Not-Geburt

Polizist springt am Rande des CSD als Hebamme ein

Saliha Özkan ist hochschwanger, doch der Christopher Street Day blockiert den Weg zur Klinik. Ein Polizist wird zur Hebamme - im Auto.

Der Hilferuf kommt um 14.40 Uhr. Zehn Minuten später ist Yaren auf der Welt – 47 Zentimeter groß, 2380 Gramm schwer, geboren auf dem Rücksitz eines blauen VW-Polo, mitten auf der Gitschiner Straße in der Nähe des Kottbusser Tores.

Es ist Sonnabend, Berlin feiert den Christopher Street Day. In der Innenstadt sind viele Straßen abgesperrt. So auch die Gitschiner Straße in Kreuzberg. Polizeikommissar Mario Stöcklein und seine Kollegin, Polizeioberkommissarin Claudia Lachmann, überwachen die Sperrungen in diesem Bereich.

Sie befinden sich gerade an der Querung zum Kottbusser Tor, als ein etwa 30 Jahre alter Mann auf sie zu rennt. Er fuchtelt aufgeregt mit den Armen und ruft schon von Weitem, dass er mit seiner schwangeren Frau im Auto nicht zum Urbankrankenhaus durchkommt, die Geburt aber schon eingesetzt habe.

Lachmann und Stöcklein lassen alles stehen und liegen und folgen dem Mann zum Auto. Dabei versuchen sie, den werdenden Vater zu beruhigen, der vor lauter Aufregung völlig außer sich ist. Die werdende Mutter sitzt stöhnend auf der Rückbank des Polo.

Die Fruchtblase ist bereits geplatzt. Die Wehen kommen in immer kürzeren Abständen. Der als Rettungssanitäter ausgebildete Stöcklein kümmert sich sofort um die Frau, während seine Kollegin zusammen mit einigen anderen Polizisten das Auto abschirmt.

Vater wollte dismal nicht dabei sein

Özkan Yakut, so heißt der Vater der kleinen Yaren, wird später erzählen, dass er bei der Geburt seines Sohnes Burak vor zwei Jahren im Urbankrankenhaus mit dabei war. Das sei aber alles so stressig für ihn gewesen sei, dass er es nicht noch einmal miterleben wollte. „Dieses Mal wollte ich meine Frau zum Krankenhaus fahren und dann draußen warten, bis alles vorbei ist“, sagt er.

Umso aufgeregter ist Özkan Yakut nun, dass er die Geburt seines zweiten Kindes nicht mal im Krankenhaus, sondern mitten auf der Straße miterleben muss. Zum Glück sind mit Lachmann und Stöcklein die richtigen Menschen am richtigen Ort.

Stöcklein übernimmt das Kommando im Auto. Er beruhigt die Frau, sagt, wie sie atmen soll, wann sie pressen muss. Seine Kollegin sorgt vor den Türen des Polo für Ruhe.

Dann geht alles sehr schnell, nach zehn Minuten ist das kleine Mädchen bereits geboren. Kurz darauf hat es endlich auch ein Rettungswagen der Feuerwehr bis zu dem blauen Polo von Özkan und Saliha Yakut geschafft.

Ein Notarzt nabelt das Kind ab. Mutter und Tochter werden mit dem Rettungswagen ins Urbankrankenhaus gebracht. Vater Özkan Yakut fährt mit dem Polo hinterher.

Entbindung wie in Trance

Am Sonntagnachmittag kommt es im Krankenhaus dann zu einem zweiten Treffen. Die Polizisten Claudia Lachmann und Mario Stöcklein sind gekommen, um Saliha Yakut noch einmal ganz offiziell zur Geburt ihres zweiten Kindes zu gratulieren. Sie überreichen der 25 Jahre alten Frau einen großen Strauß Sommerblumen.

Mario Stöcklein sagt, wie erleichtert er ist, dass es Mutter und Kind so gut geht. „Das war schließlich die erste Geburt, bei der ich assistiert habe“, sagt er.

Obwohl seine Sanitäterausbildung bereits einige Zeit zurückliege, habe er genau gewusst, was zu tun war. „Das lief ganz automatisch“, sagt Stöcklein, der selbst keine Kinder hat.

Auch Saliha Yakut ist überglücklich. Sie hat die Entbindung im Auto zwar wie in Trance erlebt und kaum wahrgenommen, dass ihr ein Polizist geholfen hat. Im Nachhinein ist sie umso dankbarer.

„Ich bin froh, dass meine Tochter gesund und alles ohne Komplikationen verlaufen ist“, sagt sie. Und fügt noch hinzu, dass ihre Eltern kaum glauben wollten, dass sie es ausgerechnet in Deutschland nicht geschafft haben, rechtzeitig ins Krankenhaus zu kommen. Wo hier doch alles so geregelt sei.

"Es war aussichtslos"

Özkan Yakut erzählt an diesem Nachmittag zum wiederholten Mal, wie er fast 40 Minuten lang versucht hat, die Gitschiner Straße Richtung Urbankrankenhaus zu überqueren. „Wir sind zur Prinzenstraße, dann zum Halleschen Tor, dann zurück zum Kottbusser Tor. Es war aussichtslos, nirgends haben wir es geschafft.“

Dabei bräuchten sie im Normalfall nur etwa zehn Minuten von ihrer Wohnung an der Lindenstraße bis zum Urbankrankenhaus. Am Sonnabendmorgen habe das ja auch noch gut geklappt. „Da waren wir schon mal im Krankenhaus, weil meine Frau so unruhig war und annahm, dass es schon losgeht“, sagt Özkan Yakut.

Doch die Yakuts werden wieder nach Hause geschickt. Es sei noch nicht so weit, heißt es auf der Entbindungsstation. Das Ehepaar versucht, ruhig zu bleiben.

Özkan und Saliha Yakut machen einen langen Spaziergang und besuchen anschließend Verwandte, die ebenfalls an der Lindenstraße wohnen. Von dort brechen beide dann erneut Richtung Urban-Krankenhaus auf, als gegen 14 Uhr die Wehen einsetzen. Das Ende der Geschichte ist bekannt.