Nahverkehr

Defekte Aufzüge und Rolltreppen verärgern Berlins Fahrgäste

In den Bahnhöfen sorgen kaputte Aufzüge und Rolltreppen für Ärger unter den Berlinern. 80 Prozent der Schäden entstehen durch Vandalismus.

Foto: Glanze

Jessika Jovanovic ist mit ihrer vier Monate alten Tochter aus Osnabrück nach Berlin gereist, weil sie Freunde besuchen will. Doch der Empfang in der Hauptstadt fiel aus ihrer Sicht alles anderes als freundlich aus. Nach der Ankunft mit dem Zug im Hauptbahnhof wollte sie mit der S-Bahn weiter nach Reinickendorf fahren. Im Bahnhof Friedrichstraße jedoch, wo sie umsteigen muss, war der Aufzug defekt. „Ich stand mit dem Kind und meinem ganzen Gepäck auf dem Bahnsteig und wusste nicht, wie ich da runterkommen kann“, sagt die 24-Jährige. Keiner wollte oder konnte ihr helfen, den schweren Kinderwagen nach unten zu tragen. Schließlich schob sie den Wagen auf die Rolltreppe. „Das war alles total wacklig. Ich hatte Angst, dass meiner Tochter was passiert“, erzählt sie, noch ganz außer sich.

In der Bahnhofs-Haupthalle endlich angekommen, wurde ihre Stimmung nicht besser. Denn nun musste sie ja noch eine Etage tiefer, runter zum Bahnsteig, an dem die Züge der Nord-Süd-Linien halten. Dieses Mal war es die Rolltreppe, die kaputt war. Jessika Jovanovic ist sich sicher: „Aufzug und Rolltreppe in einem Bahnhof gleichzeitig außer Betrieb, das wäre mir in Osnabrück nicht passiert.“

Probleme für Eltern mit Kinderwagen

Ihr Erlebnis ist längst kein Einzelfall. In Berlin sind zwar inzwischen 72 Prozent der 166 S-Bahnhöfe und mehr als die Hälfte der 173 U-Bahnhöfe mit Fahrtreppen und Aufzügen ausgestattet, doch die Technik, die nicht nur für Rollstuhlfahrer, sondern auch für Eltern mit Kinderwagen und Reisende mit viel Gepäck eine große Hilfe ist, funktioniert oftmals nicht. Am Mittwoch verzeichnet die S-Bahn auf einer speziellen Internetseite (http://www.s-bahn-berlin.de/fahrplanundnetz/mobilitaetsstoerungen) 13 stillgelegte Aufzüge und elf kaputte Fahrtreppen in ihren Bahnhöfen. Von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) wurden fünf Aufzüge außer Betrieb gemeldet. Eine Aussage zu defekten Fahrtreppen trifft sie anders als die S-Bahn auf ihrer Internetseite (http://www.bvg.de/barrierefrei) nicht.

Doch nicht nur die Zahl der Ausfälle, sondern vor allem die lange Dauer der Reparaturen verärgert die Fahrgäste. Von einem besonders krassen Fall berichtet die Berlinerin Jana Retiet. Auch sie ist mit Kind und Kinderwagen regelmäßig in der S-Bahn unterwegs. Am Bahnhof Landsberger Allee steigt sie in die Züge der Ringbahn ein. Doch der Aufzug zwischen Straßenbrücke und Bahnsteig ist laut Retiet bereits seit dem 18. Mai außer Betrieb: „Jedes Mal muss ich den Kinderwagen nebst Kind – beides zusammen wiegt 23 Kilogramm – entweder allein oder – seltener – mithilfe von Passanten umständlich heruntertragen.“

Folge von Vandalismus

Ihre Nachfrage bei der Berliner S-Bahn, wie lange der Aufzug denn noch defekt sein wird, blieb zunächst unbeantwortet. Inzwischen erklärte sich die Bahn-Tochter für nicht zuständig. Auf Nachfrage von Morgenpost Online hieß es, der Aufzug gehöre dem Land Berlin, zuständig sei die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Laut Behördensprecherin Daniela Augenstein sei das „Problem mit dem Aufzug“ am S-Bahnhof Landsberger Allee bekannt. Der Ausfall sei Folge von Vandalismus. Derzeit werde von der Senatsverwaltung gerade geprüft, ob angesichts der Schwere der Schäden eine Reparatur möglich ist oder ob ein teurer Neuaufbau erfolgen muss. Im letzteren Fall muss es wegen der Höhe der Investition noch eine Ausschreibung geben, was dauern könne.

Senat ist machtlos

Jana Retiet erhielt von der S-Bahn inzwischen den Ratschlag, die Rampe am Ende des Bahnsteigs zur Straße hoch zu nutzen. „Die Rampe führt allerdings lediglich in den Tunnel unter der Straße und zu den Treppenaufgängen der verschiedenen Tram-Linien“, so Frau Retiet. Wenn sie mit dem Kinderwagen unterwegs ist, heißt das weiter: hoffen auf tatkräftige Hilfe oder selber schleppen.

Rechtlich haben gestresste Fahrgäste keinerlei Möglichkeiten, intakte Mobilitätshilfen an den Bahnhöfen einzufordern. Auch der Senat ist ziemlich machtlos. Zwar beinhalten die Verkehrsverträge mit der BVG und der Berliner S-Bahn auch Vorgaben zur Verfügbarkeit von Aufzügen und Fahrtreppen, doch gibt es keine Strafen, wenn diese Vorgaben nicht erfüllt werden. So schreibt der Verkehrsvertrag der BVG zwar vor, dass Aufzüge oder Rolltreppen mindestens 95 Prozent der Betriebszeit auch tatsächlich verfügbar sein müssen. Auch soll ein Aufzug nicht länger als zwei Monate und eine Fahrtreppe nicht länger als vier Monate ausfallen dürfen. Die BVG sieht sich selber auf einem guten Niveau. „Unsere Rolltreppen sind zu 96,87 Prozent verfügbar. Damit liegen wir deutlich über der Vorgabe des Senats“, sagte BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Aktuell würden zum Beispiel nur zehn der insgesamt 367 Fahrtreppen in den U-Bahnhöfen nicht einsatzbereit sein.

VBB: Kein Anlass zu Kritik

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), der im Auftrag der Länder die Einhaltung von Qualitätsstandards im öffentlichen Nahverkehr überwacht, sieht kaum Anlass zu Kritik, zumindest an der BVG. Längere Ausfallzeiten würden bei den Aufzügen kaum auftreten, schon gar nicht über die vertraglichen Vorgaben hinaus. Meldepflicht, so VBB-Sprecherin Elke Krokowski, bestehe allerdings nur bei Aufzugsstörungen, die länger als drei Tage dauern. Und deren Anzahl liege nur im einstelligen Bereich.

Auch bei der S-Bahn hat der VBB bisher „keine deutliche Zunahme“ an Störungen wahrgenommen. Der Verkehrsvertrag macht der Bahn-Tochter lediglich Vorgaben zur Verfügbarkeit der Aufzüge, nicht jedoch der Fahrtreppen. Gefordert wird zum Beispiel, dass bei einem defekt gemeldeten Fahrstuhl innerhalb einer Stunde eine Reparatur einzuleiten und in fünf Stunden abzuschließen sei. Eine Regel, die in der Praxis so gut wie nie eingehalten wird. Doch auch dagegen kann der VBB nicht viel tun. Lediglich bei der Ermittlung der Kundenzufriedenheit werde auch nach dem „bequemen Zugang“ zum Bahnsteig gefragt.

Fahrgastverband fordert Strafen

Der Berliner Fahrgastverband Igeb spricht von einem oft „unbefriedigenden Zustand“ der Mobilitätshilfen. „Gerade defekte Aufzüge werden oft nur als Einzelproblem für Rollstuhlfahrer angesehen. Dabei reichen schon zwei große Urlaubskoffer aus, damit man selber mobilitätseingeschränkt ist“, sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Der Verband fordert vom Senat, entschiedener auf Ausfälle und überlange Reparaturzeiten zu reagieren. „Da müssen harte Sanktionen her“, sagte Wieseke. Denkbar sei, etwa das Bestellerentgelt für die S-Bahn von derzeit rund 260 Millionen Euro im Jahr zu kürzen.

Die S-Bahn sieht sich wiederum vor allem als Opfer eines in der Stadt um sich greifenden Vandalismus. Etwa 80 Prozent aller Ausfälle seien auf mutwillige Beschädigungen zurückzuführen, sagte ein Bahn-Sprecher. Angaben, wie viel Geld die Bahn-Tochter Station&Service für die Wartung und Reparatur der Anlagen ausgibt, wollte er jedoch nicht machen.

Anlagen komplett austauschen

Den defekten Aufzug im Bahnhof Friedrichstraße will die Bahn jetzt reparieren lassen. Die Inbetriebnahme ist für den 17. August – also in gut vier Wochen – angekündigt. Auf die Fahrtreppe zur Nord-Süd-Bahn müssen die Fahrgäste noch länger warten. Wegen der hohen Schadensanfälligkeit sollen beiden Anlagen komplett ausgetauscht werden. Dafür sei eine neue Konstruktion und zudem eine Sperrzeit für die Anlieferung der neuen Teile über den Schienenweg erforderlich. „Diese Komplexität bedingt leider die lange Ausfallzeit bis Anfang September“, sagt ein Bahnsprecher. Das Plakat, das eine Wiederinbetriebnahme der Fahrtreppe für Mitte August verspricht, soll nochmals ausgetauscht werden.