Bildung

400.000 Berliner Schüler haben jetzt Sommerferien

Die Sommerferien in der Hauptstadt haben begonnen. In Reinickendorf allerdings protestieren Eltern gegen die Schließung einer Grundschule.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Geschafft: Das Schuljahr 2011/12 ist zu Ende. Für 400.000 Berliner Schüler an öffentlichen und privaten allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen haben am Mittwoch die Sommerferien begonnen. Etwa 27.000 Kinder erleben die großen Ferien zum ersten Mal. Rund 30.000 Schüler starten hingegen in ihre letzten Sommerferien. Sie haben ihren Abschluss gemacht und die Schule nun verlassen.

6,5 Millionen für Brandschutz

Während die meisten Schüler am Dienstag in bester Stimmung ihre Zeugnisse entgegen genommen haben, herrschte an der Peter-Witte-Grundschule in Reinickendorf allgemeines Entsetzen. Ines Krause, Vorsitzende der Gesamtelternvertretung der Schule, nannte den Grund dafür: „Am letzten Schultag ist den Eltern und der Schulleitung mitgeteilt worden, dass die Schule geschlossen werden soll“, sagte sie. Ein Brandschutzgutachten habe zu Tage gebracht, dass es grundlegende Mängel gibt und 6,5 Millionen Euro nötig wären, um diese zu beheben. Der Bezirk könne dieses Geld nicht aufbringen. „Für die energetische Sanierung unserer Schule waren bis 2014 lediglich 1,5 Millionen Euro eingeplant, mehr ist offenbar nicht drin“, sagte Krause.

Schulhof bereits saniert

Was die Eltern besonders erbost, ist die Tatsache, dass mit der Peter-Witte-Grundschule die einzige gebundene Ganztagsschule des Bezirks schließen soll. Die Schule gehört zu den beliebtesten Schulen in Reinickendorf – in den vergangenen Jahren war die Nachfrage stets größer als die Zahl der Plätze. Viele Familien seien extra in die Nähe der Peter-Witte-Grundschule an der Rathauspromenade 75 gezogen, weil sie ihr Kind unbedingt dort einschulen lassen wollten, so Elternsprecherin Krause. Dieser Erfolg habe vor allem mit dem freundlichen Klima an dieser Bildungseinrichtung zu tun. „Lehrer, Erzieher und Eltern arbeiten seit Jahren gut zusammen, das macht sich bemerkbar.“

Die Elternsprecherin gab außerdem zu bedenken, dass in den vergangenen Jahren bereits mehrere hunderttausend Euro in die Sanierung des Schulhofes, der Heizung sowie der Toiletten der Grundschule investiert worden seien. Das dürfe nicht umsonst gewesen sein.

Demo vor dem Rathaus

Bereits am Dienstag haben Eltern spontan auf dem Schulhof gegen die Schließung der Peter-Witte-Schule protestiert und ihren Unmut auch vor dem Reinickendorfer Rathaus zum Ausdruck gebracht. Elternsprecherin Krause kündigt darüber hinaus weitere Protestaktionen an.

Katrin Schultze-Berndt (CDU), Bildungsstadträtin des Bezirks, kann die Wut der Eltern nachvollziehen. „Ich verstehe vollkommen, dass die Eltern aus dem Häuschen sind.“ Sie hätte gern eine andere Entscheidung getroffen, sagte Schultze-Berndt, doch die Entwicklung der Schülerzahlen im Bezirk würde es nicht rechtfertigen, bei der Bezirksverordnetenversammlung eine außerplanmäßige Investitionsmaßnahme für die Peter-Witte-Schule zu beantragen. „Die Zahlen sind rückläufig, so dass wir die Schüler ohne Probleme auf die Schulen im Umfeld aufteilen können.“

Langsam auslaufen lassen

Für die kommenden sechs Jahre kündigte Schultze-Berndt allerdings einen Kompromiss an. „Wir wollen die Schulgemeinschaft nicht abrupt auseinander reißen, deshalb werden wir die Schule langsam auslaufen lassen“, sagte sie. Im August werde man zum letzten Mal Kinder an der Peter-Witte-Schule einschulen. Diese Schüler würden dann bis zum Ende ihrer Grundschulzeit am Standort bleiben können. „Wir werden im Sommer Brandschutztreppen installieren und die Schule soweit brandschutztechnisch herrichten, dass der Betrieb verlängert werden kann“, so die Schulstadträtin.

Zweiter Gutachter beauftragt

Auf einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag betonten Baustadtrat Martin Lambert (CDU) und Reinickendorfs Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) allerdings, dass man den Schulbetrieb zunächst lediglich für zwei Jahre verlängern kann und sich dann bemühen werde, das Gebäude noch weitere zwei Jahre offen zu halten.

Michael Feske, ebenfalls Mitglied der Gesamtelternvertretung der Peter-Witte-Schule, kündigte ein Gegengutachten an. „Wir haben einen zweiten Gutachter beauftragt, der sich die Schule am Mittwoch ansehen wird“, sagte er.

Brandschutzgutachten war nötig

Bleibt die Frage, weshalb erst jetzt festgestellt worden ist, dass das 1971 erbaute Schulgebäude keinen ausreichenden Brandschutz hat. Katrin Schultze-Berndt sagte dazu, dass im Vorfeld der geplanten Fassadensanierung der Peter-Witte-Schule ein Brandschutzgutachten nötig war. Dabei hätten die Gutachter festgestellt, dass nicht nur Brandschutztreppen und damit ein zweiter Fluchtweg fehlen, sondern auch das gesamte Tragwerk des Gebäudes nicht den Brandschutzbestimmungen entspricht. „Bei einer normalen Brandschutzbegehung sind die Fachleute nicht berechtigt, Deckenplatten hochzuheben. Die Gutachter konnten das aber machen. Deshalb haben sie gesehen, dass das Tragwerk des Hauses nicht brandschutzsicher ist.“

Auslaufmodell ist keine Lösung

Die Eltern sind mit der Kompromisslösung keinesfalls zufrieden. „Die Schule wird zum Auslaufmodell. Viele Lehrer werden sich deshalb bald woanders bewerben“, sagte Elternvertreterin Ines Krause. Außerdem wäre es für die Kinder, die im August eingeschult werden, eine traurige Perspektive, gegen Ende ihrer Grundschulzeit allein im Gebäude sein zu müssen. „Das ist doch dann keine funktionierende Schulgemeinschaft mehr.“