Bezirks-Zuweisung

Berliner Mutter kämpft um einen Schulplatz für ihren Sohn

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Regina Köhler

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER

Ein Siebtklässler aus Schöneberg soll eine Kreuzberger Schule besuchen, die einen schlechten Ruf hat. Die Mutter ist verzweifelt und wütend.

Bei Familie Sandberg aus Schöneberg herrscht in diesen Tagen Ausnahmezustand. Mutter Julie ist verzweifelt. Ihr elfjähriger Sohn Thomas, der jetzt an die Oberschule wechseln muss, hat an seiner Erstwunschschule keinen Platz bekommen. Auch von der Zweit- und Drittwunschschule wurde Thomas abgewiesen. Die Alternativen, die das bezirkliche Schulamt daraufhin vorgeschlagen hat, sind für die Eltern nicht annehmbar.

„Mein Sohn sollte zunächst an die Hector-Peterson-Schule in Kreuzberg gehen“, sagt Julie Sandberg. Diese Schule sei aber wegen vieler Gewaltvorfälle bekannt, deshalb habe sie einen Platz dort abgelehnt. Außerdem wäre der Schulweg viel zu lang gewesen.

Der Bezirk hat Thomas schließlich einen Platz an der Gustav-Langenscheidt-Sekundarschule zugewiesen. Doch Julie Sandberg sieht dort für ihn keine Entwicklungsmöglichkeiten. „Mit seinem befriedigenden Notendurchschnitt wäre unser Sohn einer der Besten des ganzen Jahrgangs, was erahnen lässt, welche Leistungssteigerung an dieser Schule möglich wäre – nämlich überhaupt keine, im Gegenteil“, sagt sie. Auch hätten die Atmosphäre in der Schule sowie deren baulicher Zustand sie abgeschreckt.

Protestbrief an Klaus Wowereit

Julie Sandberg hat deshalb Widerspruch gegen die Zuweisung des Bezirks eingelegt Der wurde abgelehnt. Nun will sie klagen. Auch einen Protestbrief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat Julie Sandberg verfasst. Ihr Sohn stünde mit seinem Problem nicht allein da, schreibt sie und fordert die Politiker auf, „für eine umgehende Lösung des Problems im Sinne der Kinder zu sorgen“. Jede betroffene Familie sei eine zu viel, sagt Sandberg. „Man muss sich nur vorstellen, was es für einen Elfjährigen bedeutet, überall abgelehnt zu werden.“

Sandbergs wollten ihren Sohn Thomas auf die Sophie-Scholl-Schule schicken. „Dort hat unserer großer Sohn im vergangenen Jahr Abitur gemacht, und wir waren sehr zufrieden“, sagt die Mutter. In diesem Jahr habe es jedoch auf die 100 Plätze für Siebtklässler 385 Anmeldungen gegeben. Mit einem Dreierdurchschnitt habe Thomas keine Chance gehabt.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) betont indes, dass für insgesamt 95 Prozent der künftigen Siebtklässler der Erst-, Zweit- oder Drittwunsch in Erfüllung gegangen sei. „Das ist ein ziemlich hoher Anteil“, sagt sie. Im vergangenen Jahr seien es 91 Prozent gewesen.

In den Bezirken sieht es allerdings sehr unterschiedlich aus. In Tempelhof-Schöneberg ist es nach wie vor besonders problematisch. Dort mussten 650 Erstwünsche abgelehnt werden (2011 waren es 1000 Ablehnungen). 200 Schüler hatten weder beim Erst-, Zweit- oder Drittwunsch Glück.

„Diesen Schülern haben wir Angebote gemacht“, sagt Bildungsstadträtin Jutta Kaddatz (CDU). Die meisten hätten diese Angebote angenommen oder sich selbst einen Schulplatz gesucht. „Nur bei 35 Schülern war das nicht der Fall, denen mussten wir einen Platz nachweisen“, sagt Kaddatz.

25 Familien hätten Widerspruch gegen diese Zuweisung eingelegt, darunter auch Familie Sandberg. Dass es in Tempelhof-Schöneberg immer noch recht viele Ablehnungen bei den Erstwünschen gibt, hat vor allem damit zu tun, dass fast alle elf Sekundarschulen des Bezirks, zu denen neben der Sophie-Scholl-Schule auch die Carl-Zeiss-Schule und die Gustav-Heinemann-Schule gehören, übernachgefragt sind. So haben viele Schüler anderer Bezirke einen Platz an diesen Schulen bekommen und die bezirkseigenen Kinder über den Numerus clausus verdrängt.

Berlinweit hat sich die Situation allerdings entspannt. In Neukölln mussten in diesem Jahr 183 Erstwünsche abgelehnt werden, deutlich weniger als 2011, als 400 Erstwünsche nicht in Erfüllung gegangen sind. 75 Schüler haben dieses Mal auch keinen Platz an ihrer Zweit- oder Drittwunschschule erhalten. Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagt, dass es sich in 73 Fällen um fehlende Sekundarschulplätze handelt. „Wir haben diese Schüler an die Keppler-Sekundarschule sowie an die Liebig-Sekundarschule verwiesen.“ Zehn Familien hätten Widerspruch eingelegt. Im vergangenen Jahr seien es 68 Familien gewesen.

Schulen, an denen es noch freie Plätze gibt wie die Kepler- oder die Liebigschule in Neukölln sowie die Langenscheidt-Schule in Schöneberg sind wenig nachgefragte Brennpunktschulen. Bildungsstadträtin Jutta Kaddatz räumt dann auch ein, dass die Langenscheidt-Schule Entwicklungsbedarf hat. „Wir werden diese Schule unterstützen“, verspricht sie. Eine Möglichkeit bestünde darin, einen Projektleiter einzusetzen, der sich darum kümmert, dass es mit der Umwandlung der Schule in eine Sekundarschule klappt und auch bei der Ausbildung des Schulprofils behilflich ist. Julie Sandberg begrüßt dieses Vorhaben zwar. „Für Thomas käme das aber zu spät“, sagt sie.