Stadtquartier

Am Leipziger Platz erstreckt sich Berlins größte Baugrube

Ein riesiges Loch klafft in Berlins Mitte. Am Leipziger Platz entsteht bis 2014 ein neues Quartier. Ein Besuch.

Foto: Glanze

Wenn Ursula Pauen-Höffner über ihren Arbeitsplatz spricht, fallen Worte wie „traumhaft“ und wunderschön“. Die erfahrene Baustellenkoordinatorin, die als Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Leipziger Platz nicht nur Berlins derzeit größte, sondern auch zentralste Baustelle betreut, ist auch nach jahrzehntelanger Berufstätigkeit „nicht abgestumpft für den besonderen Reiz der Großbaustelle“, sagt sie. Und die Mega-Baustelle am Leipziger Platz hat es schließlich in sich.

U2-Tunnel echte Panne

200 Meter lang, 100 Meter breit und bis zu 24 Meter tief klafft hier mitten im Herzen der Stadt und umgeben von viel prominenter Nachbarschaft ein tiefes Loch, an dessen Grund selbst schwere Baufahrzeuge noch ameisenklein wirken. Der Ehrenhof des Bundesrates liegt vis-à-vis auf der anderen Seite der Leipziger Straße, die Botschaft von Kanada gleich nebenan. Als ganz besondere Herausforderung galt es zudem, den Tunnel der U-Bahnlinie 2, der auf einer Länge von 125 Metern quer durch das Grundstück verläuft, in die Baustelle zu integrieren.

Dieser Tunnel sorgte bislang auch für die einzige echte Panne: Durch ein Leck in einer der Spundwände war Ende März Wasser gefährlich nah an der Tunnelwand ausgetreten. Wochenlang stritten sich daraufhin Gutachter und Sachverständige, ob das rund 100 Jahre alte Tunnelbauwerk der U2 so unterspült wurde, dass die Stabilität gefährdet war. Den Streit bekamen die Nutzer der Linie 2 schmerzhaft zu spüren – die Strecke wurde gesperrt, erst Mitte Mai gab die technische Aufsichtsbehörde grünes Licht und ließ die Züge wieder rollen. Die Schadstelle sei nunmehr ausreichend gesichert, so die Experten. Wer für den entstandenen Schaden aufkommen muss, ist noch offen. Die BVG hat ein Beweissicherungsverfahren eingeleitet. Doch ernsthaft gefährdet ist der Zeitplan für den Bau des neuen Stadtquartiers dadurch nicht, versichert Ursula Pauen-Höppner.

Grundstein für Einkaufszentrum

Mitte kommenden Monats wird bereits der Grundstein für das Stadtquartier mit einem 50.000 Quadratmeter großen Shopping-Center, mehr als 200 Wohnungen, Hotels und Restaurants und einer Tiefgarage mit rund 700 Plätzen gelegt. Läuft alles wie geplant, soll bereits im Oktober 2013 das Shopping-Center mit 180 Läden eröffnet werden, die weiteren Bauabschnitte, darunter auch die Wohnungen, sollen spätestens im Frühjahr 2014 fertig sein.

Die Ende 2011 begonnen Bauarbeiten für den Aushub der Grube, aus der schon im Oktober wieder das Erdgeschoss-Niveau erreicht werden soll, sind nahezu abgeschlossen. Nur an einem Eckchen in Berlins größter Baustelle sind noch drei Bagger dabei, die letzten Erdreste abzugraben. Am kommenden Freitag sollen diese Arbeiten beendet sein. In allen anderen Bereichen der in drei getrennte Bauabschnitte unterteilten Grube sind die Bauarbeiter bereits dabei, das Stahlgeflecht für die Betonsohle zu erstellen. An zwei Stellen stehen schon Betonmischer am Grubenrand, die über lange Schläuche ihren Inhalt in die Tiefe abgeben. In einigen Bereichen, etwa dort, wo an der Voßstraße die Zufahrt zur Tiefgarage entstehen soll, ist die rund 1,50 Meter dicke Betonsohle bereits gegossen.

Insgesamt wurden rund 280.000 Kubikmeter Erde aus der Grube geholt. Dabei kam in einer Schicht, die sich in fünf bis 18 Metern Tiefe befand, „herrlich weißer Sand“ zum Vorschein, schwärmt die Baubetreuerin. Im Falle der Baugrube am Leipziger Platz habe sich das Sprichwort „Unter dem Asphalt liegt der Strand“ damit bewahrheitet. „Ich bin mir sicher, dass dieses wundervolle Material an anderer Stelle in Berlin eine neue Verwendung finden wird“, sagt Ursula Pauen-Höppner.

Nur wenig blieb von Wertheim

Dort, wo nun Berlins tiefstes Loch klafft, stand einst eine der ersten Einkaufsadressen Europas. Das Wertheim am Leipziger Platz galt in den 20er- und 30er- Jahren des vorigen Jahrhunderts als eines der weltweit schönsten Warenhäuser und lockte schon damals Touristen an. Später wurde die jüdische Familie Wertheim von den Nationalsozialisten enteignet. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Kaufhaus zum Teil zerstört, die Ruine dann in den 50er-Jahren endgültig abgerissen. „Damals wurde ganze Arbeit geleistet“, sagt die Baukoordinatorin. Man habe beim Aushub der Baugrube zwar jede Menge Bauschutt gefunden, der nach dem Abriss in die Grube verbracht worden war. „Doch nur ganz am Rande haben wir einige Kellerreste mit schmucklosen gelben Fliesen entdeckt“, so Pauen-Höppner. Wahrscheinlich habe es sich dabei um rein technische Räume gehandelt. Auch auf dem Deckel des U-Bahn-Tunnels fanden sich Fliesen. Doch diese verschwinden nun unter dem neuen Betontrog, mit dem der alte Tunnel eingehüllt wird.

Damit die gigantische Sandkiste nicht einfach in sich zusammensackt, sorgen rund 1300 sogenannte Schräganker aus Stahl für festen Halt der Seitenwände. Die Schlitzwände sind darüber hinaus 45 Meter tief in den Boden gerammt worden, um dem von außen drückenden Erdreich und den Wassermassen standhalten zu können. Immerhin liegt die Baugrube darüber deutlich unter dem Wasserspiegel – die wasserführenden Schichten beginnen bereits in 3,5 Metern Tiefe. „Damit der Wasserdruck die Betonsohle nicht hoch drückt, haben wir diese zudem mit rund 2000 Stahlpfählen bis zu 16 Meter tief im Boden verankert“, so die Arge-Sprecherin.

Neue Fußgängerzone geplant

Das neue Einkaufsquartier am Leipziger Platz wird von der High Gain House Investments GmbH (HGHI) des Berliner Großinvestors Harald Huth errichtet. Nach Auskunft des Bauherren sind bereits 90 Prozent der Handelsflächen vermietet. Erst in dieser Woche gab etwa die US-Modemarke Hollister bekannt, 725 Quadratmeter Ladenfläche im Großprojekt am Leipziger Platz gemietet zu haben.

Rund 800 Millionen Euro investiert Huth auf dem 21.000 Quadratmeter großen, ehemaligen Wertheim-Areal und zwei weiteren Grundstücken an dem achteckigen Stadtplatz. Ebenfalls in seinem Besitz befindet sich inzwischen das Areal mit der Adresse Leipziger Platz 16 sowie das ehemalige preußische Ministerium an der Leipziger Straße sowie die dahinter liegende, rund 10.000 Quadratmeter große Brache zwischen Leipziger- , Voß- und Wilhelmstraße.

Huth will auf diesem Areal, das unmittelbar an das Wertheim-Areal angrenzt, sein Großprojekt erweitern. Geplant ist unter anderem eine neue Fußgängerzone, die vom Leipziger Platz bis an die Ecke Mohrenstraße führen soll.