Parade

700.000 Menschen feiern den Christopher Street Day in Berlin

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Sören Kittel

Tausende Schwule und Lesben feierten im Zeichen des Regenbogens in bunten und schrillen Outfits am Sonnabend auf den Straßen der Hauptstadt.

Als Max aus Bernau (pinkfarbenes T-Shirt, Prinzessinenkrone) auf dem Wagen 6 der Berliner Parade zum „Christopher Street Day“ auf sein Mobiltelefon schaut, bekommt er die Nachricht, dass sich sein Freund Dominik von ihm trennt.

„Ein schönes Leben noch, aber ohne mich“, schreibt Dominik. „Der ist sauer, weil ich mit meiner Freundin Tine hier auf dem Wagen stehe und nicht mit ihm“, sagt Max.

„Aber sorry, wenn er mit seinen 26 Jahren immer noch ein Problem hat, sich als schwul zu bekennen, dann gehe ich doch nicht mit ihm zum CSD.“ Zwei Jahre war der 19 Jahre alte Abiturient mit Dominik zusammen. Aber Tine (Regenbogen-Wimpern) hatte schon länger das Gefühl, dass das nicht passt. „Vielleicht besser so“, sagt sie, „lass uns jetzt feiern!“.

Max hat seine zwei Tickets für den CSD-Wagen von der Berliner Morgenpost gewonnen. Er war schon vor einem Jahr auf der Parade, aber nie auf einem Wagen. Für die Berliner Morgenpost ist es das erste Mal, dass die Zeitung zusammen mit Kaiser's und dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD) einen gemeinsamen Truck gemietet hat. Neben Wagen von Parteien gibt es noch die von der britischen und der niederländischen Botschaft sowie von verschiedenen schwul-lesbischen Initiativen wie der Aids-Hilfe oder Lambda. Die Strecke der rund 700.000 Demonstrierenden führt vom Prinzenbad in Kreuzberg an der russischen Botschaft vorbei zum Brandenburger Tor.

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Als sich der Zug mit einem Ruck um 12.45 Uhr in Bewegung setzt, steht der Grünen-Politiker Volker Beck an der Spitze des Wagens und winkt. Er ist Mitbegründer des LSVD und war 14 Jahre im Vorstand. „Damals, im Jahr 1992, hatten wir nur ein Faxgerät und inzwischen haben wir 4000 Mitglieder und so viel erreicht.“ Der Verein feiert in diesem Jahr 20. Jubiläum, schwule Hochzeiten sind inzwischen fast Normalität im Land, aber der LSVD setzt sich nach wie vor für die gleichen Rechte von Schwulen und Lesben ein. Vorstand Jörg Steinert erzählt von der Arbeit mit Migranten, die einer der Schwerpunkte in Berlin ist, von Programmen für Fußballvereine und über die Aufarbeitung der Paragraph-175-Verurteilten nach 1945, die noch immer nicht abgeschlossen ist. „Aber wir haben viel Unterstützung“, sagt er. „Es gibt noch viel zu tun“, stimmt Volker Beck zu, „auch wenn die Akzeptanz inzwischen auch in konservativen Parteien stark gewachsen ist.“

Nofretete raucht und winkt

Doch nicht jeder will auf dem CSD über Politik reden. Max und Tine reden noch immer über Dominik auf dem Wagen und gleich neben ihnen stehen Nicolas und Stefan, die gerade ihr drittes gemeinsames Jahr feiern. „Wir haben uns damals auf dem CSD kennen gelernt“, sagt Nicolas, „auch wenn das der transgeniale CSD war.“ Dieser alternative Umzug findet ebenfalls jedes Jahr in Kreuzberg statt und in diesem Jahr fällt das Pendeln zwischen beiden Festen noch leichter. An der Prinzen-/Ecke Lindenstraße verteilt ein riesiger Schmetterling Handküsse, ein paar Meter weiter winkt ein rot angemalter Engel und wieder etwas weiter stehen evangelikale Christen, die mit einem Plakat gegen „widernatürliche Lebensweisen“ von Homosexuellen demonstrieren. Sofort springen ein paar LSVD-Aktivisten vom Wagen und verteilen Handzettel. Das Thema des diesjährigen CSD ist eben „Erleuchtung – Wissen schafft Akzeptanz“.

Constanze Körner kann bei all dem Trubel nicht vergessen, dass es noch viel Arbeit gibt. Sie ist beim LSVD für Regenbogenfamilien zuständig, unterstützt Schwule und Lesben bei der Familiengründung. Sie selbst hat fünf Kinder, die älteste Tochter ist 16 und ihr einjähriges Baby wird gerade von ihrer Freundin zu Hause betreut. Über 20.000 solcher Regenbogenfamilien soll es allein in Berlin geben – und es werden mehr. „Unsere Krabbelgruppe platzt aus allen Nähten“, sagt sie. Deswegen ist sie froh, im Herbst in ein größeres Haus umziehen zu können, ein Beschluss, der von allen im Abgeordnetenhaus unterstützt wurde. „Aber es kommt noch immer vor, dass ich für meine Familie im Schwimmbad keine Familienkarte bekomme“, sagt sie. Andere erzählen, dass sie nicht zum Geburtsvorbereitungskurs zugelassen wurden, weil sie eben zwei Mütter sind. „Doch wenn man mit den Leuten redet, findet sich oft ein Weg.“

Frauen mit Kopftüchern werfen Bonbons

Wie breit die Unterstützung in der Gesellschaft ist, wird vor allem in Kreuzberg deutlich, als aus den Fenstern Frauen mit Kopftüchern Bonbons werfen – und kurz vor dem Potsdamer Platz Bewohner eines Altersheims fröhlich ihre Regenbogenfahnen winken. Leise wird es kurz darauf nur am Holocaust-Mahnmal. Die Veranstalter hatten vereinbart, dort keine Musik zu spielen. Am Straßenrand gegenüber steht eine als Nofretete verkleidete Frau und genießt die Stille. Ihr großer ägyptischer Hut droht immer wieder heruntergeweht zu werden. Die Königin steckt sich seelenruhig eine Zigarette an und schafft es noch, einen Handkuss auf die Wagen zu schicken.

Max winkt zurück, und Tine liest vor, was das Tattoo auf Max' Rücken sagt: „C'est ma vie“. Das ist mein Leben.

Das könnte auch auf Franz passen, ein 49 Jahre alter Immobilienmakler und „Mops-Züchter“, wie er sagt. Er ist sportlich gekleidet, ganz ohne Tattoo und Regenbogen und lebt seit sieben Jahren mit seinem Freund Wolfgang zusammen. Vorher war er verheiratet, hat auch einen 23-jährigen Sohn. „Mein Sohn Felix feiert heute auf Wagen 17“, sagt der Vater und fügt an, das der natürlich nur auf Mädchen stehe. „Aber das hält ihn nicht davon ab, hier Spaß zu haben.“ Bis zum Abend, wenn Marusha auf diesem Wagen auflegt, will Franz nicht bleiben. Sein Mops Scholz brauche ihn.

Video: Der Truck der Berliner Morgenpost