativen. Indoor-Angebote wie das Legoland Discovery am Potsdamer Platz, Sea Life in Mitte oder das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds am Brandenburger Tor sind da heiß begehrte Zufluchten. „Sobald sich Regen ankündigt, werden die Schlangen vor den Kassen lang“, sagt Sprecherin Nina-Kristin Zerbe. „Wir verteilen dann Schirme, weil die Leute häufig bis nach draußen anstehen.“ Viele Touristen seien dennoch schon ganz verzweifelt, sagt Zerbe: „Die fragen oft unser Kassenpersonal, wo sie denn jetzt noch hingehen könnten – sie wären schon in allen Museen gewesen.“